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Sommertag (Glück 4)

Alles auf Anfang: Sommertag. Nichts heiterer, leichter, fröhlicher als die Idee eines warmen Sommertages, in dessen Luft man schwimmen kann, freischwimmen, den Brustkorb öffnen. Und dann passiert sowas, dann kommt ein anderes daher, ein zweites Ich in Form eines anderen, auf den stürzt sich die Begeisterung, stülpt sich drüber, nimmt, was sie kriegen kann. Der: nicht uninteressiert, blöd wäre er. Wie lange hättest du denn gewartet?, fragte sie vor dem Rathaus, denn natürlich war sie es, die ihm die Hand angeboten hatte, zitternd unter Bäumen, deren Laub in der heißen Luft voll dunkelgrüner Schwärze war.

Auf dem Heimweg, und allein der Gedanke, dass sie nun auf einmal einen Heimweg teilen, jagt die Erregung durch den Körper, hebt er sie auf einer Brücke hoch, die Gesichter glänzen in der Restbeleuchtung. Sie müsse jetzt leider die Beine um ihn legen, sagt sie. Dann sei das eben so, sagt er. Das Wasser drunter, sagt er, heiße Dreisam.

Das Finden des Geruchs ein Ankommen, vom ersten Eintauchen an. Aber auf einem Geruch, einer Pheromonübereinstimmung, kann man keine Beziehung aufbauen. Andererseits aber auch nur darauf. Nur das Wiedererkennen von etwas, das so scheint, als hätte man es schon immer gekannt, seit Anfang der erinnerten Zeit, nur dieses Ankommen ermöglicht Öffnung, das sich einander völlig Überlassen, das Teilen von Schmutz und Freude und Erschöpfung, und von allem gab es unerschöpflich viel. Auch mussten die Nächte mit Tanzen und dem Besuch von Aktionstheaterveranstaltungen herumgebracht werden. Berührungen können eine entschieden toxische Wirkung entfalten, die elektrischen Miniaturzündungen, die sie verursachen, pflanzen sich sturmflutartig fort und erzeugen Substanzabhängigkeiten. Wie sie zu einem Ort heimkommen können sollte, an dem sie noch niemals gewesen war, das blieb unklar. Klar war, leuchtend klar, dass sie zur Gänze angenommen wurde und ihn zur Gänze annahm, vorbehaltlos, haltlos.

Das mit dem Auge ist lächerlich, sagte sie ein paar Tage später. Er lachte, sie blickte auf, seine rechte Mundhälfte, von ihm aus, verzog sich: Als ob man das Gesicht von innen sehen könnte, das Negativ der Außenansicht, sagte sie, fasste vorsichtig nach seinen breiten Lippen, die zuckten, ein wenig amüsiert, wie ihr schien, ein Anblick, der sie jedes Mal wieder ins Mark trifft. Das sei doch klar als Symbol der Souveränitätsbehauptung zu verstehen, entgegnete er, fuhr ihr mit der Rückseite des Zeigefingers über den Arm und griff nach der Zigarette, die sie, etwas nachlässig in Hinblick auf die Aschensäule, die sich schon bedenklich nach unten neigte, in der Hand hielt. Blödsinn, sagte sie, wieso sollte man souverän sein, wenn man einem Toten ein Auge aus dem Schädel löst und es in sich hineinstopft? Nur weil es ekelhaft ist? Das sei doch nur ein Bild, sagte er, eine Metapher, und die Souveränität bestehe in der Formulierung des grenzüberschreitenden Wesens der Idee. Aha, sagte sie, drehte sich auf den Bauch, stützte den nackten Oberkörper auf und wollte nach der Zigarette greifen: Er hatte sie in einem Aschenbecher, der neben der Matratze am Boden stand, bereits ausgedrückt und streckte den Arm nach ihr aus. Er habe da einen Vorschlag, sagte er. Ob sie die Route des Crêtes kenne? Die bitte was?, fragte sie, dann begrub er sich unter ihr, so gut er eben konnte.

© Jung und Jung Verlag 2017

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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