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Thomas Hardtke / Johannes Kleine / Charlton Payne (Hrsg.): Niemandsbuchten und Schutzbefohlene.

Flucht-Räume und Flüchtlingsfiguren in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.
Göttingen: V & R unipress, 2017.
(= Deutschsprachige Gegenwartsliteratur und Medien, Bd. 22)
327 S.; Euro 50,00.
ISBN: 978-3-8471-0681-4.

Der Flüchtling ist seit 2015 ganz unumstritten die zentrale Figur der deutschsprachigen Literaturszene. Die so genannte Flüchtlingskrise, der Flüchtlingsstrom hat die Das bin doch ich-Welle endlich aufgehalten und zugleich neuen literarischen Arbeiten zahllose Impulse vermittelt, sich wieder in die politische Diskussion einzumischen: diese mit Argusaugen zu verfolgen oder auch sogar mitzusteuern, und zwar mit höchst-anschaulichen statt mit bloß statistischen Daten. Die Kehrseite dieses Prozesses ist allerdings ebenfalls kaum zu übersehen. Selten sind mit einem Schlag so viele Bücher, deren ästhetisches Potential sich in recht engen Grenzen hält, auf die Bestsellerlisten geklettert, allein weil sie diverse Grenzüberschreitungen thematisiert und Grenzgänger aller Art als Helden gefeiert haben. Literaturkritik und Literaturwissenschaft wollen mittlerweile, das versteht sich, diesen Sonderzug begleiten: Vom Glanz viel-besprochener Bücher strahlt nämlich doch wohl immer etwas zurück auch auf die, die diese Bücher besprechen und so sich plötzlich in die Lage versetzt sehen, auch ihrerseits den Diskurs darüber, was in unseren Breiten zu schaffen oder zu stoppen wäre, mit mehr oder weniger elaborierten Strategien weiter anzukurbeln.

Es ist daher nicht verwunderlich, dass sich die betreffenden (betroffenen) Schriftsteller/innen, sofern sie mit trivialen Strategien nichts zu tun haben wollen, gelegentlich schon heftig wehren gegen alle diese Zuschreibungen, die in der Hauptsache mit Raum-Vorstellungen verknüpft sind: wie Flucht, Exil, Migration, Transkulturalität, Transspatialität u.a.m., weil diese Zuordnungen die Parameter Kulturraum und Nation oder auch Grenze derart massiv herausstreichen, dass daneben oft auf der Strecke bleibt, was diese Autorinnen und Autoren als ihr Hauptgeschäft betrachten, nämlich die Arbeit mit bzw. an der Sprache, die Übertragung von eigenen oder fremden Wahrnehmungen und Erfahrungen in die Welt der Literatur. – In einem Interview äußerte sich Terézia Mora über die Rezeption ihres Romans Alle Tage wie folgt: "Es war eine positive Überraschung für mich, dass verschiedene Rezensionen sich auf verschiedene Aspekte konzentriert haben: mal war es die Sprache, mal Gott, mal die Panik. Ich befürchtete im Vorfeld, man würde sich mit dem Flüchtling begnügen […]." Gebranntes Kind fürchtet das Feuer.

Die Herausgeber des Sammelbandes über Niemandsbuchten und Schutzbefohlene fürchten dagegen das Feuer nicht; schon mit ihrem Titel deuten sie unübersehbar an, dass sie keineswegs nur Werke von Flüchtlingen erörtern wollen, dass in ihrem Buch zudem Arbeiten z. B. von Peter Handke und Elfriede Jelinek zur Sprache kommen und dass somit die im Alltagsgespräch kursierenden Konzepte über die Flüchtlinge in den Beiträgen dieses Bandes (wie in den zur Diskussion stehenden literarischen Werken) grundsätzlich kritisch überprüft werden. In diesen Beiträgen ist folglich auch, aber nicht nur von Opfern die Rede, es ist die Rede von Überlebenskünstlern und Sinnstiftern, von Schleppern, die besser als Fluchthelfer zu bezeichnen wären, und nicht zuletzt weiterhin von der ‚Ankunftsgesellschaft‘, von der Verantwortung der Aufnahmeländer. – Auf die aktuelle politische Situation in Europa wird immer wieder Bezug genommen. Dass nahezu zeitgleich in Sammelbänden anderer Verlagshäuser sowie auf diversen internationalen Tagungen kultur- und literaturwissenschaftliche Analysen zu Flüchtlingsfiguren in der Gegenwartsliteratur (und also auch mehr oder weniger zu denselben Werken) präsentiert worden sind, ist weder den Herausgebern noch den Beiträgern entgangen; wo immer das (noch) möglich gewesen ist, wird in der Regel auf einschlägige Vorarbeiten hingewiesen: Das sei hier ausdrücklich angemerkt; denn nicht wenige Studien laufen längst schon, angestoßen von der Hochkonjunktur der Konzepte des Nomadischen und Hybriden, auf den Feldern der Grenzgänger-Literatur, der "Emigranten- und Immigrantenliteratur" parallel, ohne voneinander Notiz zu nehmen.

