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Yara Lee: Als ob man sich auf hoher See befände.

Leseprobe:

Ein Löwe hat einen Stier entführt
und ihn dann mit seinen tiefsten Gedanken immer
wieder aufs Neue begraben und ausgegraben.
Der Stier verwandelte sich viele Male, aber er starb nicht.
Immer grub der Löwe den Stier wieder aus,
um zu sehen, ob er endlich tot sei

James ist kein Mann der großen Worte, dafür ein Mann der schnellen Taten. Wobei es genau genommen Marla gewesen war, die den zweiten Schritt gemacht hat und die kleinen, kaum lesbaren Ziffern, die auf der Rückseite des Tickets standen, ins Telefon eingetippt hat.
Sie verabreden sich fürs Theater. Auf der Bühne wird Adam von Eva verführt. Nachdem Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben wurden, sitzen James und Marla in einer Bar namens Sieben Sterne.
Marla bestellt einen Sturm.
"Ich habe lange auf einem Hausboot gelebt", sagt James.
"Wow. Wo?"
"In England."
"Echt?"
"Ja. Jedenfalls... Das Hausboot habe ich verkauft und seitdem reise ich so durch die Welt. Zuletzt war ich in Ecuador und habe dort auf einer Farm gearbeitet."
Marla hört der Musik zu. Es ist Musik mit viel Rot, aber auch Gelb- und Brauntönen, ein Aquarium an Tönen.
Ein Gast kommt mit einem frischen Luftzug von draußen durch die Glastür herein. Der Schatten, den der Mensch in dieser schwach beleuchteten Sternoase wirft, ist größer als der Mensch, der den Schatten wirft. Der Mensch hat Glocken an den Händen. Sie schellen, die schnellen Schellen. Der Mensch hebt seine Hände hoch, hoch, hoch.
James und Marla prosten sich zu. Auf die Sterne. Die Sieben Sterne und alle anderen auch. Marla geht, als sei das selbstverständlich, mit zu James. Vor der Haustür muss Marla jedoch wie ein kleines Kind lachen.
"Wer verführt hier jetzt wen?"
James will das nicht beantworten. Er steckt den Schlüssel ins Schloss, dreht kräftig herum und zerrt an der großen, zweiflügeligen Holztür, die zu einem Altbau gehört. Durch einen schachbrettartig mit Kacheln ausgelegten Gang erreichen sie James' Wohnung.
"Wohnst du alleine?", fragt Marla.
Da hat James sich schon das Hemd aufgeknöpft und geht Marla an die Wäsche.
"Geht das nicht zu schnell?" Aber James lässt keinen Zweifel daran, was er will. Auf der linken Innenseite seines Unterarms ist eine Tätowierung.
"Was ist das?", fragt Marla und tippt mit der Spitze ihres Zeigefingers auf die Tätowierung.
"Das ist Jack", sagt James. "Pelorus Jack, um genau zu sein. Benannt nach dem Pelorus Sound nahe der Cookstraße. Jack war ein Wunderkind des Meeres. Er lebte von 1888 bis 1912. Er ist eine Persönlichkeit unter den Delfinen!"
Marlas Blick folgt James' Hand, die auf ihr Gesicht zukommt und ihr eine Haarsträhne hinters Ohr streicht.
James' Profil ist markant, die Nase spitz, eine Zacke fast. Hat etwas Verwegenes. Während James kurz darauf einschläft, liegt Marla noch lange wach. James atmet ruhig und hat seinen Delfinarm um sie gelegt. Der Delfin schwimmt auf ihrer Hüfte. Das ist nah an der Grenze zum Kitsch, aber Marla mag das und erinnert sich an einen besonders schönen Sonnenuntergang. Die ineinander verschwimmenden Farben des Sonnenuntergangs flossen über sämtliche Säulen und Denkmäler der Stadt, als hätten sie ein Ziel.

(Kapitel 7, S. 26-28)

© 2018 Residenz Verlag, Salzburg-Wien

 

 

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