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David Krems: Falsches Licht.

Leseprobe:

 

Langsam ging Schotter zurück in die Küche. In der Mokkakanne befand sich ein letzter Rest Kaffee, den er in eine bereits benutzte Tasse leerte. Das Bild von Tanja hielt er dabei die ganze Zeit über fest in seiner linken Hand. Er griff nach der Tasse und setzte sich an den Küchentisch. Behutsam legte er die Fotografie direkt vor sich und wischte mit dem Ärmel seines Hemdes etwas Staub von der zersprungenen Oberfläche des Deckglases. Dann drehte er das Bild um und öffnete den Rahmen. Vorsichtig löste er die Fotografie heraus und legte sie vor sich auf den Tisch. Er nahm einen Schluck Kaffee und schloss die Augen.
Als er sie wieder öffnete, blickte er direkt auf das Bild. Es war eine der allerletzten Aufnahmen, die er von Tanja gemacht hatte. Er spürte, dass dieses Foto ihm dabei helfen würde, notwendige Entscheidungen zu treffen. Bewusst versuchte er, den Blick nicht sofort auf Tanjas Gesicht zu richten. Stattdessen begann er, das Bild von seinem Hintergrund her zu betrachten. Zuallererst waren da zahlreiche Häuser zu erkennen, zum größten Teil noch im Bereich der Unschärfe. Es wirkte, als würden die Häuser sich übereinandertürmen. Zwei- oder dreistöckige Gebäude mit charakteristischen, teilweise gekachelten Fassaden und Dächern aus kleinen Ziegeln. Darüber die klaren Linien einer Festung.
Schotter wusste, dass die Aufnahme in Lissabon entstanden war und erkannte die Stadt nun sofort wieder. Jene Stadt, in der er und Tanja ihre letzten gemeinsamen Tage verbracht hatten. Jene Stadt, die er ausgewählt hatte, um ihnen beiden eine Entscheidung abzuringen. Schotter ließ seinen Blick etwas weiter in den Vordergrund der Aufnahme wandern. Nun sah er die Fassade eines Gebäudes, das er als das kleine Hotel wiedererkannte, in dem sie damals übernachtet hatten. Jetzt konnte er sich auch wieder an die genaue Situation erinnern, in der das Foto entstanden war. Es fiel ihm sogar leicht, den gesamten Tag zu rekonstruieren. Am Vormittag waren sie ans Meer spaziert und er hatte einige Aufnahmen vom Hafen und der näheren Umgebung gemacht. Nach dem Mittagessen auf einer schattigen Terrasse im Zentrum der Stadt waren sie schließlich zum Hotel zurückgekehrt, wo sie ein kleines Zimmer mit Blick auf die Festung bewohnten. Nach einer langen Siesta, in der er gedöst und Tanja gelesen hatte, hatten sie miteinander geschlafen. Am späten Nachmittag waren sie dann erneut aufgebrochen, um in den höher gelegenen Teil der Stadt zu spazieren und anschließend zu Abend zu essen. Als sie das Hotel verließen, bemerkte Tanja einige Regenwolken. Schnell ging sie noch einmal auf das Zimmer zurück, um einen Schirm zu holen. Schotter wartete einstweilen auf der Straße und rauchte eine halbe Zigarette. Schließlich lauerte er Tanja hinter einem Laternenpfahl auf, um jenes Foto von ihr zu machen. Auf der Fassade des Gebäudes konnte er nun den Namen des Hotels erkennen. Obwohl die großen abgerundeten Lettern noch leicht im Unschärfebereich der Aufnahme lagen, konnte man den Schriftzug gut entziffern: >Hostal Marina<. Schotters Erinnerung war so deutlich, dass er trotz des Schwarz-Weiß-Aufnahme noch genau wusste, dass die Buchstaben rot gewesen waren und in der Nacht kaum merklich geleuchtet hatten.

(S. 134-135)

© 2018 Picus Verlag, Wien

 

 

 

 

 

 

 

 


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