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Mario Schlembach: Nebel.

Leseprobe:

Bevor ich das Dorf verlassen und die Arbeit beim Bestattungsinstitut angenommen habe, kenne ich nichts anderes, als die wenigen Quadratmeter unseres Friedhofs. Ich blicke mich um. Jeder Winkel an diesem Ort ist mir bekannt und jedes Grab erzählt mir seine eigene Geschichte. Sie sind mein ganzer Kosmos, und ich sehe in der Hauptstadt erst, dass es so viel mehr zu entdecken gibt. Ich dringe in ganz neue Welten ein. Es braucht Zeit und Stille, um die Friedhöfe zu erkunden, ihren Atem zu spüren und an ihrem natürlichen Rhythmus teilzunehmen, der einem alles offenbart. Jeden Tag stürze ich mich in einen neuen Märchenwald und der erste Schritt ist immer gleich. Ich sitze auf einer Parkbank und mache nichts. Lasse die Trauerfeier über mich ergehen, halte die zwei Stunden ruhig und beobachte die Stille des Ortes. Ein Gefühl für die Ruhestätten, für die Bäume und für die Umgebung stellt sich ein. Während der Begleitung des Trauerzuges sehe ich nur noch Gräber in meinem Blick – ein Gräbermeer und Inseln, die es zu erobern gilt. Jeder Friedhof zeigt sein eigenes Gesicht. Nach dem Begräbnis bleibe ich noch lange unter einem Baum sitzen, esse meine Jause und besorge mir einen Lageplan, auf dem die Gräber der berühmten Persönlichkeiten aufgelistet sind: Dichter, Schauspieler und Bildende Künstler. Bei ihren Grabstätten notiere ich, was ich über sie weiß. Weiß ich über jemanden nichts oder nur wenig, gehe ich in die Bibliothek und recherchiere. Ich widme mich den Biographien und Werken der Toten, dringe in eine Welt ein, wo es kein Ende, sondern immer nur neue Anfänge gibt. Ich pendle zwischen Bibliotheken und Friedhöfen hin und her. Lese ich einen Namen auf dem Grab, gehe ich in die Bibliothek. Lese ich einen Namen in einem Buch, gehe ich zum Grab. Ich nehme die Geisteswissenschaft beim Wort, vertiefe mich völlig in mein Studium und vergesse alles um mich. Immer mehr Namen sind es, und jeden Tag füge ich neue hinzu. Menschen, die ich begrabe, deren Geschichte noch nicht erzählt wurde und denen ich eine Stimme gebe, indem ich sie in mein Notizbuch schreibe. Ich tauche in eine Welt ein, in der sich im Tod alles miteinander verbinden lässt. Überall finde ich Zusammenhänge, die im Leben undurchdringlich scheinen. Jeden Tag verlasse ich den Friedhof mit einem Lächeln und lebe nur noch in den Geschichten anderer. Ich kann nicht genug bekommen, denn jeder Tote ist mein Heil und meine Ruhestätte in dieser wilden See von Leben, in dem ich keinen Platz mehr finde.

(S. 91)

© 2018 Otto Müller Verlag, Wien.

 

 

 

 

 

 

 







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