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Gerhard Roth: Die Irrfahrt des Michael Aldrian.

Leseprobe

 

Er konnte nicht sagen weshalb, aber er fühlte sich hier in dem ausgestorbenen Stadtviertel mitten im Acqua alta wie befreit von seinem eigenen Ich. Er wollte jetzt nichts anderes, als seinen Reiseführer über Venedig schreiben, sagte er sich, in dem er die Stadt wie ein Pathologe sezieren würde. Zuerst den Kopf, das Gehirn: das Archivio di Stato di Venezia, aber auch San Servolo, die kleine Insel, auf der sich das Irrenhaus befunden hatte, dann den Dogenpalast und die Biblioteca Marciana. Die Augen von Venedig waren die Museen und die Ohren das Teatro La Fenice. Als nächsten Schritt würde er die Verdauungsorgane, die Ostarias, Restaurants, die Speisen und Getränke untersuchen. Er würde sie ohnedies jeden Tag, wenn er aß oder trank, automatisch kennenlernen. Und zuletzt die Venen, Adern und Nervenbahnen in den Gliedmaßen der Stadt, die engen Gassen, die Kanäle und den Strand auf dem Lido. Das Museo Fortuny hatte als Teil des Kopfes jedenfalls gut in sein Konzept gepasst, dachte er. Venedig war ja selbst eine Zeitkapsel und Mariano Fortuny mit seinem Salon, dem Atelier, der Bibliothek, dem Geheimzimmer und seiner Fabrik auf La Giudecca eines ihrer Innenbilder.
Er blieb stehen, wartete, bis das Wasser zu seinen Füßen sich beruhigt hatte, und betrachtete dann sein Spiegelbild. Über seinem Kopf der von Wolken bedeckte Himmel und rund um ihn die Gebäude, die Fenster und Farben.
(S. 52f.)

Sein eigenes Paradies war ein Gebilde aus Buchstaben, Noten und Farben, aus Musik, Büchern, Bildern und Kostümen – es war imaginär, wie er sich sagte. Jakob und Elena hatten hingegen ein wirkliches, ein "echtes" Paradies gewollt. Aldrian war in seiner Vorstellung jedoch schon so oft eine erfundene Figur gewesen, dass es ihm jetzt – nachdem er selbst wie eine fiktive Figur gehandelt hatte – nichts mehr ausmachte, nur noch Ausflüge in die Wirklichkeit zu unternehmen, anstatt eine vollständige fiktive Figur zu werden. Als er eingesehen hatte, wie es um ihn stand, rief er wieder Emilio an und machte ihm, zuerst in Form von Andeutungen, den Vorschlag, gemeinsam nach Lesbos zu reisen.
(S. 479)

© 2017 S. Fischer Verlag, Frankfurt/M.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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