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Mareike Fallwickl: Dunkelgrün, fast schwarz.

Leseproben:

 

Mit der Fingerkuppe streicht Moritz über Alaska, das Muttermal unter Kristins Bauchnabel. Es ist dunkel und so groß wie ein Daumennagel. Am linken Rand sitzen winzige Leberflecke, sie beschreiben dieselbe Kurve wie die Aleutischen Inseln im Beringmeer. Das Muttermal sieht aus wie eine schiefe Sternschnuppe. Oder eine Sprechblase. Doch wenn Moritz es berührt, denkt er an Alaska. An behäbige Eisbären und Weiß in allen Schattierungen, Zinkweiß, Bleiweiß, verräterisch strahlendes Barytweiß. Kristin hat er das noch nie erzählt.
Moritz ist allein mit dem Bauch. Seine Fingerspitzen streicheln die Haut, er spürt, wie rau sie sind im Vergleich zur Haut, die überspannt ist, unnachgiebig, und doch weich. Er schiebt die Finger vorwärts, zentimeterweise, viel gibt es zu erkunden, er fühlt und er tastet und er staunt. Der Bauch pulsiert ganz leicht. Er ist lebendig, und seine Lebendigkeit schüchtert Moritz ein. Er kann sich nicht daran gewöhnen. Wie eine Leinwand ist die Haut, ein geglättetes Gewebe. Das Leben wird eine Geschichte malen, mit schwungvollen, kräftigen Pinselstrichen, niemals wird es zögern, eine Geschichte von schicksalhaften Tagen und zuckerfarbenen.
Er legt die Handfläche auf den Bauch und wartet darauf, dass das Baby boxt. Und das tut es. Mit seiner kleinen Hand oder einem Fuß, einem Ellbogen oder einem Knie schlägt es genau dorthin, wo er die straff gezogene, warme Haut berührt, es spürt die Wärme oder bewegt sich zufällig. Er kann es sehen. Der Bauch verbeult sich, bekommt Ausbuchtungen, die gleich wieder verschwinden. Da drin ist sein Kind.

(S. 9)

Er bleibt unvermittelt stehen. Ich drehe mich irritiert zu ihm um. In einer schnellen Bewegung zieht er mich an sich, packt meinen Pferdeschwanz, wickelt meine Haare um sein Handgelenk und küsst mich. Ich bin nicht überrascht und dennoch überrumpelt. Er schmeckt nach Tabak, und ich spüre, dass er dabei grinst. Kurz hört er auf, zieht an meinen Haaren und flüstert: »Was für ein Prachtfisch.«
Ich wische mir mit dem Handrücken über die Lippen und will weitergehen, doch er schiebt mich vom Weg hinunter in den Wald, hinein ins Dickicht, weiter und weiter, drängt mich an einen Baum. Seine Finger wandern in meine Unterhose, in meine Feuchtigkeit, in mich, sein Mund beißt durch den dünnen Baumwollstoff meines Kleids in meinen Nippel. Ich bin es nicht gewohnt, so grob gepackt und gefingert zu werden, und es gefällt mir. Er zerrt mir den Slip hinunter und öffnet seine Hose, ohne meine Haare loszulassen, dann drückt er meinen Kopf nach unten und schiebt sein Ding in meinen Mund. Ich weiß nicht, wohin mit meinen Zähnen und meiner Zunge, und er zieht es erst wieder heraus, als ich schon glaube, zu ersticken. Es schmeckt salzig und nach Talg, keuchend hole ich Luft. Da zieht er mich hoch, dreht mich um und lehnt mich mit dem Oberkörper gegen den Baum. Er stößt in mich hinein, legt seine Brust auf meinen Rücken, füllt mich aus und hält mich fest. Meine Beine zittern, ich muss mir auf die Fingerknöchel beißen, um nicht zu schreien. Die Baumrinde reibt mir die Schulter und den Hals auf, seine Finger auf meinem Nippel tun weh. Mit einem kehligen Laut entlädt er sich auf meinem Hintern. Er gräbt seine Finger in mich, stößt und kreist und rubbelt, bis ich rasch und heftig komme. Ich keuche benommen, in der Schwärze vor mir kann ich nichts erkennen.
Christian klaubt Laub auf und wischt sein Sperma von meinem Hintern. Ich ziehe hastig meinen Slip hoch und mache meinen aus der Form geratenen Pferdeschwanz auf. Meine Kopfhaut tut weh. Alles tut weh, ich fühle mich rau und wund und offen, verwegen und lebendig. Ich richte mein Kleid und merke bei den ersten Schritten, wie wacklig meine Beine sind.
»Ich mag an Fischen so gern«, sagt Christian, als sei nichts geschehen, »dass sie nass sind.«
Ich schäme mich und bin erschrocken über das, was ich getan habe. Was ich mit mir habe tun lassen. Ich habe nicht einmal darüber nach gedacht, wie riskant das ist, hier im Wald, neben dem Kindergarten, neben dem Spielplatz, ich war ein Fühlen und ein Spüren und ein Wollen, das Denken ausgeschaltet. Verstohlen sehe ich mich um, ob jemand etwas bemerkt haben könnte, aber es ist finster, niemand ist da. Christian zündet sich eine neue Zigarette an, und wir gehen zurück auf den Weg.
»Lass es zu«, sagt er und inhaliert, »dein Körper braucht das.«

(S. 215 ff)

 

© 2018 Frankfurter Verlagsanstalt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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