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Cordula Simon: Der Neubauer.

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Rezension

Leseprobe:

Ich war dankbar, dass Albert keine Fragen gestellt hattte, auch wenn ich fürchtete, dass sie später kämen. Keiner von meinen Freunden war so eng mit Albert und Corinna, dass ich fürchten musste, dass die beiden bereits Details kannten und Probleme bereiten würden. Nicht einmal ich sollte so eng mit ihnen sein. Sie hatten mich im Supermarkt offenbar nicht gesehen. Ich schälte mich aus der feuchten Kleidung und stellte mich unter die Dusche. Die Shampooflaschen waren nach Farben sortiert. Eine Flasche Stutenmilchduschgel, auf der ein Pferd aus weichen, grünen Strichen abgebildet war. Das Shampoo hatte mehr Vitamine als mein Essen. Die nächsten Minuten brauchte ich, um mit dem Einhandmischer die richtige Temperatur zu finden. In einer fremden Dusche die richtige Temperatur zu finden, ist, wie eine Bombe zu entschärfen. Am Brennen in den Augen merkte ich, wie wenig mein Körper Vitamine gewohnt war. Vielleicht hätte ich davon etwas in meinen Mund quetschen sollen. Ich war hellwach. Ich freute mich über die trockenen Socken, über Hose und Hemd freute ich mich jedoch weniger. Albert hatte auf mich immer größer gewirkt, aber offenbar waren seine Arme und Beine ein gutes Stück zu kurz. Was für ein Zwerg. Ich kam mir vor wie ein Clown. Immer noch ein attraktiver Clown, aber eben doch ein Clown. Wie gerne hätte ich nun einen gigantischen Holzhammer, das würde den Abend leichter machen. Oder eine Menge Sprengstoff. Niemand möchte Batman sein, wenn man auch der Joker sein könnte.
Auch die Schuhe passten dazu. Albert hatte zwar eindeutig größere Füße als ich, aber meine Schuhe waren größer als seine. Eine gute Angewohnheit aus der Kindheit: zu große Schuhe zu kaufen, man würde ja noch hineinwachsen. Natürlich halten sie nicht so lange, bis man hineingewachsen ist, und dann kaufte man die nächsten Clownschuhe. Mit den aufgetragenen Strumpfhosen der Mädchen aus der Nachbarschaft sahen die Schuhe noch grotesker aus. Da beginnt man, anders über die Notwendigkeit von Gendergrenzen nachzudenken. Da ist doch immer noch ein bisschen Luft. So wie in meinen Schuhen.
Ich verließ das Bad und begrüßte endlich Corinna, die Schüsseln mit Knabbereien auf den Couchtisch stellte und mir ein Bier anbot, das ich dankbar annahm. Das Kind war wieder verschwunden.
Ich war froh, mich in Ruhe auf einem Ohrensessel niederlassen zu können, und arbeitete daran, eine Schale Erdnussflips zu leeren. Schließlich wirkte Corinna nicht, als hätte sie noch viel mehr aufzutischen. Das Zeug besteht nur aus Luft. Ich versuchte, mich möglichst nicht in Gespräche einzumischen, am besten nicht zuzuhören. Das war schwiereig. Mein Bullshit-Detektor schlug alle drei Minuten aus, bei Sätzen, die begannen mit: Und deswegen ist im Nahen Osten. Ein zweites Bier musste her.
Da gibt es genug Spezialisten. Idealerweise beschäftigt man sich mit Nachrichten über Ereignisse, die möglichst weit weg geschehen, die man künstlich aufbläst, damit man sich nicht mit der Sinnentbundenheit des eigenen Lebens beschäftigen muss. Die wären erstaunt, wie instabil auch ein Land wie dieses sein kann.
Oder Sätze wie: Es brach mir das Herz. Verlogener Schnulzenscheiß und Betroffenheitsgetue. Zum Kotzen. Leute, die nach jeder Katastrophe Dinge posten wie: Meine Gedanken sind bei den Opfern von – beliebige Katastrophe hier einfügen –. Nur um sich selbst darzustellen, weil man ja so empathisch war, dass man geradezu selbst zum Opfer wurde. Ein drittes Bier war notwendig. Die Bewältigungsindustrie hat immerhin auch der Alkoholindustrie geholfen. Löscht euch doch alle.
Neben mir hörte ich jemanden sagen: Ich bin im falschen Jahrhundert geboren. Die Gesellschaft vor zweihundert Jahren. Mehr Bier!
Vollidiot, dachte ich, und begab mich in Richtung Toilette. Er hatte etwas von einem Gewalthippie, der bunt gefärbte Bio-Hanf-Textilien trägt. Manchmal ist ein Mensch zwar einige Jahre älter als man selbst, aber von einer Dummheit, als sei er einige Evolutionsstufen zurückgeblieben. Rückzug auf die Toilette, bevor mir die Galle hochkommt. Heute war ich auf Diät: Es gab Hass mit nocheinmal Hass und Bier dazu. WCs hättest du vermutlich vermisst, du dämliche Warze von einer Existenz. Ich glaube nicht, dass igendjemand hier vor zweihundert Jahren überlebt hätte.

(S.133–135)

© 2018 Residenz Verlag, Salzburg-Wien

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