In den ersten Aufsätzen dieses Bandes geht es hauptsächlich um den Fragenkomplex "Identität und Identitätslosigkeit". Hansjörg Bay (Flensburg) analysiert Sherko Fatahs Roman Das dunkle Schiff als "postheroische" Migrationsgeschichte, indem er insbesondere die heikle Verknüpfung der Themen Flucht und Extremismus diskutiert; Fatah provoziert durchaus einander widersprechende Argumente, politischen Verkürzungen aber leistet er, nach Bay, keinen Vorschub. Die durch die Flucht ausgelöste Orientierungslosigkeit, die das Bedürfnis steigert, sich nach religiösen Optionen umzusehen, jedoch nicht zwangsläufig im Wirkungskreis radikaler Gruppen enden muss, ist (daran direkt anschließend) das Thema eines Vergleichs zwischen den sehr unterschiedlichen Fluchtnarrativen von Sherko Fatah und Abbas Khider, dem Warda El-Kaddouri (Gent) in einem kurz gefassten Auszug aus ihrer Dissertation nachgeht; aus der Lektüre des Romans Der falsche Inder zieht sie den Schluss, dass es für jeden Flüchtling "wenigstens ein geringes Identifizierungsangebot in (oder gar mit) der neuen Heimat" geben müsste, um die ständig drohenden Tendenzen zur Radikalisierung über religiöse Indoktrination (von welcher Seite auch immer) einzudämmen. Stefan Alker (Wien) beschäftigt sich schließlich mit einer untypischen Fluchterzählung, nämlich mit dem Auswandertag von Klaus Oppitz, mit einem Text, der "auf spielerisch-satirische Weise den Diskurs über Radikalisierung und Parallelgesellschaften" überspitzt und doch wohl eher als Vorlage für einen TV-Vorabendfilm als für die Aufnahme in den Kanon der Flüchtlingsliteratur in Frage kommt.

Über "Orte und Ortlosigkeit" geht es im zweiten Teil des Bandes. In seiner Studie über Terézia Moras Roman Alle Tage konzentriert sich René Kegelmann (Hildesheim), obgleich er das oben erwähnte Interview schon eingangs und auch ausführlich zitiert, zunächst einmal doch auf die Figur des Flüchtlings. Dabei verweist er auf zwei ganz unterschiedliche Ebenen in diesem Roman; die eine, die mit dem Status des Bürgerkriegsflüchtlings, also mit Konsequenzen wie Staatenlosigkeit, Abschiebung oder Asylansuchen zu tun hat, und die andere, nicht weniger existenzielle, die mit Elementen wie Identität, Labyrinth oder Ortlosigkeit verknüpft ist. Die narrative Konstruktion des Romans eröffnet in diesem Komplex, wie Kegelmann ausführt, eine Reihe von erst aufzufüllenden Leerstellen, so indes dass am Ende jede Vorstellung, Heimat und Fremde könnten als Antipoden betrachtet werden, auf einen ganz und gar ungesicherten Weg führt. Über "Flüchtlinge in der Literatur Peter Handkes" schreibt Christian Luckscheiter (Berlin); indem er noch einmal einzelnen Ortsschriften Handkes nachgeht, stößt er immer wieder auf Protagonisten, die in der Flucht vornehmlich eine Befreiung sehen (was Handke-Spezialisten nicht sonderlich überraschen dürfte). Anderen Versuchen einer neuen (Selbst-)Verortung begegnet Hanna Maria Hofmann (Aachen), die sich wieder einmal Abbas Khiders Der falsche Inder und im Vergleich damit den Roman Transit von Anna Seghers vornimmt. Indem sie den längst schon inflationär verwendeten Begriff der Hybridität ausblendet und an seine Stelle in Anlehnung an Lars Wilhelmer den Transit-Ort setzt, als einen Ort, an dem feste Positionen "im Hinblick auf politische, soziale oder kulturelle Differenzen" aufgelöst werden (können) und ein neuer Raum sich öffnet für andere Positionen, kann sie den Blick auf beide Romane schärfen; während Khiders Held ein ‚wunderlicher‘ Grenz- und Einzelgänger bleibt, der seinen Ort als Künstler zwischen den Kulturen findet, zeichnet Transit die "Utopie einer europäischen Wertegemeinschaft" bereits in einer historischen Konstellation, in der Europa von der Umsetzung einer solchen Perspektive noch meilenweit entfernt ist.

