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Hendel, Steffen: Den Krieg erzählen. Positionen und Poetiken der Darstellung des Jugoslawienkrieges in der deutschen Literatur.

Göttingen: V & R unipress, 2018.
348
S.; 39,99 (pdf, eBook); 50,- (Buch).
ISBN: 978-3-8471-0767-5.

Die Frage nach der Rolle von Intellektuellen im Kriegsfall wird seit Jahrhunderten gestellt, mit besonderer Virulenz ist sie im deutschen Sprachraum in den Jugoslawienkriegen der 1990er Jahre wieder aufgekocht – das Echo der Debatten um Peter Handke dröhnt heute noch allen an Literatur und Politik Interessierten in den Ohren. Der Germanist Steffen Hendel hat nun den zahlreichen, ambivalenten und widersprüchlichen literarischen deutschen Beiträgen zur Jugoslawien-Debatte zwischen 1990 und 2000 eine umfangreiche Monografie gewidmet, die durch beeindruckendes Detailwissen und den klaren und nüchternen Blick auf die Ereignisgeschichte und deren Kommentierung, Aufarbeitung und Vermittlung besticht.
Bereits der Einstieg und die ersten Seiten demonstrieren nicht nur die Belesenheit des Autors, sondern auch seine Fähigkeit, das berücksichtigte historische Material präzise aufzuarbeiten und ausreichend zu kontextualisieren. Hendel vollzieht in aller wünschenswerten Klarheit die Wege der Gedächtnispolitik nach der Wende 1989 nach und kann plausibel nachweisen, dass die Zurückgewinnung der vollen Souveränität Deutschlands – auf die nicht nur die Politik, sondern auch die Intellektuellen (und das ist teilweise sicherlich überraschend) fast durchwegs mit Stolz reagierten – zu einem neuen Selbstbewusstsein führte, das nicht unwesentlich daran beteiligt war, dass Deutschland zur Kriegspartei wurde (»Deutschland führt wieder Krieg und das scheint politischer Alltag geworden zu sein«, S. 13) und dabei diplomatisch manchmal nicht umsichtig genug agierte: Allzu oft wurde innerhalb Deutschlands die deutsche Außenpolitik nach 1990 leider in erster Linie daran gemessen, welchen Nutzen sie für Deutschland brachte. So jubelte Kanzler Kohl nach der erfolgten Anerkennung Sloweniens und Kroatiens im Jahre 1991: »Dies ist ein großer Erfolg für uns und die deutsche Politik« (S. 64), und Josef Joffe begrüßte die Entscheidung der deutschen Bundesregierung vom 30. Juni 1995, im Bosnienkrieg auch mit eigenen Soldaten und militärischem Equipment teilzunehmen, weil dies den deutschen Interessen dienlich sei (S. 105). Auch Ende der 1990er Jahre im Kosovo-Konflikt stehen für die deutsche Außenpolitik deutsche Interessen im Vordergrund: In einer Rede des noch amtierenden Verteidigungsministers Volker Rühe vom Oktober 1998 über die Frage des militärischen Einsatzes in Ex-Jugoslawien ist von der politischen Situation in der betroffenen Region kaum die Rede, während die Handlungsfähigkeit Deutschlands und der deutsche Beitrag zur Konfliktlösung in den Vordergrund gerückt wird (S. 199ff).
Erstaunlich mutet daher an, dass die literarischen Reaktionen, die nach 1945 nahezu einstimmig betonten, dass ein Krieg, an dem Deutschland beteiligt wäre, undenkbar und moralisch verwerflich wäre, nach 1990 – wenn auch nicht einstimmig, so doch mehrheitlich – der Überzeugung waren, dass Kriegsführung nach 1990 zur deutschen Politik gehöre (vgl. S. 33): Die deutsche Literatur nach 1990 reagierte auf die deutsche (Außen-)Politik durchaus positiv – »es wird in ihr darum gerungen, für diese neuen Verhältnisse materielle, aber vor allem geistige Bedingungen zu suchen und diese mit den der Literatur eigenen ästhetischen Mitteln zu plausibilisieren bzw. in der ästhetischen Inszenierung nachzuvollziehen; damit findet nicht nur jenes Einverständnis mit den Verhältnissen eine [sic] entsprechendes ästhetisches Pendant, sondern äußert sich auch jede Kritik, insofern sie sich literarisch vorträgt, als letztlich konstruktives Moment dieser Verhältnisse« (S. 33), so formuliert Hendel eine zentrale These seiner Arbeit.
Dass in seinem Buch mit (literarischen) Auseinandersetzungen mit dem Golfkrieg von 1990/91 begonnen wird, ist trotz des Generalthemas nur konsequent, denn dieser Krieg hat nicht nur bemerkenswerte Spuren in der Literatur hinterlassen, wie Hendel zeigt, sondern er ist auch der erste militärische Konflikt nach der deutschen Wiedervereinigung. Dieser lässt die deutsche Friedensbewegung (vgl. S. 36ff.) ein wenig ratlos zurück, zumal führende Intellektuelle wie Enzensberger und Biermann (vgl. S. 45ff.) eine Lanze für diesen Krieg brechen.
