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Julya Rabinowich: In zerbrochenen Spiegeln.

Julya Rabinowich über Mela Hartwig.
Wien: Mandelbaum Verlag 2017.
72 S., gebunden; EUR 10,-.
ISBN: 978385476-548-6.

Sie musste eine Schwester Shakespeares erfinden und sie, von ihrem unerfüllten Talent wahnsinnig geworden, sterben lassen, um der Traditionslosigkeit weiblichen Schreibens ein Gesicht zu geben. Virginia Woolfs Essay "A Room of One‘s Own" wird häufig auf die materialistische Argumentation reduziert, Frauen könnten ihr künstlerisches Potenzial aufgrund mangelnder ökonomischer Freiheit nicht entfalten. Wesentlich an Woolfs Kanonkritik ist aber auch der Hinweis auf die fehlenden Vorbilder und identifikatorischen Angelpunkte für Schriftstellerinnen, denen so reiche und beständig reproduzierte männliche Traditionslinien gegenüberstehen. In diesem Kontext ist die vom Kulturamt der Stadt Wien veranstaltete Vortragsreihe "Autorinnen feiern Autorinnen" von unschätzbaren Wert. Im Erinnern an vergessene Schriftstellerinnen werden Grundsteine für neue Traditionslinien gelegt und Beziehungen zwischen Gegenwartsautorinnen und ihren Vorgängerinnen hergestellt. Die Vierte im Bunde, nach Marlene Streeruwitz über Bertha von Suttner, Marlen Schachinger über Betty Paoli und Ruth Klüger über Marie von Ebner-Eschenbach, ist nun Julya Rabinowich, die sich mit der großartigen Mela Hartwig auseinandersetzen darf.

Wie die vorangegangenen Vorlesungen wurde nun auch Rabinowichs Vortrag unter dem Titel "In zerbrochenen Spiegeln" im Mandelbaum Verlag veröffentlicht. Mit der Wahl Mela Hartwigs rückt man den blinden Flecken der Literaturgeschichte zu Leibe, die der 1893 in Wien geborenen Schriftstellerin höchstens eine Randnotiz zubilligt. Die Stärke der Reihe bisher liegt auch in der hervorragenden Auswahl der literarischen Gespanne. Ruth Klügers scharfsinniger, unvoreingenommener Blick eröffnete neue Perspektiven auf das Werk der oft als pädagogische Lesebuchautorin verschrienen Ebner-Eschenbach. Marlen Schachinger reflektiert und problematisiert die eigene Lektüre und verhandelt ihre Rezeption von Betty Paoli auf der Metaebene des Literaturbetriebs. Rabinowich und Hartwig verbindet die Migrationserfahrung und die damit verbundene Notwendigkeit, sich einer neue Sprache zu bemächtigen. Doch was Rabinowich beflügelte, verdammte Hartwig zur Sprachlosigkeit, ein typisches Exilschicksal: "Ihre Karriere endet gewissermaßen dort, wo meine begann. Wurde ich ins Exil nach Wien geschickt, um dort neu eingetopft zu werden und aufzublühen, so ging Mela Hartwig ins Exil nach London, um dort ihre Wurzeln zu verlieren und gleichzeitig als Schreibende langsam zum verwelken, zuerst ungläubig, dann unter großem Widerstand und Kraftaufwand, mit einem langjährigen, langatmigen Aufbäumen, schließlich bitter und vergessen." (S. 45). Hartwig musste 1938 mit ihrem Ehemann Robert Spira aus Österreich flüchten. Die Rückkehr nach dem Krieg scheitert, Mela Hartwig stirbt 1967 im Londoner Exil, das ihr nie Heimat wurde. Julia Danielczyk weist in ihrem Vorwort auf die Freundschaft mit Virginia Woolf hin, wobei diese in Woolfs Tagebüchern deutlich distanzierter wirkt. Woolf war indes maßgeblich an der Freilassung Robert Spiras aus einem britischen Internierungslager beteiligt. Nach Woolfs Selbstmord 1941 übersetzte "Mdm. Spira", wie Woolf sie nannte, Teile aus ihrem nachgelassenen Roman "Between the Acts".

Rabinowich findet für Hartwigs ambivalentes Schreiben und die zwischen Überhöhung und Verteufelung changierende Rezeption das Bild von Spiegelscherben, in denen Teile des Ganzen kurz aufblitzen. So entsteht ein facettenreiches Mosaik, das sich der eigenen Subjektivität immer bewusst ist. Die an den Sprachgrenzen verzweifelnde Exilantin ist nur eine Facette, in Rabinowichs immer dichter werdendem Spiegel. Eine andere ist die emanzipierte Expressionistin, deren hypertropher Stil manchmal unerträglich scheint. So wie ihre Heldinnen leiden, leiden auch die LeserInnen. Rabinowich schreibt voller Bewunderung und Empathie, überhöht aber dankenswerterweise nicht, sodass an keiner Stelle das Gefühl einer posthumen Laudatio entsteht. Ihr subjektiver, emphatischer Zugang ist zugleich ein sehr analytischer. Von leichter Hand, so wirkt es zumindest, skizziert sie die Essenz von Hartwigs Schreiben. Ihr fieberhafter, getriebener Stil ist in der Unmittelbarkeit der Darstellung von sexuell austarierten Machtverhältnissen ausgesprochen aktuell.

Der zerbrochene Spiegel ist auch eine Metapher für das Schicksal einer weiblichen, jüdischen Schriftstellerin im 20. Jahrhundert. In der Annäherung an die erzwungene Sprachlosikeit ist Rabinowichs Text am stärksten. "Wenn dieses Bändchen zugeschlagen wird, wird auch das hier geschaffene Bildnis wieder zerfallen. Worte, die nicht rezipiert werden, sind verlorene Worte, vergessenen Geschichten, ausgebleichte Bilder. So wie die Stimme ihrer Verfasserin verhallt ist." (S. 66). Das ist sehr bescheiden. Überhaupt hält sich Rabinowich selbst im Hintergrund und überlässt das Rampenlicht ganz uneitel ihrem Sujet. Eine bessere Fürsprecherin als Rabinowich könnte sich Hartwig kaum wünschen. Denn genau als solche versteht sich Rabinowich, deren ganzer Text ein Plädoyer für das Lesen und Wiederlesen der Novellen und Romane ihrer vergessenen Kollegin ist: "Damit die Worte bleiben. Damit Mela Hartwig jenen Platz bekommt, der ihr genommen wurde." (ebd.).

Veronika Schuchter
12. Dezember 2017

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