Erzählstrategien stehen im Mittelpunkt des dritten Kapitels. Sabine Zubarik (Erfurt) schreibt über Lutz Seilers Roman Kruso, David Österle (Wien) über Sprachkritik in Elfriede Jelineks Die Schutzbefohlenen, Svetlana Arnaudova (Sofia) über Saša Stanišic; Martin Sablotny (Dresden) schließlich untersucht und vergleicht die Spielmetaphorik im Erzählen von der Flucht bei Ilija Trojanow und Michael Köhlmeier. – In diesen Aufsätzen wird vor allem dargelegt, wie das Erzählen selbst (in Seilers Roman) bzw. die Sprache und das Sprechen (in dem 2013 auf ihrer Website erstmals veröffentlichten Theatertext von Elfriede Jelinek) ins Zentrum der Aufmerksamkeit gebracht wird. Auch Stanišics Roman Wie der Soldat das Grammofon repariert gerät "mitten in die theoretische Diskussion über die Rolle der Erzählinstanz in historischen und literarischen Narrativen […], über die Verschränkung zwischen dokumentarischen und narrativ-konstruktivistischen Herangehensweisen in Historiografie und Literatur" (Arnaudova). Alle diese hier besprochenen Texte arbeiten mit innovativen ästhetischen Elementen, um konventionelle Sprach- und Denkbilder oder festgefrorene Strukturen des Erinnerns aufzubrechen und im Gegenzug für eine unüberhörbare Polyphonie von Stimmen zu sorgen, das heißt: Literatur zu präsentieren, die jedem Bestechungsversuch sich energisch widersetzt. In seiner Besprechung von Trojanows Roman Die Welt ist groß und Rettung lauert überall und Köhlmeiers Roman Die Abenteuer des Joel Spazierer geht Sablotny der Funktion von ‚Erzählspielen‘ nach. Er betrachtet sie als "Mittel der Selbstbehauptung"; sie werden nämlich von Protagonisten, die für die Flucht ihr Leben riskiert haben, vor allem eingesetzt in der Absicht, Fremdzuschreibungen möglichst von vornherein abzuwehren und verloren gegangene Facetten ihrer Identität zurückzugewinnen.

Das Konzept, diversen Erzählstrategien einen eigenen Abschnitt zu widmen, als wären die Darstellungsmittel nicht in allen hier zur Diskussion stehenden Werken die tragenden (oder auch renovierungsbedürftigen) Säulen, dieses Konzept ist nicht so recht überzeugend. – Das vierte Kapitel beschäftigt sich vorwiegend mit "Historischen Fluchtsujets" (aber zunächst einmal doch auch weiterhin sehr intensiv mit Erzählstrategien). In einer grundlegenden Studie, im spannendsten Beitrag des Bandes überhaupt befasst sich Doerte Bischoff, die Leiterin der Walter A. Berendsohn Forschungsstelle für deutsche Exilliteratur an der Universität Hamburg, mit dem Thema "Flüchtlinge der NS-Zeit in der Gegenwartsliteratur", konkret mit dem Roman Die englischen Jahre von Norbert Gstrein und mit Michael Lentz’ Pazifik Exil. In beiden Romanen wird eine Reihe von Erzählungen über das Exil (kritisch) hinterfragt und somit das etablierte Wissen unterlaufen, das aus homogenisierenden Texten und aus den Erträgen der um Akzentsetzungen (also auch die Festigung der eigenen Positionen) bemühten Forschung spricht; da wie dort sind "Falschmünzer" am Werk, steht die Instanz des Erzählers (oder auch des Autors) regelrecht auf dem Prüfstand, da wie dort stellen Gstrein und Lentz den traditionellen Narrativen der Zeitzeugen wie der Nachgeborenen nicht das beste Zeugnis aus. Bischoff aber bietet außergewöhnlich umsichtige Interpretationen der beiden Romane und darüber hinaus (von diesen Interpretationen ausgehend) auch eine Fülle von methodischen Anregungen, die Exilforschung einerseits weit stärker als gewohnt an die Gegenwartsliteratur und andererseits zugleich an die jüngsten Diskurse der Kultur- und Literaturwissenschaften anzubinden. Die Zuverlässigkeit der Erzähler ist dann auch in den daran anschließenden Beiträgen ein wichtiges Thema; sowohl in Ursula Krechels Shanghai-Roman, den Charlton Payne (Berkeley) rezensiert, wie in Christoph Heins Roman Landnahme, mit dem sich Katrin Max (Leipzig) auseinandersetzt.

