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Florjan Lipuš: Seelenruhig.

Leseprobe

 

Unterdessen quälte ihn manchmal doch die Neugier, woher sein Blitzen wohl kommen mochte. Zwar fluchte auch der Vater, wenn ihm die Arbeit nicht recht von der Hand ging, daß es zwischen den Bäumen aufblitzte und man befürchten mußte, die Reiser würden Feuer fangen, wahrscheinlich kam der Blitz aber nur vom Aufzucken der Fällaxt, die in den Stamm fuhr. Wenn ihm selbst später von irgendwoher ein Teufel hineinfuchste, als er seine Hirtenjahre schimpfend hinter sich brachte und über das eigensinnige Vieh fluchte, weil ihm ein Ochs von der Kette abkam, stieß tatsächlich auch er unvergeßliche Flüche aus. Oder wenn ihm zur falschen Zeit und am falschen Ort etwas ganz Vermaledeites widerfuhr und er unwirsch und zornig war, dann erboste auch er sich, manchmal laut, manchmal still, nie aber blitzte es hernach auf. Von einem Blitz weder Strich noch Funkt! Väterlicherseits hatte er nichts mitbekommen, das Blitzen musste wohl von woanders herrühren, es hatte nichts mit seinen ersten. Erfahrungen zu tun, mit den ursprünglichen, ungehobelten Gewohnheiten der Erwachsenen. Hatten ihm die Augen etwas vorgegaukelt und ihn abgelenkt? Auch in den reifen Jahren hatte es nachts hin und wieder aus den Fingern geblitzt, aber das hatte er seelenruhig von sich gewiesen. Angesichts seiner Existenzsorgen lag ihm nichts daran, sich damit abzugeben. Gleichgültig gegenüber diesem Wetterleuchten aber war er nie.

Das erste Mal blitzte es bei ihm zu einer Zeit auf, als seine Lebenssäfte anstiegen und seinen Leib kräftiger zu durchströmen, begannen. Damals hatte es das Blut in seinen Adern sehr eilig, es nahm sich aber stets genug Zeit, um anzuhalten und fest zu lange in den Schwellungen zu verharren, in den erwachenden, begehrlichen 'Feilen des Körpers. Als er sie erblickt hatte, die Langwangige, die mit den hohen Backenknochen, blitzte es vor seinen Augen. Damals wußte er noch nicht, daß es aus seinen Fingernägeln blitzte, er erinnert sich ja auch nicht und es war seine letzte Sorge, wo sich in diesem Moment seine Hände befanden. Auch hatte es ihn nicht überrascht, schon gar nicht in Staunen versetzt, daß es bei Sonnenschein und aus heiterem Himmel blitzte. Später, als schon alles vorbei war, konnte er sich nicht einmal daran erinnern, ob es gedonnert hatte oder nicht, wenn es blitzte. In jenem Moment war es für ihn die gewöhnlichste, völlig unverdächtige, natürlichste Sache auf der Welt, daß es aus dem Heiteren blitzte. Sie war aus der Kirche gekommen und ging in Richtung Haus, in einem blauen Kleid, am hellen Tag, auf einem ziemlich abschüssigen, glatten Terrain, das beim Gehen, um nicht zu stolpern, eine bestimmte Körperhaltung verlangte, ein vorsichtiges Aufsetzen der Füße. Den Körper stark zurückgeneigt, möglichst nahe am Boden, jeden Moment darauf gefaßt, den Sturz auf den Rücken zu mildern, falls es dazu käme. Ein Sturz auf die Nase wäre hier nach menschlichem Ermessen ein Ding der Unmöglichkeit gewesen, ein Wunder von Ungeschicklichkeit, und hätte zweifellos den Verdacht auf fallsüchtige Seligkeit erregt, wenn nicht gar bereits die ersten Maßnahmen zu deren Bekanntmachung ausgelöst. Alles, was sich in Kirchennähe an Ungewöhnlichem ereignet, ereignet sich auch schon auf kirchlichem Boden und wird darher gern ins Heilige, Heiligmäßige gekehrt, schließlich sind außergewöhnliche Zeichen rar und kostbar, und letztlich ist selbst die verheißene Seligkeit ungewiß, weil alle Heilspläne durch die Schlechtigkeit der Menschen vereitelt werden. Auch Anfälle von Gläubigkeit greifen nicht immer und überall, auch sie garantieren nicht, daß ihre Stifter sich verläßlich unter die Seligen einreihen werden. Ihre Schritte auf diesem Gefälle zeigten und betonten die Geschmeidigkeit ihrer Gestalt, seine Augen folgten ihren Bewegungen, bis sie um eine Ecke entschwand. Sogar im Sommer glitt man auf diesem abschüssigen, rutschigen Boden aus, wahre Fallen für die Ungeschicklichkeit, im Winter aber krochen die Menschen nur noch dahin und klammerten sich aneinander, um mit heilen Gliedern den ebenen Boden zu erreichen und bis zum nächsten Sonntag gesund und munter zu bleiben. Beim Gehen, als sich an ihrem Kleid die Rundungen ihres Körpers zeigten und abzeichneten, begann es zu blitzen. Wenn er daran denkt, wie sich sein Körper von einem Augenblick zum anderen verausgabte und bewegungslos, wie an den Boden gefesselt dastand, hatte es allen Anschein, als hätte er nicht einen armseligen Blitz, sondern eine ganze Salve nach ihr abgefeuert.

