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Thomas Stangl: Fremde Verwandtschaften.

Leseprobe:

Der Architekt erscheint sich selbst blass, wie überbelichtet, er könnte noch in der Bewegung des Aus-dem-Bus-Steigens gleich in der Leinwand der Landschaft verschwinden. Unterstände mit graubraunen Matten und Strohdächern, graubraune Erde mit ein paar Schlammpfützen darin. Die Hitze ist drückend, aber hier muss es erst vor kurzem geregnet haben, hier und nirgendwo sonst auf der Strecke. Wie hässlich sind diese Weißen, denkt er, mit Blick auf seine unsicher herumstehenden Reisegenossen, wie absurd ist diese käsige Hautfarbe. Bei den Männern sowieso, aber selbst bei den Frauen. Die Einheimischen stehen genauso unsicher herum, jedenfalls die meisten Erwachsenen, eine Frau zetert vor sich hin und schubst ab und zu den Dekan an, der verlegen lacht und versucht, gleichzeitig den Kopf zu schütteln, ein paar Kinder klatschen rhythmisch in die Hände und beginnen zu tanzen. Einer der Besucher beginnt, die tanzenden Kinder zu filmen. Einige andere versuchen mit den in lange bunte Wickelröcke gekleideten Dorffrauen zu sprechen. Nicken, Lächeln, freundliche Gesten. Männer mit finsterem Blick, langsamen Bewegungen halten sich im Hintergrund, tun so, als wäre nichts, als wären die Besucher nicht da, als könnten sie mit einer Handbewegung alles wegwischen, Frieden würde einkehren. Es gibt gelbe Kanister unter einem Unterstand, in denen Benzin sein kann, Wasser oder sonst was, eine Ziege läuft durch den Bildhintergrund, Kinder und Tiere, damit kann man sich trösten und das Bild füllen, eine Ziege, ein weißes, ein rotes Huhn, für die Kinder Kinder und Tiere fotografieren, fremde Kinder für die Kinder daheim, vertraute Tiere aus der Fremde für die Kinder daheim. Fremde Wesen für die Kinder daheim. (…) Der Architekt empfindet das Fotografiertwerden wie einen Angriff und steckt seine Kamera wieder ein. Ohne die Kamera fühlt er sich allerdings nackt. (…) Warum dehnt sich die Zeit, so wie in den Nächten, nun auch tagsüber immer weiter aus, warum ist noch nicht Abend, warum sind sie nicht längst in Belleville. Der Architekt passt auf, nicht in die Pfützen zu treten. Nicht dazugehören, denkt er, weder schwarz noch weiß sein, wie gestern Abend, nur ein Körper. Eine Hand, die ihm übers Gesicht streift, das verschwitzte, feuchte, aufgequollene Gesicht, seine Hand, die über das Gesicht einer Frau streicht, einer fremden Frau.

(S.172f.)

© 2018 Literaturverlag Droschl, Graz-Wien

 

 

 

 

 

 

 

 

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