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Renate Silberer: Das Wetter hat viele Haare.

Leseprobe:

 

Bonsai und Orchideen, würde Konrad antworten, würde Mutter ihn fragen, welche Blumen er auf den Blumentisch stellen würde.
Sie fragt nicht.
Konrad sitzt auf dem Stuhl, auf dem er immer sitzt, wenn er seine Eltern besucht. Seine Tochter Adele sitzt ihm gegenüber, seine Tochter Marie auf dem Kinderstuhl neben ihm.
Mutter steht vor dem Kühlschrank, ein Geschirrtuch in der Hand.
Mutter sagt zu Vater: Räum das Salatbesteck in die Bestecklade, stell die Gläser mit dem Blumenmuster auf den Tisch, die anderen in die Vitrine, verteil das Besteck, Vati, nimm die roten Servietten.
Es gibt Tafelspitz, sagt sie, an Konrad gewandt.
Vater folgt den Anweisungen. Er legt Messer und Gabeln auf den Tisch, er fragt, Servietten in welcher Farbe?
Rot, sagt Mutter.
Er nimmt gelbe Servietten aus der Schublade, faltet und verteilt sie.
Mutter sagt, ich habe gesagt, du sollst die roten Servietten nehmen, hast du nicht gehört, die roten. Vater sagt, selbstverständlich, Mutti.
Konrad sagt, meine Töchter essen kein Rindfleisch. Mutter sagt, sie werden es essen.
Werden sie nicht.
Vater ersetzt die gelben durch die roten Servietten. Er sagt, die Farbauswahl der Servietten ist von großer Bedeutung.
Die Kinder trinken Orangensaft.
Adele sagt, ich will kein Fleisch essen.
Mutter sagt, wenn ihr nichts von dem Fleisch esst, sie pausiert, wird Omi traurig werden.
Konrad sagt zu den Kindern, ihr dürft essen, was euch schmeckt, und zu Mutter, lass diesen Blödsinn mit dem Traurigwerden.
Blöd-blöd, sagt Marie.
Adele sagt, Omi redet keinen Blödsinn.
Ihr müsst das Fleisch nicht essen, sagt Konrad. Mutter sagt, ihr müsst es probieren.
Vater nickt, Omi kocht für euch und ihr wollt nichts davon essen. Da wird es keine Nachspeise für euch geben.
Konrads Töchter essen nichts.
Dass du ihnen das gestattest, sagt Mutter, bei Annemarie und dir hätte es so etwas nicht gegeben. Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt.
Konrad und seine Töchter essen mitgebrachte Schokoriegel in seinem alten Kinderzimmer. Sie sitzen auf dem Boden mit Bert dem Bären, dem selbst gebastelten Raumschiff aus einem Kanister, seinen alten Tagebüchern, dem Cowboyhut. Adele will den Hut aufsetzen.
Nein, der muffelt.
Bitte, Papa.
Steht dir gut, sagt Konrad.
Adele sagt, Papa, ich will deinen Cowboyhut behalten und ich will ein Raumschiff.
Wohin willst du fliegen?
Adele antwortet nicht, sie lehnt an Konrads Schulter, blättert in einem seiner Tagebücher. Marie ist eingeschlafen. Adele packt die Buntstifte aus.
Darf ich ein lila Pferd in dein Buch malen?
Sie beginnt mit dem Pferdekopf.

(S. 99-101)

© 2017 Kremayr & Scheriau, Wien.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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