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Sieglinde Klettenhammer / Erika Wimmer (Hrsg.): Joseph Zoderer – Neue Perspektiven auf sein Werk.

Internationales Symposium Nov. 2015.
Innsbruck-Wien-Bozen: Studienverlag 2017.  (= Edition Brenner-Forum 13)
348 Seiten; geb.; Euro 39,90.

ISBN: 978-3-7065-5580-7.

Die Absicht der Herausgeberinnen, Joseph Zoderer mit diesem Band aus der stereotypen Rezeptionsecke eines "Südtiroler Autor[s]" (S. 8) herauszuholen, ist mit diesem Sammelband, der in Zusammenhang mit einem FWF-Projekt zur Neuverortung des Gesamtwerkes dieses Autors vor dem Hintergrund des nun zugänglichen Vorlasses entstanden ist, zweifellos aufgegangen. Denn nicht nur die darin versammelten literarhistorischen Einbettungen bzw. die Kontextualisierungen des Werkes im Rahmen von "Literatur aus mehrsprachigen und mehrkulturellen Räumen" (S. 8), sondern auch Einzelinterpretationen von Texten und Untersuchungen zur journalistischen Tätigkeit, zu den Tagebüchern und zur Korrespondenz zeigen deutlich, dass das schriftstellerische Werk Zoderers sich keineswegs "auf diesen Herkunftsraum reduzieren lässt." (S. 8) Der aspektereiche Band deckt in literaturwissenschaftlich eindrucksvoller Weise die Themen-, Stil- und Genrevielfalt des Zodererschen Schreibens ab und bietet, teils unter Einbezug der Vorlass-Materialien, durchwegs die im Vorwort versprochene "Neubewertung" und "Neuinterpretation" (S. 9). Man hätte allerdings die Studien zu den vorhin genannten Segmenten des ganzen Schaffens in Kapitel gliedern können, um eine dienlichere Übersicht zu gewährleisten, denn aus der vorliegenden Reihung ist das Prinzip der Anordnung nicht recht ersichtlich.

Verortungen, Kontextualisierungen, Rahmungen

In Hinsicht auf die Situierung von Zoderers Werk jenseits der kulturellen Flure Südtirols setzt Evelyne Polt-Heinzl bereits eingangs einen starken Akzent, indem sie zeigt, wie der Autor von Beginn seiner literarischen Tätigkeit an einigermaßen im Takt der gemeinhin literaturgeschichtlich bekannten Macharten bzw. Motivphasen (Experiment/Empörung, Ich/Familie, schwarze Pädagogik, österreichische Provinz, Fremde etc.) geschrieben hat. Literaturhistorische Rahmenüberlegungen höher zielender Art stellt Johann Holzner an, wenn er (in Bezug auf Franz Tumler und Joseph Zoderer) fragt, ob Werkausgaben als "Indizien für Kanonizität" (S. 25) anzusehen seien. Abgesehen davon, dass der Artikel interessante vergleichende Ausführungen zur Poetik der beiden Dichter bringt, beantwortet er die Frage in Form eines zaghaft optimistischen Ausblicks, nämlich dass Werkeditionen eine "Kanonisierung bestenfalls vorantreiben" (S. 33), aber nicht alleine entscheidend beeinflussen können, was aber immerhin ein guter Grund ist, die seit 2015 laufende Zoderer-Ausgabe fortzusetzen. Joseph Zoderers Erzählung Wir gingen im Kontext des Vertreibungsdiskurses zu betrachten, unternimmt Tomas Sommadossi in seinem Beitrag. Dieser liefert zwar einige aufschlussreiche Aspekte zu Fulvio Tomizza und Herta Müller, die knapp mehr als zwei Seiten, die für Zoderer abfallen, bieten hingegen wenig Neues. Eine ergiebigere Vergleichsstudie stellt der Beitrag von Alessandro Costazza dar, der den Topos der Fahrten in den Süden bei Tumler, Zoderer, Francesca Melandri und Sabine Gruber untersucht und plausibel macht, dass deren Romane mittels eines dezentrierten Blicks die Sicht auf neue Themen freigeben, die herkömmliche kulturelle und ideologische Polarisierungen überwinden. (Vgl. S. 92) Als thematische Rahmenzeichnung hervorzuheben sind auch Klaus Johanns Ausführungen zum Internatsroman Das Glück beim Händewaschen, die zu einer raumtheoretisch geleiteten Interpretation auch eine kleine Geschichte und Poetik dieses Subgenres mitliefern. Die Einbettung, die Verena Zankl vornimmt, ist anderer Art: sie zeigt den Autor, der sich wiederholt als außerhalb des Literaturbetriebs stehend präsentiert hat (vgl. S. 179), anhand seiner Korrespondenz als gleichwohl gut in diesem Betrieb vernetzt. Neben dem angeführten, durchaus respektgebietenden Belegmaterial sind es auch die Faksimiles des Briefwechsels mit dem "Komplizen" (S. 195) Handke, die beim Leser/Rezensenten bleibenden Eindruck hinterlassen.

