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Hannah Arendt, Günther Anders: Schreib doch mal hard facts über Dich. Briefe 1939 bis 1975.

München: C. H. Beck Verlag 2016.
286 S. geb.; EUR 29,95.
ISBN 9783406699108.

Es gibt im Prinzip nur drei Gründe, die eine kommentierte Briefausgabe rechtfertigen: Die Publikation sollte entweder einen ästhetischen, einen biografischen oder einen historischen Mehrwert haben, im Idealfall alle drei. Nicht jeder jemals von einer Geistesgröße verfasste Brief ist publikationswürdig, was die Lektüre so mancher Briefausgabe zu einer etwas mühseligen Angelegenheit macht. Gerade wenn alles andere schon publiziert ist, landet man am Ende häufig bei den Briefen. Von Hannah Arendt liegen schon mehrere umfangreiche Briefausgaben vor, am bekanntesten mit Sicherheit der Briefwechsel mit Martin Heidegger, ausgesprochen lesenswert ist jedoch auch die von Ingeborg Nordmann unter dem Titel "Wahrheit gibt es nur zu zweien" herausgegebene Sammlung von Briefen an Freunde wie Kurt Blumenfeld und Uwe Johnson. Eine ungewohnt intime und emotionale Hannah Arendt erlebt man im Briefwechsel mit ihrem zweiten Ehemann Heinrich Blücher. Es ist daher einigermaßen erstaunlich, dass der Briefwechsel von Hannah Arendt und ihrem vormaligen Ehemann Günther Anders, unbestritten zwei der bedeutendsten Intellektuellen des 20. Jahrhunderts, nicht früher den Weg an die Öffentlichkeit gefunden hat. Die Gründe dafür treten beim Lesen recht schnell zutage: Ein erwartbares Geistesfeuerwerk wird dort nämlich nicht gezündet. Lohnenswert ist die Edition aber trotzdem, als persönliches und historisches Zeugnis. Inhaltlich sind die Briefe vor allem als Zeitdokumente interessant, die Verfolgung, Flucht und die Schwierigkeiten des Lebens im Exil sowie der Rückkehr greifbar machen. So stockt einem der Atem, obwohl man den Ausgang ja kennt, wenn man Dokument 6 liest, ein Telegramm von Arendt an Anders vom 23. Mai 1941, mit dem schlichten Text: "SIND GERETTET WOHNEN 317 WEST 95 HANNAH." (S. 23).

Der Briefwechsel setzt zu einem Zeitpunkt ein, als Arendt und Anders schon längst getrennt und auch offiziell zwei Jahre geschieden waren, er beginnt 1939 und endet mit Arendts Tod 1975. Geht es zunächst noch um die verschiedenen Stationen der Flucht, der Rettung, des Sich-Einfindens in die neue Heimat, was Arendt wesentlich besser gelang als dem sich sprachlich entwurzelt fühlenden Anders, dreht sich der immer dünner werdende Briefwechsel am Schluss um fast schon absurd anmutende und immer wieder scheiternde Versuche ein Wiedersehen zu arrangieren. "Liebe Hannah, das ist ja großartig, dass Du Europa so lange unsicher machst. Unter diesen Umständen ist Treffen nicht nur möglich, sondern according to all theories of probability Nichttreffen fast unmöglich.", schreibt Anders am 12.4.1958. Zumindest für den Leser wird das "Nichttreffen" irgendwann zum running gag, zur tragisch-komischen Metapher für die Beziehung der beiden, die es trotz offenkundiger Zuneigung und Anteilnahme am Schicksal des anderen, nicht schaffen, sich im Laufe mehrerer Jahrzehnte öfter als ein paar wenige Male zu treffen, obwohl sie mehrmals nur einen "Katzensprung" (Brief Nr. 39 v. 27.4.1958) voneinander entfernt sind. Der intellektueller Austausch bleibt auf kurze Bemerkunken zum Werk des jeweils anderen und auf das Zusenden von Texten beschränkt, große geistige Auseinandersetzungen gibt es indes nicht.

Eine seltsame Spur von Nähe und Distanz zieht sich durch die Briefe, die im Laufe der Zeit immer weniger werden. Die vertrauliche Anrede "Mein lieber Junge" weicht bald dem neutraleren "Lieber Günther" und auch sonst wird man Zeuge der Entfremdung der ehemaligen Ehepartner. In zwei aufeinanderfolgenden Briefen erfährt man, dass der Kontakt offenbar länger abgebrochen war und Anders erst nach einem Jahr von Arendts Herzinfarkt im Vorjahr erfuhr (Brief Nr. 51 v. 25.6.1975), im nächsten Brief entschuldigt sich Anders "für die Szene, die ich Dir bei unserem letzten Telephongespräch gemacht habe" (Brief Nr. 52 v. 15.8.1975). Gegenbriefe von Arendt finden sich hingegen nicht mehr. Der letzte Brief von Anders schließt: "Wie gern ich Dich wiedergesehen hätte! Aber force majeure hat das verhindert. Wenn ich Dich recht verstanden habe, bist Du mit ziemlicher Regelmäßigkeit in Deiner Tessiner Datscha. Vielleicht, hoffentlich gelingt ein Treffen im nächsten Jahre." Arendt starb nur eine Woche später in New York.

Die Kommentierung der Briefe durch die Herausgeberin Kerstin Putz ist akribisch und sehr hilfreich. Da der Briefwechsel erst nach Ende der Liebes- und Arbeitsbeziehung von Arendt und Anders einsetzt, bleibt gerade die spannendste Zeit im Dunkeln. Um die intellektuelle Beziehung, ihre geistige Nähe aber auch die Differenzen dennoch zu ergründen und verschiedene Facetten sichtbar zu machen, ergänzen mehrere gut ausgewählte Texte den Briefband, etwa der gemeinsam verfasste Aufsatz zu Rilkes "Duineser Elegien" von 1930 oder zwei Gedichte und ein Kurztext zu dem von beiden (wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß) verehrten Walter Benjamin. Erinnert wird man an Anders’ Hellsichtigkeit und Aktualität, etwa in seinem Diktum von der Atombombe als "Ding gewordene Erpressung" (S. 250), wie Kerstin Putz in ihrem lesenswerten Nachwort zitiert.

Wirklich neue Erkenntnisse bietet der Band nicht, er ergründet aber in sehr kompakter Form die Beziehung zweier prägender Figuren des Exils und der Nachkriegszeit und ist auf jeden Fall eine wertvolle Ergänzung der 2012 bei C.H. Beck unter dem Titel "Die Kirschenschlacht" erschienenen Erinnerungen Anders’ an die Ehe mit Arendt, die etwas befremdlich anmuten, weil sie in dialogischer Form dargebracht werden, Arendt allerdings in Wahrheit nicht zu Wort kommt und in einem seltsamen Licht erscheint.

Veronika Schuchter
03. Oktober 2017

 

 

 

 

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