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Lil Helle Thomas: Stimmung in der Architektur der Wiener Moderne. Josef Hoffmann und Adolf Loos.

Wien, Köln, Weimar: Böhlau 2017.
409 Seiten;
broschiert;
95 s/w-Abb.; Euro 55,-
[A].
ISBN 978-3-205-20527-2.

Form und Funktion, Detailverliebtheit, Akribie, Gespür – Stimmung. Substantive aufgefädelt an einem starken Band, das fest um ein Paket geschnürt ist. Über 400 Seiten stark ist es und wiegt auch nicht wenig; und dennoch ist es in seinem Sinn für unprätentiöse Ästhetik bis hin auf die Ebene der äußeren Gestaltung fast bescheiden geblieben. Mit "Stimmung in der Architektur der Wiener Moderne. Josef Hoffmann und Adolf Loos" führt Lil Helle Thomas eindrucksvoll vor, wie eine Liebeserklärung an ein Thema aussehen, wie Interdisziplinarität anschaulich manifest werden kann. Eine, die vielleicht dort niedergeschrieben, die es aber jenseits von Gründerzeit-Universitätsbüros zu entdecken gilt.

Gerade dieser Zeitabschnitt, der Eintritt ins 20. Jahrhundert in Wien, Hauptstadt des Vielvölkerstaates – Literatur- und Kulturmetropole – ist jener Inspirationsquell, aus dem die Architekten Adolf Loos und Josef Hoffmann trinken, der in ihnen weiter sprudelt, auch wenn sie dabei Villen in Frankreich oder Belgien beleben.

Lil Helle Thomas verschränkt nicht nur zwei verschiedene Schaffens- und Werkbiographien, zwei mitunter konfliktgeladene ästhetische Grundverständnisse, sondern knüpft sie an die Theorie der "Stimmung". Dabei geht sie erst einmal vom geschriebenen Wort der beiden Architekten aus; weniger deren in Baumasse manifest gewordenen Ideen, die erst im weiteren Verlauf des Bandes Gestalt annehmen. Der Boden, auf dem dieses tertium comparationis "Stimmung" steht, wird dabei von Thomas erst einmal sorgfältig abgegangen, bevor sie jene Stellen freilegt, die für die Untersuchungen konstruktiv gemacht werden sollen. Dieses Unterfangen führt in Gegenden der Philosophie, Psychologie, Ästhetik, Geschichtswissenschaften und nicht zuletzt der Literatur, wie immer wieder zentral über das Wort von Zeitgenossen – etwa etwa Hermann Bahr.
Auf dieser Basis dehnt sich zugleich ein riesiger Betrachtungshorizont zum nun kontextualisierten Werk Hoffmanns und Loos' aus, den Thomas aber geschickt zu bündeln vermag, indem anhand vierer Bauwerke, respektive Projekte, Adolf Loos' Villa Karma und Josef Hofmanns Palais Stoclet, das Sanatorium Purkersdorf (Hoffmann) und das Haus am Michaelerplatz (auch "Looshaus"), die Indizien für die jeweiligen ästhetischen Grundprinzipien eruiert werden. Fragen etwa nach dem Verhältnis von Wohnen und Subjektkonstitution in der Wiener Moderne, die weit über Werbeslogans schwedischer Möbelhäuser hinausgehen und buchstäblich an die Substanz hinan reichen, werden ebenso gestellt, wie genaue Werkanalysen (etwa anhand des Sanatoriums Purkersdorf) durchgeführt. Frei nach Freud: der Mensch ist nicht mehr Herr im eigenen Haus, muss das Haus nun auf die Couch? Es ist dieses Verhältnis zwischen Innen- (Gefühls-) und Außenwelt, dem in einer Zeit starker Umbruchsstimmung in so vielfältiger (künstlerischer) Art und Weise Ausdruck verliehen wurde. Auch auf das Konzept des Gesamtkunstwerks hin betrachtet, das wiederholt zur Sprache kommt – die Bezüge werden wiederum erst durch diesen spezifischen Ordnungsrahmen sichtbar, den Lil Helle Thomas aufspannt.

Ein Band, der an die bekannten Konzepte und Fragestellungen des Fin de Siècle in Wien herangeht und sie neu zusammenspannt. Josef Hoffmann und Adolf Loos, so zeigt Lil Helle Thomas auf, lassen sich gut aneinander vergleichen, trotz ihrer konträren Ansichten, was etwa das Verhältnis von Kunst und Gewerbe anbelangt, die Einschätzung der Rolle ihrer Profession oder der Wahl des Mediums, das sie zur Selbstvermarktung einsetzten (Fotografie im Falle Hoffmanns und die Schrift im Falle Loos'). Sie beide aber "verwirklichten gänzlich gestaltete Architekturen, die ein Wunschbild des modernen Menschen fetischisierend umkreisen" (S. 371).

Die komplexen Ergebnisse, die Lil Helle Thomas präsentiert, profitieren dabei nicht zuletzt vom vielen Anschauungsmaterial in Form von Fotografien, Grundrissen, Skizzen, was auch den an Journale oder Lexika erinnernden zweispaltigen Satz sinnvoll erscheinen lässt – das Innehalten, das in den dichten Kontexten notwendig ist, wird somit erleichtert. Zugleich kommt es dadurch zu einer Fragmentierung und leichter Unruhe, durch die einzelne Buch-Elemente wiederum stärker betont werden. In diesem Zusammenspiel von Form und Funktion können LeserInnen diesem Narrativ folgen, das die große Stärke von Lil Helle Thomas' "Stimmung in der Architektur der Wiener Moderne" darstellt. Wer nach einer schnellen Information sucht oder Allgemeinplätze besuchen möchte, wird den Band schnell wieder beiseite legen. Diese Buch-förmige Stadtbesichtigung macht Sinn, wenn man sie in ihrer eigenen Dramaturgie begreift und wirken lässt.

Dieses wohl geschnürte Paket ist ein Liebhaberprojekt – für Liebhaber aufbereitet. Dennoch kein Coffee Table Book, sondern eines, das man ohne schlechtes Gewissen auch mal in die Tasche packt – zur einstimmenden Lektüre auf den nächsten Wien-Besuch.

Anna Obererlacher
05. März 2018

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