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Mario Schlembach: Nebel.

Roman.
Wien: Otto-Müller-Verlag, 2018.
196 Seiten, gebunden, Euro 20,-.
ISBN: 978-3-7013-1257-3.


Autor

Leseprobe

"An mein erstes Grab kann ich mich nicht erinnern. Die Gräber meiner Kindheit verwischen zu einem einzigen Ablauf, der sich ständig wiederholt. Es existieren für mich keine Menschen, keine Namen in der Erinnerung, nicht das Verständnis für die Tätigkeit. Mein Vater gräbt ein Loch. Mehr ist es nicht."

Seit seiner Kindheit schon ist der Protagonist von Mario Schlembachs Roman "Nebel" mit dem Tod vertraut: Viele Jahre lang half er seinem Vater beim Ausheben der Gräber in jenem Dorf, in dem er aufwuchs, und auch nachdem er Letzteres verlassen und seinen Vater allein dort zurückgelassen hat, ist er diesem Gewerbe treu geblieben, hat als Mitarbeiter eines Bestattungsunternehmens regelmäßig mit Toten zu tun. Eines Tages erreicht ihn schließlich ein Anruf aus seiner Heimat, die Bestatterin, deren Stimme er noch von früher kennt, teilt ihm mit: "Vater verstorben. Beerdigung in drei Tagen." Nun muss er zurück, um seinen Vater, den Totengräber, zu beerdigen – genau dort, wo er ihm in seiner Kindheit oft zur Hand gegangen ist.

Nach dem Begräbnis bleibt der junge Mann noch im Dorf und zieht inzwischen in das baufällige Haus, in dem der Vater seine letzten Tage verbracht hat (und das von den heimischen Kindern ob seines desolaten Zustandes "die Geisterbude" genannt wird) – allerdings nur, weil er nun, da sein letzter Familienangehöriger verstorben ist, nicht weiß, wohin er sonst gehen soll: "Nirgends muss ich hin, nirgends zurück." Also sagt er dem örtlichen Bestatter, der ihn darum gebeten hat, seine Hilfe zu, erledigt einige Aufgaben und erobert sich auch langsam die Plätze seiner Kindheit und Vergangenheit zurück. Bis Letztere ihn schließlich einholt, und zwar in Gestalt einer jungen Frau, die ihn an jenes Ereignis erinnern sollte, das ihn damals aus dem Dorf vertrieben hat.

Die erste Konfrontation mit der jungen Frau markiert einen Wendepunkt und öffnet eine weitere Ebene in der Erzählung: Plötzlich spürt man, dass etwas unter der Oberfläche verborgen liegt und dort brodelt, dass sich etwas aus dem Unterbewusstsein des Protagonisten Gehör verschaffen möchte, allerdings noch nicht auf offene Ohren stößt. Erst später, im Rahmen der Rückeroberung der Kindheitsorte und nach weiteren Begegnungen mit der jungen Frau, bricht sich die Erinnerung schließlich Bahn, und zwar mit voller Wucht. Dem Protagonisten wird (wieder) bewusst, warum und unter welchen Umständen er sein Heimatdorf damals verlassen, was er – in der Hoffnung, es möge ihn dann in Frieden lassen – tief in sich begraben und bestattet hat. Er, der über die Jahre völlig abgestumpft ist und sich immer mehr zurückgezogen hat "in eine Welt in mir, in einen Blick, der alles um mich in eine Taubheit legt, wie wenn ich Scheuklappen tragen würde", wird schließlich von der jungen Frau aus seinem Nebel, zurück ins Leben geholt. Doch in gewisser Hinsicht ist es zu diesem Zeitpunkt bereits zu spät.

Das zentrale Thema in "Nebel" stellt unverkennbar der Tod dar – dieser ist allgegenwärtig im Roman, spielt die Hauptrolle, wird allerdings nicht mystifiziert, sondern, der Profession des erzählenden Protagonisten gemäß, ganz nüchtern behandelt. So erfährt man einiges über die Aufgaben von Totengräbern und Bestattern sowie über den Ablauf von Begräbnissen. Es wird beschrieben, wie Gräber fachgerecht ausgehoben, Särge und Knochen weggeschafft und Tote in die Erde gebettet werden – oder auch, welche Auswirkungen technische Fortschritte auf das Gewerbe haben, bei Einäscherungen etwa: "Meine Pause ist zu Ende. Ich wende meinen Blick vom Guckloch ab und packe den Rest meiner Mittagsjause in die Alufolie zurück. Mit der Umstellung von Gas- auf Elektroöfen geht sich nicht einmal ein ganzes Brot mehr aus."

Diese Erzählperspektive – bzw. der damit einhergehende Pragmatismus im Umgang mit dem Tod – sorgt dafür, dass die Lektüre des Romans trotz des behandelten Gegenstandes niemals deprimierend ist und dem Lesepublikum ein ganz neuer Blickwinkel auf einen Berufszweig eröffnet wird, mit dem man gemeinhin möglichst wenig zu tun haben möchte. Zudem hält die Tatsache, dass man alles mit den Augen des Protagonisten sieht, eine gewisse Spannung aufrecht, weil man aufgrund des selektiven Gedächtnisses des Ich-Erzählers lange im Unklaren darüber gelassen wird, was genau sich eigentlich zugetragen hat. Erst nach und nach, durch die an Häufigkeit wie Intensität zunehmenden Rückblicke, die sich mit gegenwärtigen Eindrücken und Begebenheiten abwechseln, entfaltet sich schließlich die Geschichte eines Mannes, der aus seinem Dorf geflüchtet ist und dort mehr zurückgelassen hat, als man anfangs dachte. Und spätestens am Ende wird einem klar, dass "Nebel" in erster Linie eines ist: eine Threnodie, ein Trauergesang.

Simon Leitner
04. April 2018

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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