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Elfriede Hammerl: Alte Geschichten.

Leseprobe:

Ich bin erpressbar, manipulierbar, verunsicherbar, unsicher, eine leichte Beute für Lug, Trug und Übertreibungen. Ich sehne mich schon nicht mehr nach Lob und Anerkennung, ich möchte nur mehr nicht kritisiert werden. Aber nicht einmal das klappt. Ich setze mich nicht durch, und wenn ich mich doch einmal durchsetze, stößt das auf noch mehr Kritik. Ich bin aufs Nichtdurchsetzenkönnen festgelegt und wehe, ich versuche, diese Rolle abzulegen.
Als mein Vater bei mir auftauchte nach langen Jahren der Absenz, weinerlich vor Selbstmitleid, gescheitert an zwei Ehen, mit Geldsorgen und lädierten Bandscheiben, blieb ich hart. Tut mir leid, bei mir kannst du nicht wohnen. Tut mir leid, ich habe selber kein Geld. Ich kann mich nicht um dich kümmern, ich muss arbeiten und zwei Kinder versorgen.
Mario sagte später, diese gnadenlose Unerbittlichkeit dem Mann gegenüber, dem ich mein Leben verdanke, habe ihn zutiefst entsetzt. Leben?, fragte ich nach. Ich verdanke ihm kein Leben. Er hat Erbmaterial an mich weitergegeben, das war’s.
Da stand für Mario fest, dass ich ein gefühlsarmer, bindungsunfähiger Mensch sei.

Ich bin so müde. Immerzu bin ich müde. Ich träume nicht von Infinity Pools auf den Malediven, ich weiß nicht einmal, ob das eine zeitgenössische Beschreibung von Luxus ist, ich träume davon, auszuschlafen, mich sorgfältig anzuziehen, in Ausstellungen zu gehen, in städtischen Straßencafés Zeitung zu lesen, einfach in den Tag hinein zu schlendern ohne die Befürchtung oder gar die Gewissheit, gleich zurückgepfiffen zu werden.
Draußen ist Heiterkeit, ist Geselligkeit, werden Reisen gemacht, wird zu Partys eingeladen, draußen sind Frauen meines Alters, ausgeschlafen, sorgfältig angezogen, golfplatzgebräunt, die noch nie selber eine Steuererklärung abgegeben oder einen Rasenmäher zur Reparatur gebracht haben.
Draußen sind Frauen meines Alters, die vorwurfsvoll klagen, weil sie nach dem Tod ihrer Männer selber den Rasen mähen müssen, oder die ratlos fragen, wer sie beschützen wird, nun, da ihr großer Bruder auch von ihnen gegangen ist, als sei ihnen ein natürlicher Anspruch auf Umsorgtwerden und Beschütztwerden unrechtmäßig entzogen worden.
Ich will gar nicht umsorgt und beschützt werden, ich will bloß einmal aufhören dürfen, zu umsorgen und zu beschützen, ich will bloß einmal aussetzen dürfen mit dem Umsorgen und dem Beschützen, ich will einmal frei sein.
Aber Freiheit ist nur eine Idee, für mich jedenfalls, Freiheit ist das, was die anderen haben, Freiheit ist, was ich nie kriegen werde, Freiheit ist eine Sehnsucht, die sich nie erfüllen wird, Freiheit ist überall, nur nicht bei mir.

Im Kindergarten traf ich Heinz, ich holte meine Enkelin ab, er seine, so kamen wir ins Gespräch. Heinz war ein engagierter Opa, seine Frau, die engagierte Oma seiner Enkelkinder, war ihm weggestorben, nun versuchte er, sie einigermaßen zu ersetzen. Im Unterschied zu mir erntete er Dankbarkeit von seiner Tochter.
Meine Töchter beglückwünschten mich zur Bekanntschaft mit ihm, die ältere nicht ohne Neid. Schön dass du jemanden gefunden hast, sagte sie, das Du betonend, da bist du jetzt besser dran als ich. Und meine jüngere Tochter sagte: Fein, nun hast du jemanden zum Ausgehen.
Ich ging aber nicht aus mit Heinz, wie denn auch, ich hatte vielleicht Heinz zum Ausgehen, aber keine Zeit dazu, und wie sich herausstellte, wollte Heinz ohnehin weniger ausgehen als vielmehr Unterstützung bei seinen Aufgaben als engagierter Vater und Opa. Heinz wollte mit mir zusammen seine Enkelin vom Kindergarten abholen und mit mir zusammen seinem Enkel bei den Hausaufgaben helfen, noch lieber wäre ihm gewesen, ich hätte mich allein um die Enkelin gekümmert, während er mit dem Enkel Hausaufgaben machte, aber eigentlich schwebte ihm vor, dass ich beides übernahm, denn schließlich hatte seine verstorbene Frau das auch getan. Deine können ja mitkommen, sagte er großzügig, womit er meine Enkelkinder meinte, aber die wollten nicht mitgenommen werden, die wollten selber im Mittelpunkt stehen und hatten ihre eigenen Stundenpläne, und zudem konnte meine Enkelin und seine Enkelin einander trotz des gemeinsamen Kindergartens nicht ausstehen.
Auch in der Frage des Vorrangs der Töchter waren wir uneins, Heinz sah nicht ein, dass ich meiner Älteren die Wäsche bügelte, statt ihm zur Hand zu gehen, wenn er dem Gartenhaus seiner Tochter einen neuen Schutzanstrich verpasste. Heinz' Tochter war daran gewöhnt, dass der Papa sich um das Handwerkliche in ihrem Haushalt kümmerte, er wartete die Therme, dichtete Fenster ab, wechselte Lichtschalter aus, es gab immer etwas zu tun. Seine verstorbene Frau hatte ihm bei solchen Tätigkeiten assistiert und ihn mit belegten Broten und Tee versorgt. Wozu machst du deinen Kindern die Sklavin, sagte er zu mir, sie sind doch eh nur unfreundlich zu dir. Damit hatte er recht, aber seine Tochter glänzte auch nicht gerade vor Liebenswürdigkeit, wenn sie mich traf (vielmehr zeigte sie sich misstrauisch besorgt, weil sie mir offenbar zutraute, ihren Vater an der Erfüllung seiner Handwerkerpflichten zu hindern), und immerhin waren meine Töchter meine Töchter, wenn ich mich schon unbedankt zur Sklavin machte, dann doch lieber für mein eigen Fleisch und Blut.

(S. 68-71)

© 2018 Kremayr & Scheriau, Wien

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