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Daniel Glattauer: Die Ameisenzählung.

Kommentare zum Alltag.
Wien, München: Deuticke, 2001.
224 S., geb.;
ISBN 3-216-30606-2.

Link zur Leseprobe

Alltag ist jeden Tag. Jeder Tag birgt Ereignisse. Stille, laute, erstmalige, wiederkehrende. Ein- und vielschichtige Phänomene umgeben uns, machen jeden Tag unseres Daseins zum Alltag. Dieser wiederum lässt sich gut und gerne kommentieren. Je nachdem, wo dieser Alltag angesiedelt ist, in der Stadt, auf dem Land; je nachdem, mit wem man ihn teilt, mit einer Familie, mit dem Beruf/Büro, mit sich - Komponenten wie diese verschaffen den jeweiligen Kommentaren ihr Eigenleben, ihre besondere Note.

Daniel Glattauer, Wiener, Jahrgang 1960, Journalist und Autor (zuletzt erschien im Deuticke-Verlag der Roman Der Weihnachtshund), schreibt seit 1989 regelmäßig für die österreichische Tageszeitung "Der Standard". Mit "Die Ameisenzählung" offenbart er uns nun gebündelt seine Phänomenologie des Alltags. (Treue Leser des "Standard" konnten über die Jahre (1995-2001) Zeugen und Genießer dieser Fremdbeobachtungen werden, die vielleicht sogar das eine oder andere Mal mit den eigenen deckungsgleich sind/waren.)

Man fühlt sich gelegentlich an Vilem Flussers "Phänomenologie der Gesten" erinnert, wenn man vom Nasenbohren, vom Regenschirmeverlieren, vom Variantenreichtum von Abziehfolien, vom Umgang mit Wiener Rolltreppen, von den Tücken der computerisierten Arbeitswelt, vom Handymissbrauch und vielem anderen mehr liest, das einen als Wiener Zeitungsredakteur auf Schritt und Tritt verfolgt.
Berufliches mit Privatem verbindet mit Sicherheit eines - das Wetter. In Österreich, speziell in Wien gemüts- und lebensbestimmend. Diesem Umstand zollt der Autor den Tribut der Quantität: circa ein Viertel der Kommentare gelten dem österreichischen Wetter, seinen Mängeln, seinen Hinterhalten, seinen Höhen und Tiefen.
Dass Herr und Frau Österreicher durch diese Wetterhölle müssen, kann aber nicht davon ablenken, dass sie auch ein Privatleben haben - mit oder ohne Sonnenschein. Der Alltag jenseits des Büros wimmelt nur so von Phänomenen, die von Moden und Zeitgeschichte geprägt sind. Glattauers Kommentare sind in die postfeministische, rein konsumorientierte Ära des ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts eingebettet. Demnach lesen wir über "Weiche Männer", "Schöne Männer", "Männerarbeit". Dass es aber seit Dr. Strunz auch "Laufarbeit" gibt, erweckt den Eindruck, dass Berufliches und Privates doch nicht so weit auseinander liegen: Arbeit, Arbeit, Arbeit.
Trifft man zwischen Privatem und Arbeit auf den "Zweiten Mann", dann wird man zum Beweis einer Theorie, die Glattauer in sechs Teilen veranschaulicht. Die bewusstgewordene Existenz dieses Doubles ist durch Raum und Zeit definiert. Sollten Sie ebenfalls diesbezügliches Opfer der Natur sein, erfahren Sie hier Tricks, sich des zweiten Ichs zu entledigen.
Ein weiterer Schwerpunkt der vorliegenden Sammlung ist der österreichischen Gastronomie und Hotellerie gewidmet. Ein kulinarisches Kunterbunt an Beobachtungen öffnet die Tür zur komplexen Welt der österreichischen Mentalität. Hier kann man als (angehender) Österreich-Tourist viel lernen.

Bleibt am Ende noch Daniel Glattauers sprachkritische/-philosophische Auseinandersetzung mit den Formen der Alltagskommunikation. Die altbekannte Unterscheidung zwischen österreichischem und Deutschem wird hier ebenso ironisch thematisiert wie die ästhetische Transformation und Manipulation unserer Sprache durch die Medien im allgemeinen und im besonderen.

Daniel Glattauers "Kommentare zum Alltag" sind ein empfehlenswertes Utensil auf allen Reisen. Während im Zugabteil das Gegenüber (hoffentlich nicht der "zweite Mann"/ die "zweite Frau") über Handy seiner/ihrer besseren Hälfte die vorbeirasenden Landschaftsabschnitte in all ihren Novembertagsunfarben schildert, können Sie in den "Belanglosigkeiten" des Lebens schmökern.
übrigens: Daniel Glattauers Theorie, dass die österreichische Fussballnational-Elf an der einschläfernden Wirkung der Nationalhymne scheitere, ist das Beste zum Thema "österreichischer Fußball", das ich seit langem gelesen habe.

Claudia Holly
3. September 2001

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