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Christoph Linher: Ungemach.

Roman.
Salzburg: Müry Salzmann, 2017.
125 Seiten; geb.; Euro 19,-.
ISBN 978-3-99014-156-4.

Autor

Vom Heimkehren ins Nichts

"Etwas in mir dachte ans Heimgehen, bloß: heim wohin? Zum Haus der Großtante? In meine Dunkelkammer, mein Ungemach?"
(124)

Das Dorf, das Leben auf dem Land als dräuendes Unheil, das auf den Städter am Horizont eines wolkenverhangenen Tages wartet. So in etwa könnte man das Klischee beschreiben, mit dem der Vorarlberger Autor Christoph Linher seine Erzählung Ungemach beginnt, den Rahmen, den er für seinen seltsam zeitfremden und realitätsfernen Protagonisten Maurig absteckt. Dieser ist Rechtsanwalt und scheint nicht viel daran zu finden, dass ihm in einem amtlichen Schreiben mitgeteilt wird, dass er seine Berufszulassung verliert. Passenderwiese – man könnte von Schicksal sprechen – erreicht ihn am selben Tag ein Brief einer ihm bis dahin unbekannten Großtante, die – todkrank und steinalt – mit ihrer Pflegehelferin in einem kleinen Dorf am Rand der Welt lebt und die Maurig vorschlägt, zu ihr zu ziehen. Des eigenen baldigen Todes gewiss, stellt sie Maurig in Aussicht, ihr Erbe zu werden.

"Die Bäume wirkten, als hätten sie den Himmel geschultert, einige haben bereits ihre Blätter verloren." (13) Es sind Sätze wie diese, die eine unheilvolle Stimmung erahnen lassen, denn das Dorf scheint dunkle Geheimnisse zu bergen, die zu einem endlosen Schweigen etwa der Wirtin, des Zerles-Bauern oder der Pflegerhelferin geführt haben. Das Wetter ist meist trüb und unwirtlich und leicht verliert sich Maurig im Wald, in dem von Zeit zu Zeit Wölfe gesichtet werden, auch ein Vogelsterben setzt ein. Aber Linher erzählt nicht seinem Setting gemäß einen Thriller, sondern von der unendlichen Langeweile des Landlebens, in dem tagaus und -ein nicht mehr passiert, als dass ein paar böse Blicke im Wirtshaus getauscht werden, immerhin gehört Maurig nicht dazu, kommt aus der Stadt. Ansonsten brüten die Dorfbewohner vor sich hin, ehe sie einen Schnaps nach dem anderen kippen, die Großtante plappert ausladend über Sinn und Unsinn des Alterns und Maurig verliert sich in seiner scheinbar ausweglosen Existenz, die ihn wie Strandgut in dieses Kaff gespült hat. Ein Protagonist, der nichts will und keine Pläne hat, als hin und wieder durch den Wald zu stapfen und sich unwohl zu fühlen.

Maurig fühlt sich fremd in dieser Welt und der Leser mit ihm, was weiter nicht schade wäre, würde man sich im Metaphernreichtum und den philosophischen Sentenzen so wohlfühlen wie der Autor. "Es ist möglich, dass einem gewisse Umstände geläufig sind, ohne einem vertraut zu sein, oder mehr noch von Mal zu Mal sogar fremder werden.
Mißtrauenseinflößend, erinnerte ich ein Wort der Großtante, als ich das Wirtshaus betrat." (73) Dieses Gefühl der Fremdheit beschreibt Christoph Linher sehr eindringlich, wenngleich man nur ahnen kann, warum Maurig sich so sehr in diesem Fremdsein in der Welt verliert. Das diesen Roman durchschimmernde Motiv wird mehr behauptet als erzählt, wie vieles andere ebenfalls rätselhaft bleibt. Warum interessiert sich Maurig so gar nicht dafür, dass ihm seine Lizenz als Rechtsanwalt und somit seine Lebensgrundlage entzogen worden ist? Und warum ist das überhaupt wichtig, da es doch nicht erzählt wird? Genausogut könnte Maurig ein mit seiner Schreibkrise hadernder Schriftsteller sein, der die Stadt und die dortigen Vergnügungen flieht, um in der Stille der Provinz endlich wieder schreiben zu lernen. Vielleicht heißt Maurig auch in Wirklichkeit Thomas Bernhard und meint, diese Episode seines Aufenthalts in diesem Dörfchen namens Fernach würde ihn wieder zu seinem Schreibtisch und zum Schreiben drängen. Vielleicht ist es aber auch nur eine Hommage. Es ist auffallend, wie sehr sich Linher an den markanten Ton Bernhards anlehnt.

