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Karin Peschka: Autolyse Wien. Erzählungen vom Ende.

Otto Müller Verlag, Salzburg, 2017.
180 Seiten; gebunden; Euro 19,-.
ISBN 978-3-7013-1253-5.

Autorin

Leseprobe

Wien? Ein Nichtroman.
Einer, dessen einundvierzig kleine Erzählungen in sich abgeschlossene Studien der vereinzelten Existenz zu sein scheinen. Eine jede davon beginnt mit dieser lapidaren Frage nach dem Zustand der Metropole. Wien? Ein Statement pro Splitter. Eine zerstörte Großstadt, in der nur wenige Menschen überlebt haben.
Was zur Vernichtung geführt hat, ob Atomunglück, Bombenangriff oder Naturkatastrophe, bleibt völlig im Dunkeln, es spielt für die Menschen, die von der aus Oberösterreich stammenden Autorin Karin Peschka literarisch porträtiert werden, keine Rolle mehr. Auch als LeserIn fragt man sich nur ganz zu Beginn, was es mit den Gründen auf sich haben mag, und wird schnell eingesogen von den kleinen Psychogrammen der Übriggebliebenen. Die Vereinzelten bleiben vereinzelt, Kleinstgruppen wie Familien, Paare oder Freunde, welche die Veränderung auf einen Schlag zu winzigen Schicksalsgemeinschaften gemacht hat, bleiben ebenfalls in sich geschlossen. Jede(r) versucht für sich noch eine Weile zu überleben, doch dies geschieht offenbar ohne begründete Hoffnung und Perspektive. Friedrich Schillers Vorstellung von Universalgeschichte als mühevollem Weg des Menschen vom "ungeselligen Höhlenbewohner" zum "gebildeten Weltmann" stellt Karin Peschka mit ihrer Apokalypse auf den Kopf, sie schildert das komplette und unmittelbare Umschlagen ins Gegenteil. Ist das eine Warnung vor dem vielzitierten dünnen Firnis der Zivilisation, ein Ausdruck von Kulturpessimismus gar?

Es scheint noch um etwas anders zu gehen. Was uns Karin Peschka mit ihren "Erzählungen vom Ende", wie sie der Otto-Müller-Verlag untertitelt, da präsentiert, ist ein literarisches "Fragmentarium" der besonderen Art. Es braucht vielleicht tatsächlich diesen Neologismus, um eine angemessene Charakterisierung von "Autolyse Wien" zu versuchen. Da sich jede einzelne der versammelten Geschichten vor demselben postapokalyptischen Hintergrund abspielt, hätte die Autorin ohne weiteres ein Romangeflecht entwerfen können, das die Handelnden der einzelnen Episoden zusammenführt, sie interagieren lässt, das den Versuch einer Gesellschafts-Neugründung zum Thema hat oder zumindest die Absicht zu beschreiben, wie ein Ausagieren von gegenseitiger Repression, das Scheitern menschlichen Zusammenlebens zwangsläufig wieder in eine Sackgasse führen muss.
Nichts von alledem geschieht in "Autolyse Wien", und der Titel legt es ja auch schon nahe: Es geht um die Selbstauflösung einer Stadt, die als abgestorbener Organismus verstanden wird, der auf sein rückstandsfreies Verschwinden hinarbeitet wie in einer der beiden längeren Geschichten das namen- und geschlechtslose Ich, das über sieben kleine Kapitel hinweg seinen eigenen Tod ganz analog zur Erzählung vorbereitet, sich ein ausgeklügeltes System der Selbstbeerdigung ausdenkt, mit Pilzsporen getränkte Tücher sollen den eigenen Körper möglichst schnell in einen geregelten Verwesungszustand überführen, in die endgültige Einswerdung mit allem Stofflichen.
Eine andere Figur namens Margot räumt kleine Areale der verschütteten Stadt wieder auf, indem sie sterbende Vögel pflegt, umgeknickte Sträucher aufrichtet, Steine, Bretter und andere Materialien ordnet und aufstellt, als könne morgen wieder etwas Neues damit gebaut werden, Inseln im Chaos, die ein paar Quadratmeter Struktur schaffen, wo eigentlich nie wieder eine menschengemachte Ordnung der Dinge herstellbar sein wird. Dies geschieht jedoch nicht aus einer zwanghaften Aufbauwut heraus, sondern "ihrer Auffassung nach besaß alles und jedes eine Seele und dies in äußerst flacher Hierarchie".
Wieder andere verschanzen sich, suchen dann und wann fernab von anderen Menschen etwas zu essen und vegetieren einfach nur noch vor sich hin. Einige verweigern die Realität wie jene in die Demenz abgleitende Figur mit der unbestimmten Bezeichnung "Madame", der ein Diener gebratene Ratten als Rehjunges auftischt. Einige schaffen sich eine religiöse Parallelwelt wie in der Episode, in welcher der Vater durch eine posttraumatische Störung zu einem bizarren, seine Familie tyrannisierenden Bet-Monster mutiert.
Bei allen sitzt das Misstrauen gegen die anderen Übriggebliebenen tief: "Wollte ich teilen? Nein. Hatte ich Vorräte? Ja." Karin Peschka beschreibt den kläglichen Rest der Überlebenden als nicht gesellschaftsfähig. Auch die Beziehungen innerhalb der noch bestehenden Klein-Verbünde verändern sich praktisch nirgends zum Guten, bestenfalls werden präapokalyptische Interaktionsweisen beibehalten.
Oft gibt es Rückbezüge zu Personen und Dingen, die nur noch in veränderter Form oder eben gar nicht mehr da sind. Die Erinnerungen an sie oder die veränderte Perspektive auf sie helfen den Handelnden, sich zu orientieren in einer Welt, in der es keine Maßstäbe und keine Orientierung mehr zu geben scheint.
Peschka beschreibt den menschlichen Organismus als etwas mitunter überraschend Anpassungsfähiges, so wie in der grandiosen Sequenz über das "Wiener Kindl", in welcher ein stark entwicklungsgehemmtes Kind, das ohne Eltern und ohne Medikamente eigentlich todgeweiht sein müsste, doch lernt, sich Nahrung zu beschaffen und sogar einige verwildernde Hunde zu dominieren und sich dienstbar zu machen. Mehr noch, es wird ihnen ein Freund, geht in ihrer Gesellschaft auf, schafft sich und der Gruppe eigene Riten, ist letztlich das einzige Wesen, das eine Transzendenz hin zu einer "neuen Gesellschaft" – wenn auch ganz atypisch und post-zivilisatorisch – zu bewerkstelligen in der Lage ist.

Karin Peschkas Stil ist ganz auf die von ihr entworfenen morbiden kammerspielartigen Erzählungen zugeschnitten: sie bleibt nüchtern, beschreibend, aber voll unterschwelliger Empathie mit ihren Geschöpfen. Die Episoden haben das großartige Potenzial, sich in den Köpfen der Leser zu jenem Roman zu verbinden, den die Autorin absichtlich nicht geschrieben hat, und sie führen zur gesellschaftlich notwendigen Diskussion darüber, wie wir eigentlich leben wollen, wenn es einmal kaum noch etwas zu teilen gibt.

Marcus Neuert,
05. September 2017

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