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Nava Ebrahimi: Sechzehn Wörter.

Leseprobe:

Die Pappeln, die die Straße säumen, biegen sich zur Mitte hin und bilden einen Tunnel. Ich habe keinen blassen Schimmer, auf welcher Höhe der Valiasr wir uns befinden und wie lange wir noch unterwegs sein werden. Meine Mutter sitzt neben mir auf der Rückbank und schaut aus dem Fenster.
»Wieso hast du eingewilligt, Papa zu heiraten?«
»Maman wollte es unbedingt. Und dein Vater auch.«
»Hast du dich gar nicht widersetzt?«
»Maman hat stundenlang auf mich eingeredet.«
»Was hat sie gesagt?«
»Ich weiß nicht mehr.« Sie schaut weiter aus dem Fenster. Als könnte ihr der Passant mit den vielen Einkaufstüten auf die Sprünge helfen. »Sie hat mir versprochen, dass ich Miniröcke tragen darf, wenn ich verheiratet bin. Ich war verrückt nach Miniröcken.«
»Miniröcke? Du hast geheiratet, weil du Miniröcke tragen wolltest?«
Der Taxifahrer mustert mich durch den Rückspiegel. Meine Mutter wendet sich mir zu.
»Ich war ein Kind. Ich habe mit Puppen gespielt.«
Sie dreht sich weg, heftet den Blick wieder auf Passanten.
»Maman, das war kein Angriff.«
»Du hättest besser mal deinen Vater gefragt, weshalb er eine Dreizehnjährige geheiratet hat.«
Weil er dich für siebzehn hielt, denke ich, aber es ändert nichts daran, dass das Bild vor mir heraufzieht. Das Bild eines nackten Mannes von hinten, der Rücken ist behaart, der Körper deutlich größer und breiter als der des Mädchens, über das er sich beugt und dessen Brüste …
Das Handy vibriert in meiner Manteltasche, das Bild zerbröckelt.
»Hallo?«
»Willkommen! Wo quartiert ihr euch ein?«
Ramin ist bester Laune.
»Bei der Cousine meiner Mutter, wie immer.«
»Ich hole dich morgen früh dort ab. Wir machen eine kleine Reise.«
»Nein, ich fliege übermorgen zurück ...«
»Ich muss morgen nach Bam, fünf Jahre nach dem Erdbeben und so. Du solltest dir das ansehen.«
Bam. Die jahrtausendealte Stadt aus Lehm. In einem iranischen Reisebüro hatte ich einmal ein Poster hängen sehen, lange vor dem Erdbeben.
»Nett von dir, nächstes Mal gerne.«
»Es gibt kein nächstes Mal. In zwei Monaten gehe ich in die USA.«
Ramin hat sich bemüht, den letzten Satz im selben Ton auszusprechen wie die vorherigen Sätze. Wir kennen einander seit fast zehn Jahren, seit fast zehn Jahren hält er sich an die ungeschriebene Regel, dass wir außerhalb unserer Blase für den anderen nicht existieren.

(S. 96-97)

© 2017 btb, München

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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