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Angleika Reitzer: Obwohl es kalt ist draußen.

Leseprobe:

Schauen ist ein lebenslanger Prozess, bestimmt den eigenen Ort in der umgebenden Welt. Darauf folgt eine Berührung, egal, wie nahe oder weit entfernt das Abgebildete ist. Durch den Blick oder das Berühren eine Beziehung aufnehmen. Die Bilder sind Spuren des Wirklichen.
Immer wieder kontrollierte sie die Anzahl der Likes, die ein Foto von einem sizilianischen Zitronenbaum bekommen hatte. Sie hatte es schon im Frühling gemacht, aber erst an diesem Morgen hochgeladen. Über hundert, mehr würden es jetzt kaum noch werden, sonntags war immer weniger los.
Sie fotografierte immer noch auch sich selbst. Ein Foto, das sie am Bauch liegend zeigte, mit einem Lichtstreifen, der ihren Körper in zwei Hälften teilte, hatte zweieinhalbtausend Likes bekommen. Es stammte vom vergangenen Winter, und das Licht, das auf ihre Unterhose fiel, war gebrochen, wie ein kleiner Regenbogen (#selportrait. although it's cold outside/do you know me?). Sie hatte gedacht, das und die Gänsehaut auf ihren Oberschenkeln seien zu viel Gefühl und Körperlichkeit, aber das Gegenteil war der Fall: das Bild mit der höchsten Bewertung.
Barbara hatte über siebentausend Abonnenten, das war viel, sicher. Sie schrieben wow wow wow darunter, oder beautiful oder amazing und mit welcher kamera hast du fotografiert, barbie?, Emojis, Herzen, Blümchen, was es alles gab. Aber waren siebentausend für die Zeit, die sie mit der Seite, mit den Beschreibungen und Kommantaren und Antworten verbrachte, nicht zu wenig?
Es machte sie nervös, von Journalisten oder anderen Interessierten zu lesen, was um sie herum geschah.
Ständig Nachrichten von Nachrichten, alle gaben immer die gleiche Sache wieder. Sollte sie sich wirklich noch und noch einmal das Foto von Barack Obama und seiner Mannschaft im Situation Room anschauen, als sie den Einsatz gegen Osama bin Laden verfolgen? Hillary Clintons Hand vor dem Mund, als sei etwas Schreckliches geschehen, als müsse man das erst einmal begreifen. Was war denn überhaupt noch schrecklich? Alle teilten dieselben Videos, dieselben GIFs, dieselben Zitate, manche noch Wochen später. Die Interessiertheit der anderen brachte sie mehr und mehr davon ab, überhaupt noch Nachrichten aufnehmen zu können.

(S 109f)

© 2018, Jung und Jung, Salzburg-Wien

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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