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Max Beck: Günther Anders' Gelegenheitsphilosophie.

Exilerfahrung – Begriff – Form.
Mit einem Vorwort von Konrad Paul Liessmann.
Wien: Klever, 2017.
130 Seiten; Broschur; EUR 18,-.
ISBN 978-3-903110-22-9.

Der vorliegende Traktat könnte als ein geglückter Versuch gelten, über hundert Seiten einen Begriff zu umkreisen, ohne jemals wesentlich dessen Inhalte zu berühren. Der anhaltenden Ignoranz der Öffentlichkeit wie auch des akademischen Betriebs gegenüber dem Philosophen und Schriftsteller Günther Anders (1902–1992) zum Trotz widmet sich der 1988 geborene Max Beck dessen Selbstdeklaration als "Gelegenheitsphilosoph" und nähert sich diesem tatsächlich erklärungsbedürftigen – weil zu Irrtümern einladenden – Begriff in drei Anläufen: einmal über die Biographie, ein zweites Mal über die Frage nach der Methode und ein drittes Mal über die textliche Form.

Dass der erste, biographische Anlauf ins Leere gehen könnte, scheint dem Autor, wie das von ihm beigestellte Zitat Micha Brumliks demonstriert, durchaus bewusst zu sein: "Die Philosophie von Günther Anders ist so offensichtlich von den Zeitumständen, von der Emigration, von Hiroshima und Auschwitz geprägt, daß ein Versuch, sein Denken aus diesen Zeitumständen heraus zu erläutern, kaum anders als tautologisch enden könnte." (zit. n. S. 23)

Nichtsdestotrotz helfen die im Weiteren gelieferten – freilich trotz einigen Rechercheaufwands immer noch dürren – Informationen über die kalifornische Exilzeit, sich von den Rahmenbedingungen der Geburt des "Gelegenheitsphilosophen" ein ungefähres Bild zu machen: Es ist, grob, das Bild eines Außenseiters unter Außenseitern, mit sporadischen Kontakten zu den Gründern der Kritischen Theorie, der aus Geldnot prekärer fordistischer Brotjobs im Umfeld der Traumfabrik Hollywood bedürftig ist und für den ein philosophisches Systemdenken schon aus dem banalen Grund des Zeitmangels, mehr aber wohl noch aus der subjektiven Erfahrung existenzieller Zersplitterung und Kontingenz heraus nicht in Frage kommt. Aus manchem zitierten Briefzeugnis spricht nebenbei bereits jene Herablassung der Kollegenschaft, die diese für Anders, der zeitlebens zwischen allen Stühlen saß, auch später übrighatte. Nur am Rande behandelt das Buch die Frage nach den Verbindungslinien zwischen der im Exil zum Programm erklärten Gelegenheitsphilosophie und dem von Husserl und Heidegger geprägten philosophischen Frühwerk.

Aufschlussreicher ist die Annäherung an den Gegenstand von der Methodenseite. Nachdem der Autor dem Begriff der Gelegenheitsphilosophie in publizierten Texten von Anders, aus denen nicht zuletzt dessen Spannungsverhältnis zu den "Berufsphilosophen" deutlich wird, sowie einer losen Analogie zu Goethes "Gelegenheitsdichtung" nachgegangen ist, widmet er sich der im Nachlass (Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek) enthaltenen programmatischen Schrift "Gelegenheitsphilosophie". Damit ist man im Kern des Traktatus angekommen – und der Nachvollzug der sich hier entfaltenden Lektüre ist für jeden, der sich mit dem Anders'schen Werk beschäftigen möchte, lohnend. Bei dem genannten Text handelt es sich um eine Sammlung von Tagebucheinträgen größtenteils aus der Zeit zwischen 1942 und 1950 (im kalifornischen bzw. zweiten New Yorker Exil), in denen, in einer Art von Selbstvergewisserung, die grundsätzliche Möglichkeit eben einer Gelegenheitsphilosophie sondiert wird. Das heißt, den Philosophen treibt die Frage (der Wunsch, zugleich der Zweifel) um, ob ein Philosophieren möglich wäre, das vom Einzelnen ausgehend Allgemeines behandle.

