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Christopher Wurmdobler: Solo

Roman.
Wien: Czernin Verlag, 2018.
248 Seiten; geb; Euro 20.-.
ISBN: 978-3-7076-0630-0.

Autor

Leseprobe

"Er mochte Lena und Rita. Große Lust auf eine Hochzeit hatte Martin aber nicht.Warum überhaupt heiraten? Dauernd gab es irgendwas zu feiern, und seit einiger Zeit häuften sich Geburtstage, Jubiläen und andere Anlässe. Er saß in der U-Bahn nach Hause, betrachtete die anderen Fahrgäste im Wagen und fragte sich, ob die auch ständig auf irgendwelchen Partys abhingen." Martin schon. Aber auf keinen Fall allein. Einer von seinen Freunden ist immer mit dabei. Wenn nicht gerade im Szene-Club, dann in Martins Holzhäuschen in der Gartenbausiedlung an der Alten Donau. Doch neben dem Feiern haben seine queeren Freunde auch mit dem Trott des Alltags zu kämpfen. Jeder auf seine Art und Weise.

Da wäre David: Mitte dreißig, Kinderarzt, in einer Beziehung mit dem Architekten Arnold. In einem Luxusloft mitten in Wien leben, streiten und lieben sie. Alles perfekt, oder? Leider nein. Denn David hat zu kämpfen, mit sich und seinem Leben: "Die vielen Nachtdienste im Spital kompensierte David mit Training und Konsum […]. Er achtete auf seine Ernährung, trank bei Anlässen nur noch in Ausnahmefällen Alkohol. Dafür schluckte er umso mehr seltsame Eiweißshakes, vermied Kohlenhydrate, Kaffee schwarz, nix Süßes, es war kompliziert." Ja, so ein Leben laugt aus – doch er ist nicht allein damit.
Auch Steph plagen die Mühen eines Erwachsenenlebens. Sie: Vollzeit-Bloggerin, Teilzeit-
Schwulenmutti der Runde. Doch anscheinend kommt sie gut zurecht: "Sie war also eine Frau mittleren Alters, kinderlos, alleinstehend und eigentlich ganz zufrieden mit ihrer Situation. Sie besaß einen großen Freundeskreis, der, okay, vor allem aus schwulen Männern bestand, die großteils jünger waren als sie. Und sie besorgte sich Kerle fürs Bett, wenn sich die Gelegenheit bot und sie darauf Lust hatte. Ansonsten wartete Steph auf keinen."
Genauso wie Lena. Die hat nämlich schon ihre Traumfrau gefunden: Rita. Die beiden sind glücklich und zufrieden. Doch etwas fehlt da noch: der Bund der Ehe. Meinen sie zumindest. Und nun? Alle sollen – nein, müssen dabei sein. Euphorie führt leider oftmals zu Missverständnissen: "»Die Einladungen gehen demnächst raus. S.T.D.« Rita blieb Organisationstalent. »Safe the date«. »U.A.w.g.?« / »L.I.E.B.E.«, sagte Lena. Martin entdeckte auf seinem iPhone eine neue Nachricht. Steph wollte ihn gleich morgen in der Früh treffen. »Ob Lena und Rita wissen, was S.T.D. bedeutet?«, überlegte er, als er die Party verließ." Doch um die S.T.D. (
sexually transmitted diseases = Sexuell übertragbare Krankheiten) geht es hier nicht, Solo blickt auf die L.I.E.B.E. in und rund um Wien.

All diese Geschichten spielen im Winter. Einem frostigen Winter. Endzeitstimmung macht sich breit. Die Jugend? Vorbei. Unverbindliches? Kaum noch passierend. Und selbst mit der eigenen Orientierung lässt sich nicht mehr kokettieren: "Eindeutige Codes gab es nicht mehr. Waren sie vor zehn Jahren oder so in den Umkleidekabinen der Fitnessclubs daran zu erkennen, dass sie am ganzen Körper rasiert waren, pflegten sie nun den haarigen Bärenstil. Sie kleideten sich wie Holzfäller und taten auf Superhete. Und die Heteros? Ebenfalls." Und auch Steph ist nicht mehr die Alte und verliert ihr Herz an einen schwulen Mann. Albert und David schlittern in eine Beziehungskrise. Lenas und Ritas Hochzeitstag wird zu einer Katastrophe. Fehlt der Clique nicht genau so etwas? Ein wenig Aufregung und Pep?

Sie haben also alles: tolle Körper, noch bessere Jobs und perfekte Hobbies – und Probleme. Eben wie alle anderen. Das macht die Figuren aber auch so sympathisch. Das Buch lädt zu einer Tour durch das schwule Wien: Szene-Lokale, Gerüchteküche und das Who is Who der Wiener Queers. Das alles ist wahnsinnig komisch und unterhaltsam geschrieben. Und so gelingt Christopher Wurmdobler mit Solo ein Großstadtroman, auf den Wien – nein, die ganze Welt gewartet hat.

Erkan Osmanovic
13. März 2018

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.


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