"Es sei nicht diese vulgäre Körperlichkeit an sich, so die Großtante, diese permanente Vergegenwärtigung und Zurschaustellung der eigenen Gebrechlichkeit, nein, es sei vielmehr die damit einhergehende Entfremdung, die ihr das Altern so schwer erträglich mache. Was ihr einmal vertraut und nützlich gewesen sei, sei ihr buchstäblich zum Fremdkörper geworden." (41)
"Nie habe sie verstanden, sagte sie [die Großtante], ohne sich mir zuzuwenden, ein Lebenlang habe sie nicht begriffen, nicht begreifen
wollen, dass sich preisgeben nichts mit Lächerlichkeit zu tun habe. Sich entblößen, das sei etwas anderes: die Kardinalsangst eines jeden Menschen, die noch die meisten dazu bringe, ständig ein falsches Gesicht herumzutragen. Aber etwas von sich preisgeben: 'Das hätte helfen können, um nicht immer tiefer im eigenen Gedankenmorast zu versumpfen.' Dann bat sie mich zu gehen." (23–24) Beizeiten lugt in Ungemach auch das in solchen Fällen nicht zu vermeidende naturgemäß um die Ecke, wobei es fraglich ist, ob man dieses Wort überhaupt noch ernsthaft in einem zeitgenössischen Roman verwenden kann; selbst der ironische Gebrauch hat etwas von Geschichtsklitterung.

Christoph Linher, der für seinen Erstling Farn 2015 mit dem Vorarlberger Literaturpreis ausgezeichnet wurde, hat zweifellos viel Talent, er kann schreiben. Allein ihm fehlt ein Thema, so scheint es, und man wünscht ihm, dass er sich rechtzeitig von seinen literarischen Vorbildern lösen kann, um seinen eigenen Ton zu finden. Das feindliche Dorf ist schließlich, wenngleich durchaus als Topos erzählenswert, nicht einfach nur Selbstzweck. Seit der Alpensaga wiederholt sich in Variationen etwa eines Franz Innerhofer und seiner Romane Schöne Tage und Schattseite der Abgesang auf die ländliche Idylle, nicht ohne etwas auszulösen, eine Entwicklung in Gang zu setzen. Reinhard Kaiser-Mühlecker hat diese Melancholie des Dorfes in Der lange Gang über die Stationen mit Leben versorgt, indem er mit Einfühlungsvermögen die Zerissenheit seiner Charaktere beschrieb. Ein weiterer Unterschied: bei Innerhofer und Kaiser-Mühlecker kommen die Protagonisten selbst vom Dorf, Linhers Maurig aber kommt aus der Stadt; er muss sich und dem Dorf wohl zwangsläufig fremd bleiben.
Bei Linher scheint das Grauen des Dorfes nicht gebrochen, ganz ohne Ironie:
"Unterdessen war es Sporschill, der von der Wolfsjagd zu erzählen begonnen hatte. Beileibe nicht die erhoffte Hetz sei sie gewesen, acht Mann und ebenso viele Tage habe es gebraucht, eines der Viecher zur Strecke zu bringen. Man werde sehen, wie die übrigen Wölfe auf diesen Warnschuss reagieren. Die Zwillingspensionäre standen auf. Umständlich, aber in beängstigender Synchronizität. Sie nickten im Gehen zum Gruß. Die Wirtin hatte sich ebenfalls erhoben, und kurz dachte ich, sie würde die beiden nach draußen geleiten, stattdessen ging sie hinter die Theke, füllte ein Schnapsglas und stellte es vor mich hin. Der Bürgermeister gibt dir einen aus, sagte sie dabei, danach möchte er, dass du gehst." (114) 

Mehr gibt es nicht zu sagen.

Bernd Schuchter
9. Jänner 2018

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

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