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Anselm Glück: inland. (augen lügen, spiegel nicht).

Graz, Wien: Droschl, 2000.
84 S., geb.; öS 200.-.
ISBN 3-85420-542-2.

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"weiterhin baldige besserung" steht da einsam auf der letzten Seite, als Abschluß der 39 numerierten Szenen - der Autor selbst scheint es uns zu wünschen. Danke, können wir gebrauchen, zumindest wenn es sich in unserem Inland tatsächlich so verhält wie in Anselm Glücks gleichnamigem Kurzdrama.

Auf einer Szenerie aus Eis und Müll verteilen sich laut Regieanweisung die Schauplätze, auf denen sich die Figuren quälen. Zwei von ihnen, lucinda und gregor, lieben sich zwar, doch lucinda wird von dem fiesen Müllschieber reiker erpreßt, ihm zu Willen zu sein. Der droht damit, die Beteiligung ihres ausstiegswilligen Vaters, des zuständigen Regierungsbeamten, an seinen schmutzigen Geschäften zu offenbaren. Das Medium zur Befriedigung von reikers Gelüsten soll ein von ihm und der Sex-Unternehmerin sharleen konstruiertes Gerät namens "besser als sex" sein: eine Art elektrischer Stuhl für Frauen, mit dessen Hilfe vor einem Spiegel sitzende Männer ihre sämtlichen Phantasien verwirklichen können. Getestet wurde der Vergewaltigungsapparat an der armen Stripperin fanny, die dafür nicht einmal den vereinbarten Lohn erhält. Die Markteinführung von "besser als sex" läuft bereits hervorragend (warum Glück ausgerechnet den namentlich genannten Roberto Blanco dazu beitragen läßt, wird wohl ein Geheimnis bleiben). reiker und sharleen scheinen endlich am Ziel ihrer Macht- und Geldgier, als am Ende die betrogene fanny ihren Ausbeuter niederschießt und "das schöne wort 'danke'" eingeblendet wird.

Ein weiteres gerade so modernes Trash-Stück vor Müllpanorama also könnte man meinen, wäre da nicht die Figur des resignierten "einsiedlers/wanderers", die - ohne mit den anderen in Kontakt zu treten - zwischen den Schauplätzen umherirrt und auf abstraktem Niveau eine poetische Reflexion von Identität, Individuum und Welt, von Ahnung und Katastrophe leistet. Im Gegensatz zu der trockenen Alltagssprache der anderen formuliert der einsiedler/wanderer in oft expressionistisch anmutenden Monologen das Leiden des Vereinzelten am zu gestaltenden und doch unaufhaltsamen Lauf der Dinge.

Wenn die Augen der Spiegel der Seele sein sollten, scheint es nach dem Untertitel (augen lügen, spiegel nicht) in einer materiellen Welt um die Seelen der Handelnden nicht allzu gut bestellt zu sein. Doch schon zu Beginn warnt eine Stimme vom Band zur Vorsicht: "das leben ist den menschen fremd und wird geheuchelt. gedanken werden vorgetäuscht. die welt - ein nachgestelltes kasperltheater." Die Postmoderne (oder ihr Danach) fällt in den Barock zurück. Großes Welttheater ist "inland" jedoch nicht. Es wird keine Abende füllen und wahrscheinlich auch keine großen Schauspielburgen. Dennoch wäre ihm eine Inszenierung zu wünschen.

Matthias Köpf
20. März 2001

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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