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Robert Menasse: Die Hauptstadt.

Leseprobe

Als Mrs Atkinson das Protokoll der Sitzung las, wusste sie, dass sie das Projekt in dieser Form – ja: vergessen konnte. Es gab nun zwei Möglichkeiten: das Projekt definitiv der Arche zuzuschieben – und sie damit scheitern zu lassen. Das würde kaum noch Rumoren im Haus zur Folge haben, denn niemand erwartete von der Arche etwas wirklich Erhellendes. Was hatte ihr Kollege Jean-Philippe Dupont unlängst über die Arche gesagt? »J'adore les lucioles, vraiment, elles sont magnifiques. Mais quand je veux travailler, elles ne me donnent simplement pas assez de lumière!«
Oder aber sie insistierte auf der Grundidee, Jubilee Project zur Verbesserung des Images der Kommission, trennte sich allerdings von der inhaltlichen Idee, die von der Arche gekommen war. Das war ja ein Vorschlag der Arbeitsgruppe: »Warum die Juden? Warum nicht Sport?«
Ja, dachte sie. Warum nicht? Die völkerverbindende Idee des Sports, damit könnte man arbeiten, im Sinne von Artikel 165 Absatz 1, AEU-Vertrag, wie hier im Protokoll vermerkt wurde. Das Sport-Ressort war auch der Generaldirektion für Bildung und Kultur zugeordnet, so könnte sie also weiter mit Frau Xenopoulou zusammenarbeiten, und sie könnten sich weiterhin darauf berufen, dass der Präsident seine grundsätzliche Unterstützung für das Jubilee Project gegeben hatte. Auch das war im Protokoll festgehalten. Allerdings wurde ein Alleingang der Kommission dezidiert abgelehnt, wodurch der Sinn des Projekts, einen Image-Gewinn der Kommission zu erreichen, hinfällig würde. Akzeptiert wurde lediglich, dass das Projekt ausschließlich aus dem Budget der Kommission finanziert werden sollte, was aber schwerlich zu akzeptieren wäre, wenn Rat und Parlament sich anhängten und bei der Planung mit all ihren dauernden Einwänden mitredeten. Und konnte man der Kultur überhaupt zumuten, ihre Idee abzulehnen und sie gleichzeitig zu verpflichten, eine ganz andere Idee umzusetzen, allerdings ohne Aussicht auf einen exklusiven Imagegewinn?
Grace Atkinson knetete ihre Finger. Die Brüsseler Küche tat ihr gut. Sie hatte schon acht Pfund zugenommen, und sie war erstaunt darüber, dass auch die Durchblutung ihrer Hände und Füße nun besser zu funktionieren schien. Und keine Spur mehr von Blässe, von bleicher Gesichtshaut wie Papier. Sie hatte jetzt rote Wangen, wie auf den Porträts von Sir Thomas Lawrence, dem Lieblingsmaler der Queen. Das war vielleicht auch Folge des Gläschens Champagner oder, sie wollte ja nicht übertreiben, Prosecco, das sie ab und zu trank. Sie hatte die Erfahrung gemacht, dass ein Gläschen, nur ein kleines Gläschen, maximal zwei, ihre Phantasie anregte, ihr Verstand wurde offener, zugleich war sie entschlossener, nur ihre Finger knetete sie noch aus Gewohnheit.
Sie knetete und dachte nach. Zunächst müsste sie herausfinden, wie Fenia Xenopoulou auf das Protokoll der Ratssitzung reagierte.
Sollte sie ihre eine Mail schreiben und ein Treffen vorschlagen, um zu besprechen, wie man die vorliegenden Einwände adaptieren könnte?
Unsinn. Da gab es nichts zu adaptieren. Und eine solche Mail käme daher schon einer definitiven Distanzierung von der Idee gleich, die von der Arche geliefert worden war.
Grace Atkinson fühlte sich schlecht. Sie war ein loyaler Mensch. Sie hatte das Engagement von Fenia Xenopoulou ehrlich geschätzt. Loyalität und Fairness, das waren für sie keine Phrasen, sondern tief in ihre Seele verankerte Prinzipien, das menschliche Rüstzeug, um in Würde und durchaus mit dem Anspruch auf Erfolg seinen Weg zu gehen. Sie war in etwas hineingeraten, wo berufliches und menschliches Überleben vielleicht von ganz anderen Parametern abhing, und sie wusste nicht, ob das damit zu tun hatte, dass hier Menschen mit ganz verschiedenen kulturellen Prägungen zusammenarbeiten mussten oder, weil große bürokratische Systeme grundsätzlich zu solchen Widersprüchen führten. Sie hatte zuvor in Gremien der University of London gearbeitet, dann im Kabinett des englischen Außenministers. In beiden Fällen hatte es sich um schlanke Strukturen gehandelt, wenngleich sie nicht transparent waren. Im Grunde hatte sich alles hinter verschlossenen Türen abgespielt; die berühmten Polstertüren, sie waren Metapher und Realität gleichzeitig. Aber hier, hier war sie unausgesetzt unter Beobachtung, und alle Mails wurden abgespeichert und einer Akte zugeordnet, die dann nach einer gewissen Zeit nach Florenz kam, ins Archiv der Europäischen Union, wo Historiker saßen und darin herumstocherten. Wenn eine Entscheidung im Kabinett des Ministers in London zu treffen war, dauerte die Debatte maximal dreißig Minuten, inklusive der Rituale und Floskeln am Beginn und am Ende. Da saßen Menschen zusammen, die denselben Background hatten, eine vergleichbare Herkunft, daher auch dieselben Schulen besucht hatten, dieselbe Sprache mit demselben Akzent sprachen, an dem sie einander erkannten, sie alle hatten Ehepartner aus derselben gesellschaftlichen Schicht, sie hatten zu achtzig oder neunzig Prozent deckungsgleiche Biographien und weitgehend identische Erfahrungen. Es gab ein Problem? In zwanzig Minuten waren sich diese weißen, protestantischen Eliteschulen-Abgänger einig. Was ein anderer in diesem Kreis sagte, klang, als führte man ein Selbstgespräch. Aber hier in Brüssel? Da saßen ständig Menschen zusammen, mit verschiedenen Sprachen und verschiedenen kulturellen Prägungen, vor allem aus den Staaten im Osten kamen viele auch aus Arbeiter- oder Handwerkerfamilien, sie hatten ganz unterschiedliche Erfahrungen, und alles, was Grace Atkinson in zwanzig Minuten zu klären gewohnt war, dauerte hier Stunden, Tage, Wochen.
Sie fand das faszinierend. Sie musste sich eingestehen, dass die Entscheidungen, die im Zirkel der Eliten in England so schnell getroffen werden konnten, in der Regel nicht den Interessen der Mehrheit der britischen Bevölkerung entsprachen, egal wer regierte. Hier war es umgekehrt. Es gab so viele, so unendlich mühsame Kompromisse, dass deswegen niemand mehr, egal wo, verstand, dass seine Interessen in diesem Kompromiss irgendwie aufgehoben waren. Es war komplizierter, aber es war auch spannender, doch manchmal dachte sie: Man müsste autoritär durchgreifen können, mit Weisungs- und Durchgriffsrecht und – Mrs Atkinson schluckte. Der Gedanke schockierte sie. Jedenfalls keine Mail. Sie hätte es nicht fair gefunden, sich aktenkundig von Frau Xenopoulou zu distanzieren. Absolut nicht fair. Sie schenkte sich noch ein Glas Prosecco ein und beschloss, Fenia Xenopoulou anzurufen.

© 2017 Suhrkamp Verlag, Berlin

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