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Peter Handke: Die Obstdiebin Oder Einfache Fahrt ins Landesinnere.

Leseprobe


Ich räumte in Haus und Garten auf, was aufzuräumen

war, ließ dies und das auch eigens, wo es stand oder

lag, bügelte die zwei, drei alten Hemden – kaum im

Gras getrocknet –, an denen mir besonders gelegen

war, packte, steckte die Schlüssel für das Land ein,

die so viel schwereren als die für das Vorstadthaus.

Und nicht zum ersten Mal kurz vor einem Aufbruch

riß mir beim Knüpfen der knöchelhohen Schuhe ein

Schnürband, fand ich nicht und nicht die Socken, die

zueinanderpaßten, gerieten mir drei Dutzend von

Detaillandkarten zwischen die Finger, bis auf die eine,

auf die ich aus war, mit dem Unterschied dieses Mal,

daß mir alle zwei Schuhbänder rissen – bei deren viertelstündigem

Aufknoten vorher mir ein Daumennagel

abbrach –, daß ich zuletzt die unzugehörigen Socken

paarweise zusammenstülpte – fast einzig solche –,

und daß es mir auf einmal recht war, ohne jede Landkarte

unterwegs zu sein.

S. 12


So sitzend, wachend, zugleich wie in einem Schlaf,

einem anderen Schlaf, bin ich auf einmal angeflogen

worden von einer Stimme, nah – näher nicht

möglich – am Ohr. Das war die Stimme der Obstdiebin,

eine fragende, so zarte wie bestimmte – zarter

und bestimmender nicht möglich. Und was fragte

sie mich? Wenn ich mich recht erinnere (unsere Geschichte

ist ja schon wieder lang her), nichts irgendwie

Besonderes; etwas zum Beispiel wie »Wie geht’s

dir?«, »Wann fährst du?« (oder nein, jetzt kommt es

mir, das Gedächtnis). Sie hat mich gefragt: »Was fehlt

Ihnen, mein Herr? Worüber sorgen Sie sich denn so?

Qu’est-ce qu’il vous manque, monsieur? C’est quoi,

souci?« Und das ist dann auch in der Geschichte das

einzige Mal geblieben, daß die Obstdiebin mich in

Person angeredet hat.

S. 16


Einsinken ins Land, das war seit jeher einer meiner

Tagträume gewesen. Und der hatte sich bisher, noch

ein jedes Mal, den einen, einen einzigen Sommermoment

lang, erfüllt, zumindest während der mehr als

fünfundzwanzig Jahre meines Daseins an ein und

demselben Ort.

S. 20


© Suhrkamp, Berlin 2017.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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