D
iese Anders vorschwebende Art von Philosophie würde, von empirischen Tatsachen ausgehend – somit ab ovo in der Lebenswelt verankert und das Gegenteil von weltfremd –, konkrete Gelegenheiten des Alltags als Sprungbretter ins abstrakte Allgemeine nützen. Die passende Gelegenheit müsste, so Anders, jeweils eine "Verlegenheit" sein, ein "Nichtbegreifen", eine vorübergehende "Starre des bloßen Stutzens": "Da man als Verlegener weiterlebt und auf Begreifen angewiesen ist, gerät jede Begriffsstutzigkeit von selbst ins Spielen, von sich aus verwandelt sie sich in einen Greif- und Begreifversuch" (zit. n. S. 64). Eine dieserart zustande kommende gelegenheitsphilosophische Schrift, so das Konzept, sollte nicht erst das Ergebnis der Reflexion abbilden, sondern – die didaktische Intention ist offensichtlich – den gesamten Prozess bis zum Begreifen dokumentieren. Im Übrigen lässt Anders von Anbeginn keinen Zweifel daran, dass es ihm ums Ganze geht: "Konfrontiert mit den ungeheuerlichen Ereignissen der Zeit fragt sich niemand: ‚was soll ich nun dazu sagen?‘; vielmehr fragt ‚man‘ sich: ‚Was soll man dazu sagen?‘ oder: ‚wie soll man da weiterleben?‘ Das heißt: Man leidet bereits qua Mensch, nicht qua Günther Anders." (zit. n. S. 66)

Damit ist, wie Beck deutlich herausarbeitet, zugleich eine Grundvoraussetzung der Gelegenheitsphilosophie benannt: "Die Annahme, Erleben sei immer zunächst subjektiv und intersubjektive Bedeutung entstehe erst durch eine nachträgliche Reflexion, weist Anders im Sinne der Phänomenologie als falsch zurück." (S. 67) Auch weitere Charakteristika von Anders' Gelegenheitsphilosophie werden in der Abhandlung entweder klar beschrieben oder erschließen sich, wenigstens in Kenntnis des Werks, gewissermaßen von selbst: die nihilistisch-atheistische Grundposition, die antisystematische Struktur, der aufklärerische Gestus, die Offenheit für die politische Praxis. Ein vom Weltenlauf untangiertes Philosophieren hinter verschlossener Tür lag Anders ebenso fern (oder schien ihm unverantwortlich), wie ihm im Angesicht der Welt eine systematische Philosophie, unter Prätention eines sinnhaften "Ganzen", schon der Idee nach fremd geworden war.

Dass Gelegenheitsphilosophie tatsächlich möglich und sinnvoll – und lesenswert – ist, hat Günther Anders in weiterer Folge eindringlich bewiesen, bevorzugt in jener unbequemen Weise, die "die Lebensform jedes Lesers radikal in Frage" stellte, wie Konrad Paul Liessmann im Vorwort treffend schreibt (S. 7). Um die bis heute drängenden Inhalte seiner Philosophie, unter denen das Fernsehen und die Atombombe am prominentesten firmieren, und die von ihm entwickelten Thesen dazu ist es dem vorliegenden Band, wie eingangs festgestellt, nicht zu tun. Das dritte große Kapitel treibt das Kreisen um die Form auf die Spitze, indem es sich der Reihe nach den (freilich nicht immer strikt unterscheidbaren) textlichen Formen widmet, in denen die Gelegenheitsphilosophie auftritt: als Tagebuch, Essay, Aphorismus und Dialog. Die vom Autor gebotenen gattungshistorischen Überlegungen, die teilweise von Anders weit weg-, aber immerhin stets auch wieder zu ihm zurückführen, sind durchgehend erhellend. Nebenbei erschließt sich dabei, dass Günther Anders nicht nur als Philosoph, sondern auch als Schriftsteller weitgehend noch immer der Würdigung harrt; von der Vermittlung an ein breiteres Publikum zu schweigen. Nun liegt mit dem besprochenen Band seitens der akademischen Philosophie doch wieder einmal ein kleines Lebenszeichen vor.

Stefan Winterstein
06. März 2018


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