In jener Nacht konnte er nicht schlafen, und in den darauffolgenden Nächten war es noch schlimmer, tagsüber um nichts besser, weil ihn die Mitschüler auslachten und auf Ehrenwort schwören ließen. Manch Böses mußte er sich anhören. Die Freude der anderen, wenn sie sich billig einen Spaß machten, stimmte ihn traurig. Das wohlfeile Vergnügen war nicht das Seine, für ein niedriges Vergnügen gab er keinen Groschen, es war für ihn nichts Halbes und nichts Ganzes. Ihn überkam und erfüllte die höhere, erhabene Freude, ordentlich hatte es ihn erwischt, ihn, der eine strenge Hand gewohnt war und sich nun in einer honigsüßen Falle gefangen sah. Nach diesen Momenten, wenn er wieder wach wurde, nachdem der Schlaf ihn doch überwältigt hatte, nahm er zum ersten Mal wahr, wie es aus seinen Fingern herausblitzte. Ein längliches Flämmchen schoß aus seinem Nagelbett in Richtung der Fingerbeere und erlosch; womöglich gar eines von jenen, die noch von der Langwangigen geblieben waren! Er erinnert sich, daß er darüber augenblicklich sehr erstaunt war, sofort hellwach und voll bei Sinnen. Zur täglichen Gewohnheit wurde ihm das Blitzen erst mit der Zeit, ln jener ersten Nacht war er aufgestanden und hatte bei Licht lange die Finger betrachtet, aber es war nichts Besonderes zu sehen. Für alle Fälle wusch er sich die Hände, damit an ihnen nicht irgendwelche Reste schädlichen Abfalls haften blieben, Spuren giftigen Staubs oder geronnenen Schleims, denn zwischendurch hatte er sich manchmal in den Ärmel geschnäuzt oder etwas Schmutziges berührt und war dann wieder unter die Decke gekrochen. Wenn er nachher im Dunkeln die Augen öffnete und die Finger ganz in der Nähe waren, schossen die Blitze aus ihnen hervor. Bei Licht gab es keine Blitze, und wenn doch, so blieben sie unsichtbar und unterschieden sich in nichts vom Tageslicht.

Die Blitze, die über die Fingerballen flitzten und um die Fingerbeere züngelten, wurden ein Teil von ihm, sein Merkmal und Charakteristikum, wie jeder Mensch seine Eigenheiten hat, obwohl er sie im Alltag nicht immer wahrnimmt, aber auch nicht vergißt. Wenn er ausgeschlafen sein mußte, öffnete er beim Erwachen die Augen absichtlich nicht, denn das frühmorgendliche Blitzen rief in ihm stets Unbehagen und Unwillen hervor. Mit geschlossenen Augen kleidete er sich an, rieb sich die Finger am rauhen Gewand, um ihre aufgestachelte, zum Blitzen bereite Oberfläche ab- und freizukratzen, ihr die Ladung und Sprengkraft zu nehmen. Aber noch dann zwinkerte er vorsichtshalber ein paarmal, bevor er die Augen ganz öffnete. Die Zeit um den Altschein des Mondes war die sicherste Zeit, dann blieb das Blitzen aus. Dazwischen gab es Jahre, in denen sich die Blitze ganz zurückgezogen hatten, sich im juckenden Pulsieren der Adern verbargen, im Wallen des Bluts, und sich manchmal nur lockerten, ohne loszugehen, lange Zeit still in den Fingern ruhten.