Ohne die Geschichte des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs ist sowohl die strikte Kriegsablehnung bis 1990 und die Befürwortung militärischen Eingreifens auf dem Balkan nach 1990 kaum zu verstehen, und das macht Steffen Hendel auch klar: Mit bewundernswerter Detailgenauigkeit, die ab und an fast übers Ziel hinausschießt und zu einer gewissen Unübersichtlichkeit und additiven Aneinanderreihung führt, rückt er die deutschen und deutschsprachigen Auseinandersetzungen rund um die Jugoslawienkriege in den Kontext der Frage nach der Aufarbeitung der eigenen (nationalsozialistischen) Vergangenheit. Auch wenn diese Aufarbeitung in der BRD anders ausgesehen hat als in der DDR, so bildete der Nationalsozialismus doch die entscheidende Folie für beide Staaten und Gesellschaften.
Es ist diese Vergangenheit, die das Handeln der deutschen Politik und Intelligenz in den 1990er Jahren dazu verführt hat, das Trauma, den Holocaust nicht (früh genug) wahrgenommen zu haben bzw. nicht (früh genug) dagegen – in welcher Form auch immer – vorgegangen zu sein, woanders mit Übereifer auszubügeln, was auf dem Balkan zu einer verfrühten Anerkennungspolitik der (ex)jugoslawischen Teilrepubliken, so Hendel (vgl. v.a. S. 57ff.), geführt hat, die Mitschuld am Ausbrechen der Bürgerkriege trägt. So gesehen wird es auch verständlich, dass mit Joschka Fischer ein grüner Außenminister Ende der 1990er Jahre für einen militärischen Einsatz auf dem Balkan wirbt. Hendel erinnert an eine der zentralen Reden von Joschka Fischer, mit dem er die in dieser Frage zerrissene grüne Partei zu einen versucht. O-Ton Fischer: »Auschwitz ist unvergleichbar. Aber ich stehe auf zwei Grundsätzen: Nie wieder Krieg, nie wieder Auschwitz; nie wieder Völkermord, nie wieder Faschismus« (zit. auf S. 208). Der Verteidigungsminister Rudolf Scharping von der SPD stand dem um nichts nach, wenn er mit Bezug auf den Balkan von »Völkermord, Schlachthaus, ethnische Säuberung, Selektierung, KZ« spricht (zit. auf S. 219). Das »Ziehen von Holocaust-Parallelen [wurde] 1999 zum Dogma«, so zitiert Hendel Kurt Gritsch (S. 219).
Dass die deutschen Medien, allen voran der Spiegel, eine teilweise nahezu hetzerische Perspektive dabei eingenommen haben, verschweigt Hendel nicht. Diese Perspektive führte auch dazu, dass abweichende Meinungen oder auch nur zweifelnde und vorsichtigere Positionen – Peter Handke ist hier als prominentester Vertreter zu nennen – mit viel Geschrei und vehementer und ablehnender Vereindeutigung behandelt wurden.
Was in der ganzen Debatte in den 1990er Jahren unterging und was auch in Hendels Buch keine Berücksichtigung findet, m.E. jedoch für das Verständnis der Ereignisse in den 1990er Jahren eine unabdingbare Rolle spielt, ist die Betrachtung der Geschichte des Balkans, vor allem die des 20. Jahrhunderts. Nur wenn man sich ins Bewusstsein ruft, dass – um nur ein, zwei zentrale Stationen des 20. Jahrhunderts zu nennen – Kroaten und Serben in zwei Weltkriegen auf verfeindeten Seiten zu finden waren und dass das nationalsozialistische Deutschland im Zweiten Weltkrieg das faschistische Kroatien unterstützte, in dessen Konzentrationslagern zehntausende Serben ermordet wurden, wird der Hass in den Bürgerkriegen und die kaum überblickbare Gemengelage zwischen Deutschland, der EU, der NATO, Jugoslawien, den Teilrepubliken, den unterschiedlichen Exilverbänden und den Kriegsparteien verständlicher. (Dass ausgerechnet von deutschen Politikern die serbischen Verbrechen, die zweifellos bewiesen sind, mit denen der Nationalsozialisten verglichen wurden, musste vielen Serben bitter aufstoßen.) Trotz dieser Lücke ist das Kapitel 2 eine hervorragende Zusammenfassung der Geschichte und der politischen Ereignisse der 1990er Jahre (auch wenn die Literatur, die Hendel dafür berücksichtigt, zum Teil inzwischen veraltet sein mag).
