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Milena Michiko Flašar: Herr Kato spielt Familie.

Leseprobe:

Ach ja, er hätte es beinahe wieder vergessen. Das Radio. Wo sie es versteckt habe? Er brauche es. Sofort. Und er ist gerade dabei, sich aufzubauen, die Schultern nach vorne gedrückt, die Arme leicht angehoben, eine Pose, die er sich für die Hose hat aufsperren wollen, nun vorschnell verpulvert, als es ihm ins Auge fällt, dort oben, zwischen kaputtem Reiskocher und Partypfanne, er gleich losschießt, was es da verloren habe, sein Radio, jetzt ist es plötzlich seins, es sei doch kein Küchengerät, sagt er und versucht es so freundlich wie möglich zu sagen, seine Stimme aber hat sich verselbständigt, und er erschrickt, wie grob sie ist. "Was?" Sie habe es zwischengelagert, weil es ihr im Weg gestanden sei? Und wenn er wolle, könne er es herunterholen und in sein Zimmer stellen? Ja und ob er das will! Er klettert auf einen Stuhl, stellt fest, wie schmierig es hier oben ist, der Staub von Jahren hat sich gemeinsam mit dem Fett von Jahren auf dem Schrank niedergelassen, und er findet es fein, wirklich fein, dass sie sein Radio gerade hierhin verstaut hat, wo der allermeiste Schmutz – was sie sich dabei gedacht habe? Wohl nichts! Zum Denken brauche es immerhin einen Kopf! Und er drückt es an sich, das arme Ding, drückt es zärtlich an seine Brust, ehe, so schnell geht alles, der Stuhl ein wenig ins Wackeln gerät, er sich schon fallen wähnt, hinab ins Bodenlose, ihm in der Panik, gleich bricht er sich das Genick, das Radio entgleitet, es mit einem Krach auf den Dielen landet und auf einmal zu rauschen beginnt. "Es lebt!" Ein Aufschrei. Er, wieder unten, beugt sich über das beschädigte Gehäuse und dreht an den Knöpfen, so lange, bis aus dem Rauschen ein Quäken geworden ist, die verzerrte Stimme eines Franzosen, oder ist es Musik? Er hat sich hingekniet, um sein Ohr an den Lautsprecher zu legen. "Ein Walzer", flüstert er. "Der aus dem Film!" Seine Frau, die sich dazugehockt hat, nickt ein wortloses "Ja". Und sie lauschen, alle beide, lauschen gemeinsam dem Dreivierteltakt, der sich mit den Geräuschen vermischt, die ihn gleichsam überlagern: der Kochsendung (die Hausfrauen dürfen nun kosten), dem tropfenden Wasserhahn, den Stimmen der Nachbarn (einer gurgelt gerade), der fernen Sirene eines Rettungsautos. Wie alles zusammen eine Melodie ergibt und zueinander gehört, sein Räuspern, als er schließlich aufsteht, ihr Schniefen, das sie auf die Zwiebeln schiebt. Und wie alles auseinanderfällt, schon im nächsten Augenblick, als sie ihn fragt, wie es übrigens beim Arzt gewesen sei, und er gerade jetzt nicht darüber sprechen mag, nicht darüber, dass ihm nichts fehlt, sie aber nachbohrt, und er kurzerhand etwas am Herzen erfindet, nichts Schlimmes, aber man müsse es beobachten. Und er bittet sie inständig, sich keine Sorgen um ihn zu machen, es sei bestimmt bloß eine Kleinigkeit, worauf sie ihm direkt in die Augen schaut – wann hat sie das zuletzt getan? –, und er es noch einmal sagt, um in ihrem Blick zu bleiben: "Bloß eine Kleinigkeit."

Der restliche Tag verläuft ereignislos. Er hat das Radio zurück auf den Schrank gestellt, kein schlechter Platz eigentlich, er muss es nicht andauernd sehen und sich daran erinnern, dass er im Elektroladen, wohin er es vor gut fünf Monaten gebracht hat, beinahe in die Luft gegangen wäre, als man ihm erklärte, es lohne sich nicht, es wieder herzurichten, es sei günstiger, wenn er sich ein neues kaufe, zwar hätten sie nur noch wenige im Angebot, denn, ein bisschen mitleidig: "Die sind aus der Mode gekommen", aber wenn es ihm ein Anliegen sei, sie könnten nachschauen, ob noch eins im Lager sei. Ja, er bitte darum. Natürlich hatten sie keins. Ob sie eine Bestellung aufgeben sollten? Die Lieferzeit betrüge ein bis zwei Wochen? Und er ist, ohne eine Antwort zu geben, mit einem Blick, der sie strafen sollte, nach draußen gestapft, wild entschlossen, es selbst zu reparieren, und das innerhalb der ein bis zwei Wochen, die ihm wie eine Ewigkeit erschienen, sieben bis vierzehn lange Tage, dazu die Nächte, noch länger, wär doch gelacht, wenn er das nicht schaffen würde. In seiner Entschlossenheit hat er die örtliche Bücherei aufgesucht, um dort, in der Physikabteilung, nach passender Lektüre zu stöbern, leider ohne Ergebnis, woraufhin er in die Buchhandlung, wo man ratlos gewesen ist, ihm aber – "wie hilfreich, haben Sie Dank!" – den Tipp gegeben hat, das Internet zu befragen, ob er sich auskenne damit? Ja, so alt sei er nun auch wieder nicht. Der erste Tag war damit verstrichen. Und schon am zweiten hatte er zu schlecht geschlafen, als dass er sich dazu hätte aufraffen können, weitere Schritte zu unternehmen. Er tröstet sich mit dem Wort "Langzeitprojekt". Es klingt vielversprechend. Und wirklich ist seither kein Tag vergangen, an dem er sich nicht mindestens einmal vorgestellt hat, wie er das Radio zu sich heranziehen, es vorsichtig auseinanderbauen würde, bei solchen Sachen konnte man nicht vorsichtig genug vorgehen, und wie er dann dasitzen würde, im Schein der Lampe, die er ganz nah bei sich aufgestellt hätte, staunend dasitzen vor dem Wunder des Innenlebens, das sich ihm offenbarte, den Kabeln und Spulen, erst einmal staunend dasitzen und durchatmen.

(S. 50-53)

© 2018 Berlin, Wagenbach Verlag

 

 

 

 

 


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