Unterdessen schien es, und er fand sich damit ab, daß aus den alten, bereits krumm gewordenen Fingern keine Blitze mehr kommen würden. Er ordnete sie jenen Dingen zu, die ihre Zeit und Dauer haben, kommen und gehen, und trotzdem sollte er ihre Wiederkehr noch erleben. Wenn er ihnen auch nicht nachtrauerte, so bedauerte er es doch, denn sie waren verbunden mit den Erinnerungen an die schöne Jochbeinige. Was kümmerte es ihn schon, wenn sich die Natur zum Zeitvertreib nur über ihn lustig machte! Stärker traf es ihn, daß es bis in seine alten Tage unklar bleiben sollte, wo das Blitzen hergekommen war. Sammelt sich das Feuer beim Schreiben und Lesen an, beim Umblättern der Seiten, bei der Reibung eines Stoffs an einem anderen Stoff oder beim Umstellen der Bücher? Treibt die Handarbeit es in die Fingernägel, die Bewegung der Finger, ihr Zupacken und Nachlassen, ihr kräftiges Arbeiten, oder liegt der Schlüssel zu den Blitzen im Streicheln, Scheuern, Schrubben? Ist das Blitzen eine Folge des Starrens auf das Papier, des angestrengten Blicks in Bücher und Zeitschriften? Die Finger des Schreibenden, wenn sie die Seiten umblättern und über das trockene Papier gleiten, werden durch die Reibung elektrisch, und so verwundert es nicht, daß sich das Blitzen in den Fingernägeln, ihrem Absprungbrett, auflädt. Der Leser, der nur Leser ist, spürt dieses Brausen nicht, weil er sich die Finger einspeichelt. Die analphabetischen Finger des Lesers durchweichen das dürre Wortholz, überfluten das Buchstabengebilde, ertränken jedes Fünkchen. Die Sprache ist nicht nur eine Botschaft, sondern auch eine Handlung, ein Tun. Wenn wir uns der Sprache bedienen, enthüllen wir mit ihr unseren Kern, geben wir unsere Charakterfestigkeit kund, kehren wir das Innerste nach außen. Sind die Blitze eine logische Fortsetzung der fortwährenden Wieder-käuung des funkelnden Wortbreis?

Der Schriftsteller schließt sich ein, er öffnet das Fenster und versperrt die Tür zum Nachbarzimmer, damit ihre Geister dort bleiben und sich nicht auf seinen Bleistift laden, sich nicht in seiner Spitze sammeln. Abkanten und abstumpfen würden sie sie, ein so zäher Stoff nähme ihr jede Leichtigkeit, jede Geschmeidigkeit. Während er die Sache hin und her überlegt, umklammern seine Finger fest und mutig den Bleistift. Während er notiert, sind seine Finger dicht bei ihm, vergessen ist alles um sie herum; wie bei einer schweren Geburt gehen aus ihnen manchmal alle die Was- sollichdamitlinge, die Kannichtanders, die Taubnüsse und Taugenichtse hervor. Statt Guten Morgen wünscht sie ihm denkrichtig Schöne Sätze, Glück beim Satzzeichensetzen, wünscht sie ihm wenige Punkte und umso mehr Beistriche fürs Kristallieren und Abklären, und daß er möglichst viele Sätze vor dem Sturz ins Bodenlose rette. Sie weiß, daß er langsam und mit Sorgfalt arbeitet, darum wünscht sie ihm zur Abwechslung statt schöner Sätze die langen und bauschigen. Wenn sie aushäusig ist, erteilt sie ihm Aufträge und mahnt ihn, die Sprache unterm Korb zu halten, die Gesellschaft bedeutender Menschen zu meiden, denn gefährlich sei es, andere zu suchen und sich selbst zu verlieren. Besser ein Mensch ohne Beziehungen als Beziehungen ohne Mensch.

(S. 8-15)

© 2017 Jung und Jung, Salzburg und Wien

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