Interpretationen, Motivanalysen

In einem Interview mit Sigurd Paul Scheichl (2010) wendet sich der Autor gegen eine Rezeption, die sich vornehmlich an den Themen und weniger an der Struktur orientiert, zumal Lontano weise eine ausgeklügelte Programmierung auf. Das damals beanstandete Rezeptionsmanko wird nunmehr durch Scheichls einschlägige Analyse des Romans mehr als behoben. Er präpariert mit detektivischer Sorgfalt das Konstruktionskalkül ohne den "gleichwohl faszinierenden Blick […] auf die Materialien im Brenner-Archiv" (S. 115) heraus, indem er höchst glaubhaft in der nur indirekten Präsenz der Figur Mena (vgl. S. 117) die bestimmende Strukturierung von Lontano ausmacht. Sigurd Scheichl geht hiermit die implizite Wette ein, dass Vorlassdokumente sein Ergebnis bestätigen würden, und er wird sie mit großer Wahrscheinlichkeit gewinnen. Um (gespaltete) Räume, Grenzen und deren Überwindung (durch Reisen), also um Zoderersche Grundtopoi, geht es in den Beiträgen von Jürgen Heizmann, Maria Luisa Roli sowie Sylvie Grimm-Hamen. Ohne deren interpretatorischen Ertrag in Bezug auf einzelne Aspekte und interessante Detailbeobachtungen schmälern zu wollen, soll gleichwohl angemerkt werden, dass sich hierzu scheinbar kaum wesentlich Neues erkennen lässt. Die Feststellung von Grimm-Hamen in Hinsicht auf "Richards Grenzerfahrung [aus Die Farben der Grausamkeit] als "grundsätzliches Nichtfixiertseinwollen" (S. 246) hat das Zeug, zu einer Deutungsformel für auch andere Protagonisten von Zoderer-Romanen zu avancieren. Im Grunde auch bekannt (aus seiner umfangreichen Studie von 2012 bzw. einem Beitrag im Text+Kritik-Bd. 188), nichtsdestoweniger interessant und gewichtig, sind Bernhard Arnold Kruses Erkundungen zur Nationalismus-, Fremdheits- und Identitätsproblematik: die Rede von "anziehender Fremdheit" (S. 45) bzw. "offene[r] Fremde" (S. 48) erfasst gewiss eine elementare Atmosphärenqualität von Zoderers Erzähltexten. Der selben Thematik nimmt sich Sieglinde Klettenhammer an, wenn sie mit philosophisch-psychologischem Hintergrund das Fremde in Paarbeziehungen ergründet. Das Ergebnis hier in die resümierende Formulierung "Begehren nach Einssein und dem nach Differenz" (S. 297) bzw. "Bewegung zwischen Abgestoßensein und Besitzenwollen" (S. 293) zu pressen, ist zwar etwas respektlos gegenüber der Feinheit der Untersuchung, trifft aber den intentionalen Befindlichkeitskern der Zodererschen Männerfiguren recht genau. Analysen der Naturdarstellungen bei Zoderer sind bisher in der Forschungsliteratur rar bzw. kommt dieses Thema eher nur in Zusammenhang mit Heimat zur Sprache. Der Aufsatz von Andrea Margreiter stellt daher eine grundsätzliche und wegweisende Arbeit dazu dar. Sie zeigt anhand der Tagebücher (einiger Faksimiles) aus dem Vorlass, dass erst die Wohnungnahme des Autors im abgelegenen Weberhof dessen Interesse für Natur geweckt hat und inwiefern diese Aufzeichnungen, die eine "phänomenologische Haltung" (S. 212) einnehmen und sich nicht fern der Naturästhetik Stifters bewegen, für die Romane relevant wurden. Eines etwas entlegeneren Aspekts nimmt sich Barbara Siller an, wenn sie vergleichend die Freundschaftsnarrative in Konrad und in Uwe Timms Der Freund und der Fremde untersucht. Dieser Vergleich, der sich auf den ersten Blick nicht aufdrängt, stellt sich im Weiteren doch als lohnend heraus. "Zoderer avec Derrida" könnte wohl Eleonore De Felips Interpretation des Lyrikbandes Hundstrauer übertitelt sein – soll heißen: Dass darin die Reverenz an poststrukturalistische Literaturtheorien etwas überschießend ausfällt. Abgesehen vom besagten Zugeständnis an diese (perennierende) Mode unserer Disziplin überzeugen die Einschreibung dieser Gedichte in die Genrehistorie des Epikedeion und die textnahen Interpretationspassagen vollkommen.