Der Titel des letzten Abschnitts könnte genauso gut über allen anderen Sektoren auch stehen: "Literatur und Diskurs". Manuel Clemens (Rutgers University, NJ) stellt Zuschreibungen aus dem Bereich der Literaturkritik zusammen, die (wie vor Jahren schon Sigrid Löffler) die Migrantenliteratur als "neue Weltliteratur", als starken Gegenpol zur sterbenskranken deutschsprachigen "Schlappschwanzliteratur" (Maxim Biller) charakterisieren; Flüchtlinge, Migranten, die authentisch-singuläre Erfahrungen vermitteln, sind aus dieser Perspektive "neue Sinnstifter". Alexandra Ludewig (University of Western Australia) schließt mit einer Besprechung von Jenny Erpenbecks Roman Gehen, ging, gegangen direkt an diese Beiträge zur aktuellen Flüchtlingsdebatte (und zum Versagen der Bildungsbürger in dieser Frage) an, während Ivo Theele (Flensburg) im Anschluss an zwei Arbeiten von Maxi Obexer (zum einen ihr Romandebüt und zum andern ihr Hörspiel Illegale Helfer) sich für eine differenzierte Auseinandersetzung mit der gemeinhin dämonisierten Figur des Schleppers, des Fluchthelfers einsetzt. Zu den Grenzerfahrungen, die in Abbas Khiders Debütroman thematisiert werden, zählen indessen wieder ausschließlich Begegnungen mit Schleppern, die von niemandem als "Helfer" wahrgenommen werden; Sarah Steidl (Hamburg), die am Ende noch ein weiteres Mal diesen (hier schon mehrfach genannten) Roman einer Relektüre unterzieht, teilt Khiders Auffassung, dass sich mit der Figur des Flüchtlings nicht nur die territorialen Grenzen in Bewegung setzen, sondern ganz andere Grenzen auch. – Am Brenner, um an dieser Stelle nur einen einzigen Grenzübergang hervorzuheben, schaut’s freilich ganz anders aus.

Ein sorgfältiges Lektorat, das soll an dieser Stelle nicht verschwiegen werden, hätte manche Widersprüche (z. B. rund um den Begriff ‚Odyssee‘) aufgehoben und wohl auch einen Satz wie den folgenden ersatzlos gestrichen: "Flüchtlingsfiguren werden in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur so dargestellt, dass sich Reflexionsräume öffnen für Fragen nach der Umschreibung als Bedingung der Erinnerung an Flüchtlinge." Hin und wieder wäre es auch einen Versuch wert gewesen, Passagen aus dem postmodernistischen Kauderwelsch (einzelner Beiträge) probeweise ins Deutsche zu übersetzen; so hätte sich gelegentlich sofort überdeutlich gezeigt, dass im Hochgeschraubten manchmal nichts anderes als Blendwerk verborgen ist. – Gleichwohl, der Band sollte, wie die Herausgeber sich das vorgenommen haben, die methodologische Reflexion innerhalb der Literaturwissenschaft über den Komplex Flucht, Exil, Migration ganz bestimmt nachhaltig befördern.

Johann Holzner
13. Dezember 2017


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