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Peter Rosei: Karst.

Roman.
Salzburg-Wien: Residenz Verlag, 2018.
175 Seiten; gebunden; 22,00 Euro.
ISBN 978-3-7017-1690-6.

Autor

Leseprobe

Peter Rosei beginnt den Roman "Karst" mit einer Liebesgeschichte, einer Dreiecksbeziehung, die gleichsam als Kriminalroman mit einem Mord endet. Damit ist nichts verraten, weil der Nachdruck und die Spannung, die der Autor aufbaut, nicht vorweggenommen werden, sondern nur selbst gelesen und erlebt werden können. Antizipiert wird nur Eines: Rosei hat ein – im wörtlichen Sinn – "fabel"haftes und lesenswertes Buch geschrieben. (Am Ende, nach rund einhundertsiebzig Seiten, denkt man, es sei zu kurz gewesen.)

Das Buch handelt nicht nur vom Karst, sondern überwiegend von Jana Soukup, einer jungen und schönen Frau, die in einem heruntergekommenen Hotel in der slowakischen Hohen Tatra aufgewachsen ist und es dann bis nach Wien geschafft hat… Neben ihrer Schönheit hat sie nichts, um ihre Träume von einem aufregenden Leben im reichen Westen zu verwirklichen. Ihre Ehe mit einem unterdurchschnittlichen und gleichzeitig ambitionierten Musiker, Gabor Kelemen, bringt sie vom Fuß der Tatra nach Budapest, wo sie den Wiener Profiteur Gstettner kennenlernt, der sie nach Hietzing verführt, wo er seinen nicht ganz koscheren Geschäften mit gefälschter Designermode und später mit unverfälschten Flüchtlingen nachgeht.

Damit nicht genug Stoff. Die Geschichte hat mehrere Stränge. Exemplarisch für den Karst steht Tone Kral, ein slowenischer Bauernsohn, der sich als Kellner und Gigolo durch das Leben schlägt, in Venedig - und hier schon als Tonio - einen Wiener Kulturmenschen, den gealterten Theaterkritiker Georg Kalman, kennenlernt, ihm mit seinem Körper zu Diensten ist und zuletzt zu ihm flüchtet, weil ihm wegen verschiedener Machenschaften mit einem bosnischen (!) Gondoliere der venezianische Boden zu heiß wird.

Angesiedelt hat Peter Rosei die lebenshungrigen Existenzen im Niemandsland zwischen alter und neuer politischer Ordnung der Neunzigerjahre des vorigen Jahrhunderts, durch das sich Jana und Tone alias Tonio gekonnt auf Kosten Kalmans lavieren. Der Autor hat auch beeindruckende Kenntnisse über altes k.u.k-Gebiet, inklusive Piran, Triest und allem, was die Monarchie so hergibt oder vielmehr hergegeben hat. Überhaupt ist der Roman die Blaupause des realen Lebens, obwohl die Figuren naturgemäß erfunden sind.

Der Roman hat ein weit verzweigtes, aber überschaubares und nachvollziehbares Handlungsnetz. Die Helden gehen einander auf getrennten europäischen Wegen zu, von der Hohen Tatra, Budapest, Venedig, Triest, Piran, … nach Wien, in diese imperiale europäische Metropole. Es geht um einen Erzählzyklus, der bis ins Kleinste ausgefeilt ist. Rosei erzählt parallelverschoben mehrere Lebensmuster und verknüpft sie gegen Ende des Buchs. Die Verbindungen ergeben sich ungezwungen, sozusagen natürlich.

Der Roman ist ein Querschnitt der Hoffnungen und Sehnsüchte, auch der Ängste und Enttäuschungen. Die Sozialkritik, immer wieder ein wichtiges Element in den Werken Roseis, blitzt in seinen Kommentaren, die freilich nicht als solche kenntlich sind, auf. Er bringt sie nebenbei und unaufdringlich an, mit einer Feinheit, die wenige österreichische Autorinnen und Autoren beherrschen. Dazu kommt, dass das meisterhaft geschriebene Buch, und zwar wiederum nebenbei, ein kleiner Reiseführer ist, was keinesfalls unerwähnt bleiben darf.

Im Buch findet man eine Stelle, die klingt, als ob Peter Rosei sich gleichsam selbst rezensiert hätte, wenn es heißt: "'Was Sie gelegentlich abliefern, Kalman', hatte der Herausgeber erst kürzlich zu ihm gesagt, 'wirklich großartig, wirklich super! Sie überfordern die Leute nicht, Kalman. Wer will das auch schon? Wer kann das brauchen? Die Leute mögen, was Sie schreiben, Kalman. Die Leute lieben Ihre Sachen. Der eine hat’s eben drauf, der andere nicht.'" (S. 34.)
Rosei hat's drauf, was er hier abliefert, ist wirklich großartig. Ein selten schönes und poetisches Buch. Und der slowenische Auszählreim am Romanende ist gleichsam die Hommage an die Poesie des Karsts.

Janko Ferk
2. Februar 2018

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.


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