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Alexander Pechmann: Sieben Lichter.

Roman.
Göttingen: Steidl Verlag, 2017.
168 Seiten, gebunden; Euro 18,-.
ISBN 978-3-95829-370-0.

Autor

Leseprobe

Nimmt man das Buch in die Hand, darf man sich erst einmal freuen: Ein Leinenumschlag, der leuchtet, ja, glitzert und sich sehr gut anfühlt: Fadengehefete Bindung, Papier und Schrift sind wohl ausgesucht.
Beginnt man die Lektüre von "Sieben Lichter", so stellt sich bald die Frage, warum heute ein Roman dieser Art gelesen werden soll: Es ist ein Schauerroman, eine Detektivgeschichte um ein grausames Verbrechen, mit zwei Figuren, die an Sherlock & Watson denken lassen, verfasst anhand von nachgewiesenen Quellen, historischen Sachbüchern und Memoiren, angereichert mit u.a. Lord Byrons Versepos "The Island" von 1823 sowie einem "versteckte(n) Zitat von Charles Brockden Brown".
Das Buch beruht auf einer wahren Begebenheit, einem der "sonderbarsten Kriminalfälle des 19. Jahrhunderts", als ein Schiff 1828 mit sieben ermordeten Crewmitgliedern die irische Hafenstadt Cove erreicht. Einige wenige Matrosen und der Sohn des Reeders haben überlebt, der Kapitän ist verschwunden. War es Meuterei oder die Tat eines Wahnsinnigen? Erzählt wird es von der Watson-Figur, einem ruhmlosen ehemaligen Militär, dem der Einfluss seiner wohlhabenden Familie das Ehrenamt eines Magistrats bescherte, der sich selbst aber für völlig bedeutungslos und uninteressant hält. Sein Held – und auch jener des Romans – ist William Scoresby, ein Walfischfänger, Arktisforscher und Theologe, dessen Hochzeit mit der Schwester des Erzählers Ausgangspunkt für die Geschichte ist. Der Theologe befindet sich eigentlich auf der Hochzeitsreise mit seiner Frau, das Verbrechen zieht ihn aber sofort in seinen Bann, worüber der Bruder der frisch getrauten Gattin durchaus besorgt ist.
Die beiden beginnen noch vor der offiziellen Untersuchung mit eigenen Nachforschungen, indem sie den Ort der grausamen Tat betreten und Befragungen beginnen, sich auf die Suche nach dem vermeintlichen Mörder und schließlich nach dessen Geisteszustand machen.

Es ist weniger ein Whodunit – Wer hat es getan? –, als eine Investigation darüber, ob der Kapitän wusste, was er tat, als er aus vorgeblicher Angst vor einer Meuterei die bis dahin unverdächtigen Matrosen misshandelte und, man muss es so sagen und es wird auch im Text nicht heruntergespielt, niedermetzelte.
In knappen Kapiteln, die ein gutes Tempo machen, Akzente setzen und dem Erzählten Rhythmus verleihen, wird die Überfahrt rekonstruiert und einzelne Puzzleteile des Verbrechens werden zusammengesetzt, wieder auseinander genommen, an anderer Stelle positioniert. Leichte Perspektiveverschiebungen hinterfragen die Glaubwürdigkeit der Überlebenden, Wahn und Lauterkeit des eigentlich seriösen und biederen Kapitäns, aber auch die Befehlshörigkeit der Matrosen-Lehrlinge.
Fragen nach Rationalität und Eingebildetem werden diskutiert – leidet der Täter möglicherweise an einer "Monomanie", ist also eigentlich gesund, wird aber von einer partiellen Störung heimgesucht, wie sie in der psychiatrischen Krankheitslehre des frühen 19. Jahrhunderts aufkam oder kann er seine Tat überhaupt nicht einschätzen?
In der Verhandlung um des Kapitäns Schuld oder Unschuld wird auch über seine Fähigkeit, zwischen richtig und falsch zu entscheiden, gerichtet. Die Jury ist davon überzeugt, dass er zum Tatzeitpunkt nicht bei Verstand war, also – und das scheint als Freudscher Versprecher in den Verhandlungsablauf eingebaut worden zu sein – schuldig gesprochen werden soll. Aber ein Mensch, der von Gott seines Verstandes beraubt wurde, dürfe von einem menschlichen Gericht nicht bestraft werden. Hier ist es ein wenig verwirrend, denn der Kapitän schwingt abschließend eine Rede, in der er die Absichtslosigkeit seiner Tat, des siebenfachen Mordes, noch einmal betont und Gott dem Allmächtigen dankt; Jahre später besucht Scoresby, der sowohl einen Briefwechsel mit dem Kapitän führte als auch an einem Buch darüber arbeitete, den Inhaftierten im Stadtgefängnis von Cork, wo dieser mit einem gewissen Stolz zwei seiner Söhne unterrichtet und mit sich ganz im Reinen zu sein scheint.
Scoresby und der Erzähler, kein strenggläubiger Katholik, sondern eher ein humoriger Ketzer, philosphieren über Religion. Zweifel, so der Theologe Scoresby zum Erstaunen seines Gegenüber, sei notwendig, um Religiosität vor Aberglauben zu schützen und könne einen Gegenentwurf zu übermäßiger Identifikation darstellen.

Das historische Vorbild für den literarischen William Scoresby hatte als Walfischfänger als Erster die Ostküste Grönlands erreicht und kartiert und erkannt, dass Eis auch auf offener See entsteht und Packeis sich von Spitzbergen weithin und ununterbrochen ausdehnen kann. Der literarische Scoresby offenbart seinem Schwager, wie er im Anblick dreier Schneeflocken und dem Zeichnen der geometrischen Formen von Eiskristallen auf seinem Walfänger inmitten von turmhohen Eis- und Schneewällen in eine Art Trance verfiel. Er habe eventuell eine echte Vision erlebt, die aber auch ein Moment geistiger Zerrüttung gewesen sein könnte und schließe für sich nicht aus, in einem solchen Augenblick ebenso zum Mörder werden zu können, hätte etwas in ihm dergleichen diktiert.
Man muss nicht pseudoreligiöse Fundamentalisten, Amokläufe oder Anschläge von heute assoziieren, um sich von der Gültigkeit jener Fragen – Selbstgerechtigkeit, Freiheit, Momente totaler Wahrheit – die in "Sieben Lichter" aufgeworfen und teilweise auch beantwortet werden, überzeugen zu lassen; nach Ansicht der Leserin nicht aufgrund, sondern trotz seiner altmodischen Novellenhaftigkeit.

Über den Autor erfährt man, außer Dankesbezeugungen von ihm selbst, nichts. Was schade ist, denn so kann man nur vermuten, ob dieser "Büchertraum" (Alexander Pechmann) ein Anfang ist oder ein unerwartetes Ereignis.

Angelika Reitzer
9. Jänner 2018

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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