Gattungen, Schreibweisen, Entwicklungen

Zoderers Lyrik lässt sich auch Erika Wimmer angelegen sein, vor allem deren Entwicklung, zumal die darin zum Ausdruck gelangende Tendenz einer zunehmenden Abkehr von einer Außengerichtetheit (einer politischen Subversion) "nach innen, […] zur Geste der Selbstanklage" (S. 317), wie sie parallel auch in der Prosa zu verzeichnen sei. Diese Außen-Innen-Spannung konstituiert Wimmer zufolge auch die Poetik der Liebesgedichte, besonders von Die elfte Häutung. Diese Beobachtung bedeutet ein vorzügliches Integrativ der Zoderer-Forschung, denn es liegt mehr als nahe, von hier aus einen Anschluss an die Themen "gespaltene Räume", "Heimat/Fremde" etc. herzustellen. Mit der politisch-subversiven Phase der Schreibens befasst sich eingehend auch Hermann Korte, der das epische Frühwerk auf den sprachkritischen "Autoritäts- und Widerstandsdiskurs von 1968"(105) bezieht und dies anhand von Detailinterpretationen (vgl. S. 107f.) anschaulich illustriert, womit er einen maßgeblichen Zugang zu dieser ziemlich sperrigen Prosa schafft. Die ganz frühe Prosa, allerdings die nichtliterarische, untersucht Irene Zanol, nämlich Zoderers Gerichtsberichterstattung. Der Artikel beinhaltet eine kurze, feine Geschichte dieser Textgattung, rekonstruiert den Werdegang und die berufliche Haltung des journalistischen Autors und eruiert auch Aspekte der Wechselbeziehungen zwischen dem Journalistischen und dem Literarischen im Werk. Dass Zoderers literarische Entwicklung allerdings nicht immer kontinuierlich verlief, zeigt eindrücklich Hans-Georg Grüning, der in einer Statistik von dessen Schreibtätigkeit (vgl. S. 125) die Produktionsrhythmen veranschaulicht und mit feinem Gespür auf Sprachzweifel, Schreibkrise und wiedergewonnenes Wort (als wiederaufgenommenes Leben) eingeht.

Insgesamt lässt sich von diesem Band mit vielen guten Gründen sagen, dass er das Versprechen, das vom Untertitel "Neue Perspektiven auf sein Werk" ausgeht, auf zuverlässige Weise hält, und man darf neugierig sein, welche Erkenntnisse noch dazugewonnen werden können, wenn die Aufarbeitung des Vorlasses weitere Stufen erreicht hat.

Günther A. Höfler, Graz
6. November 2017

 

 

 

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