logo kopfgrafik links adresse mitte kopfgrafik rechts
   

FÖRDERGEBER

   Bundeskanzleramt

   Wien Kultur

PARTNER/INNEN

   Netzwerk Literaturhaeuser

   mitSprache

   arte Kulturpartner
   Incentives

   Bindewerk

kopfgrafik mitte

Arno Geiger: Unter der Drachenwand.

de     en     fr     es     tr

Roman.
München: Carl Hanser Verlag, 2018.
480 Seiten; geb.; Euro 26,80.
ISBN978-3-446-25812-9.

Autor

Leseprobe

Wird dieser Roman ein Publikum in Mondsee am Mondsee finden? Wird er dort gerne gelesen werden? Oder überhaupt gelesen werden? Denn immerhin zeichnet der 1968 geborene Vorarlberger Arno Geiger in seinem neuen Roman "Unter der Drachenwand" ein recht düsteres Bild der Ortschaft zu Beginn der 1940er Jahre, mitten im Zweiten Weltkrieg.
Der Wiener Veit Kolbe ist die Hauptfigur dieses Erzählwerks. Geboren 1920, leistet er 1939 nach der Matura gerade seinen Grundwehrdienst ab, als der Zweite Weltkrieg durch den Überfall Hitler-Deutschlands auf Polen ausgelöst wird. Ab dem ersten Tag ist Kolbe, dessen Vater Lehrer und seit fast 20 Jahren ein überzeugter Nationalsozialist ist, Soldat. Ende 1943 wird sein LKW beschossen, er selbst von Granatsplittern getroffen. Die elterliche Wohnung in der Possingergasse Wien XV ist nach dem Lazarettaufenthalt kein Zuhause mehr für ihn, der Vater stößt nur noch ideologisch abstoßende Durchhalteparolen aus; und seit dem Tod der geliebten Schwester Hilde 1936 ist Veits Beziehung zur Familie ohnehin immer brüchiger geworden. Es gelingt dem Kriegsmüden und psychisch grundlegend Erschütterten, durch seinen Onkel, Gendarm in Mondsee, die Rekonvaleszenz im Salzkammergut zu verbringen. Über nahezu ein Jahr gelingt es Veit, seinen Aufenthalt auszudehnen. In dieser Zeit verliebt er sich in Margot, die neben seinem winzigen Zimmerchen einquartierte junge Frau aus Darmstadt, die ein Baby hat und deren Mann Frontsoldat ist.

Nach rund vier Dutzend Seiten stellt Geiger dem Ich-Erzähler Kolbe andere Stimmen hinzu. Da ist der 1941 noch mit Frau und kleinem Sohn in Wien lebende Jude Alexander Milch, ein Zahntechniker, der sich hartnäckig an die Illusion klammert, ihnen würde nichts passieren, solange sie sich still verhielten. So schlägt er auch die Gelegenheit aus, nach Ghana zu emigrieren, wo ihm Arbeit winkt. Dann wird der Zukunftshorizont immer schmaler, immer dunkler, das einzige, was sich ihnen noch als Ausweg bietet, ist der illegale Grenzübertritt nach Ungarn, das Abtauchen in Budapest. Doch auch diese europäische Kulturmetropole bietet entgegen anfänglicher Annahme keinen Schutz. Zweieinhalb Jahre später wird der Verfolgungsdruck immer größer, sie schlagen sich immer schlechter durch, und eines Tages schließlich werden Frau und Sohn verhaftet und an einen unbekannten Ort verbracht. Milch, inzwischen mit dem x-ten falschen Pass ausgestattet und in einer fundamentalen Identitätsauflösung befindlich, besitzt nichts mehr außer einer schäbigen Schlafstelle. Und meldet sich Ende 1944 freiwillig für Schanzarbeiten in Hainburg an der Donau, zu denen die Juden aus Budapest in einer Art Todesmarsch hinbugsiert werden.
Dann gibt es Margots Mutter in Darmstadt, die Briefe an ihre Tochter in Mondsee schreibt. Besonders diesen passiv-aggressiven Tonfall, das Schwanken zwischen massiven Vorwürfen und liebevoll hilflosen Einsprengseln, trifft Geiger ausnehmend, um nicht zu sagen: erschreckend gut. Die Darmstädterin erlebt über diese Briefe die nahezu komplette Auslöschung der südhessischen Stadt mit.
Und dann gibt es Kurt, den 17-jährigen aus Wien-Fünfhaus, in den seine dreizehnjährige Cousine Annemarie sich verliebt hat. Annemarie, kurz "Nanni", ist zusammen mit anderen Mädchen aus Wien per Landverschickung nach Mondsee gekommen; ihre Lehrerin ist streng, auf Disziplin bedacht, und weist nicht nur Kolbes zarte Annäherungsversuche ab. Die beiden Jugendlichen wechseln heiße Briefe. Die Korrespondenz wird abgefangen und von der Lehrerin wie von den Eltern gelesen, daraufhin die Beziehung zwangsweise abgebrochen. Und dann verschwindet Annemarie, wird wochenlang ergebnislos gesucht; Monate später werden an der Drachenwand ihre sterblichen Überreste gefunden. Ein Unfall? Oder Suizid?
Und es gibt Veits Nachbarn in Mondsee, den Bruder von Kolbes fanatischer, cholerisch-bösartiger Zimmervermieterin, genannt "Der Brasilianer". Einige Jahre vor dem "Anschluss" Österreichs war dieser aus Brasilien remigriert, betreibt eine Gärtnerei, züchtet exotische Orchideen, für die er Abnehmer in Salzburg hat, spielt auf seinem Grammophon die Kompositionen Heitor Villa-Lobos' und träumt sich sehnsüchtig zurück in sein brasilianisches Paradies. Den Mund lässt er sich nicht verbieten, weshalb er auch für sechs Monate wegen Beleidigung des Führers inhaftiert wird. Bald nach seiner Entlassung kommt es erneut zur Konfrontation mit Kolbes Onkel, dem Gendarmen. Dabei erschießt Veit seinen Verwandten, weil er für den Brasilianer starke freundschaftliche Gefühle hegt, während sich der Onkel als gnadenloser Opportunist erwiesen hat.
Gegen Ende des Jahres 1944 wird Kolbe dann wieder kriegs-, ja sogar fronttauglich geschrieben. Und er muss sich, wie auch alle anderen Romanfiguren, das letzte Mal dem alles verschlingenden Drachen Krieg stellen.

Die Rückkehr in die Zeitgeschichte ist nach dem bisherigen Werk des aus Vorarlberg stammenden Autors Arno Geiger eher ungewohnt, auch wenn sein bei Kritik, Publikum und Jurys gleichermaßen erfolgreiches Buch "Der alte König in seinem Exil", das literarisch-dokumentarisch vom Abgleiten des eigenen Vaters in die Demenz handelte, durchaus Bezüge zu dieser Zeit aufweist. Die Idee zu "Unter der Drachenwand" geht, wie Arno Geiger in einem ersten Interview bekannte, auf einen Zufallsfund zurück, den er vor etwas mehr als zehn Jahren machte, dabei handelte es sich um "die Korrespondenz eines Lagers, Kinderlandverschickung, Schwarzindien am Mondsee – die Kinderbriefe, Elternbriefe, Behördenbriefe –, und das", so der Vorarlberger, "habe alles in Gang gesetzt". Viele Hunderte von Aufzeichnungen aus diesen Jahren habe er zusätzlich gelesen. Dies merkt man deutlich im Duktus, in der Ausdrucksweise der einzelnen Protagonisten.

Klug entlässt Geiger am Ende alle Figuren ins unsichere Offene. Und nimmt das Offene dann in einer kurzen Nachbemerkung wieder zurück. Darin skizziert er sehr knapp, wer den Krieg überlebte und wer nicht, welchen Weg die Überlebenden nach Kriegsende einschlagen.
Es sind allesamt vom Krieg und den dadurch ausgelösten existenziellen Grenzerfahrungen schwer gezeichnete, nahezu zermalmte Charaktere, Opfer und Täter in einem, gleichgültig und zugleich mitfühlend, aufbegehrend und, auch dies, feig zurücksteckend. Eindrucksvoll, sensibel, sprachlich raffiniert zwischen Wiedergabe von Emotionen und von Optischem, das gegen Ende immer entschiedener die Gefühlslagen widerspiegelt, erzählt Arno Geiger von Menschen und Krieg, von Untergang und äußeren wie inneren Verheerungen.

Alexander Kluy
10. Jänner 2018

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

>> Incentives

 

Link zur Druckansicht
Veranstaltungen
Ins Deutsche übersetzt von … Dominique Fernandez und seine Übersetzerin Margret Millischer

Di, 18.12.2018, 19.00 Uhr Lesung | Gespräch | Buchpräsentation Der deutsche Gelehrte und...

Ausstellung
Küche der Erinnerung. Essen & Exil

25 Jahre Österreichische Exilbibliothek. Ausstellung von 01. Oktober 2018 bis 10. Januar 2019

Tipp
flugschrift 25 von Ruth Weiss

Soeben ist die Jubiläumsausgabe der flugschrift erschienen. Sie wurde von der in den USA lebenden...

Literaturfestivals in Österreich

Kennen Sie die Europäischen Literaturtage in Spitz an der Donau? Das BuchQuartier der Independent-...