Die oben genannte zentrale These wird von Steffen Hendel auch sehr gut an (literarischen) Texten plausibilisiert – ausführlich analysiert werden Adresse aller Berliner Bühnen (Christoph Hein), Kriegshetze, Friedenshetze (Wolf Biermann), Hitlers Wiedergänger (Hans Magnus Enzensberger), Die Angst meines Herzens (Valentin Senger), Europa im Krieg (Willi Winkler), Der Bankrott der kritischen Intellektuellen (Dunja Melcic), Die Lieben und die Bösen (Lothar Baier), Bosnien, Uganda. Eine afrikanische Ansichtskarte (Hans Magnus Enzensberger), Mörderischer Druck (Otmar Jenner), Der Sündenfall Europas (Peter Schneider), Zusehen verpflichtet, Kursbuch 126: Wieder Krieg, Winterliche Reise (Peter Handke), Sarajevo Safari (Otmar Jenner), Schussangst (Dirk Kurbjuweit), Die Entfesselung der Perversion (Herta Müller), Sieben Tage Krieg (Sibylle Berg), Der westliche Kreuzzug (Frank Schirrmacher), Ein seltsamer Krieg. Zehn Auffälligkeiten (Hans Magnus Enzensberger), In Bruckners Reich (Alexander von Schönburg), Tristesse Royale (Christian Kracht), NULL (Hettche/Helfer/Meinecke), Installation Sieg. Kalligraphie des Sieges (Stefan Wirner), Marslanzen oder Vasallen recht sein muss (Uwe Dick) und Die Stille ist ein Geräusch. Eine Fahrt durch Bosnien (Julie Zeh).
Diese Aufzählung erscheint mir deshalb gerechtfertigt, weil nicht nur deutlich wird, dass Hendel im Rahmen einer Monografie fast zu weit ausgreift, sondern auch dass er seine These weniger an literarischen als vielmehr an essayistischen und journalistischen Reportagen und Reiseberichten überprüft. Bei der Analyse der im Untersuchungskorpus eher seltenen fiktionalen Texte (etwa Sarajevo Safari, Schussangst, die beide im übrigen, wie auch Hendel feststellt, von Journalisten verfasst wurden, oder Installation Sieg) wird eine Schwäche der ganzen Untersuchung deutlich, nämlich Hendels mangelndes Gespür für die rhetorische und metaphorische Ebene der Literatur (die ihn auch manchmal Ironiesignale übersehen lässt) und die fehlende Berücksichtigung einer narratologischen respektive erzähltheoretischen Basis, die eine ausreichende explizite und präzise Unterscheidung fiktionalen und faktualen Schreibens ebenso zur Verfügung stellen hätte können wie eine Terminologie, welche auf die spezifische Literarizität von Texten Bezug nimmt.
Dass die genannte Unterscheidung nicht trennscharf gezogen werden kann, ist schon klar. (Aber was passiert, wenn man dies nicht tut oder es nicht zumindest versucht, sieht man schnell an der scharf geführten Debatte um Handkes Jugoslawientexte in den 1990er Jahren die durch viele Missverständnisse gekennzeichnet war). Diese Lücke sieht man, Hendels Untersuchung betreffend, etwa daran, dass der Autor Stefan Wirners Installation Sieg von 1999, das Wirner selbst als »modernes Epos« (zit. auf S. 279) bezeichnet, etwa befragt mit »Der Text für sich gibt nun Auskunft worüber?« (S. 280), als ob ein literarischer Text Auskunft geben müsse wie eine Reportage oder eine Nachrichtensendung. Um es mit dem Untertitel von Hendels Buch zu sagen: Die »Positionen« der Debatte beschreibt und analysiert Hendel in einer detailgenauen und differenzierenden Ausführlichkeit, die das Buch in Zukunft sicherlich zu einem wichtigen Ausgangspunkt für weitere Forschungen werden lassen wird, aber die »Poetiken« kommen doch zu kurz.
Dieser blinde Fleck mag auch dafür verantwortlich gewesen sein, dass die Kriterien der Auswahl der Texte, auch wenn die Wahl argumentiert wird, nicht recht deutlich werden. So wird die Konzentration auf deutsche Texte zwar genauso überzeugend wie die Berücksichtigung der Texte des Österreichers Peter Handke (vgl. S. 20 und S. 126ff.) erklärt, aber warum etwa dessen Theaterstück die Fahrt im Einbaum von 1999, die durchwegs breit diskutierten beiden Jugoslawien-Romane Norbert Gstreins (Das Handwerk des Tötens, Die Winter im Süden) oder der ebenso breit wahrgenommene Roman Wie der Soldat das Grammophon repariert von Saša Stanišic (auch wenn Gstrein und Stanišic auf S. 299 erwähnt werden) keine nähere Berücksichtigung finden, bleibt unklar. Gut, die letztgenannten drei Texte sind nach 2000 erschienen, aber das gilt auch für die drei von Hendel behandelten Texte Marslanzen oder Vasallen recht sein muss von Uwe Dick sowie Juli Zehs Adler und Engel und Die Stille ist ein Geräusch. Auch ein Blick in Handkes Die morawische Nacht hätte vielleicht einiges Licht in die Art und Weise bringen können, wie ein Schriftsteller mit einem fiktionalen Text auf eine verwickelte und komplexe politische und literarische Debatte regieren kann. Ein wenig unklar bleiben letztlich auch einige der Interpretationen der besprochenen Texte durch Steffen Hendel: Manchmal sind diese ein wenig redundant (reading for the plot), manchmal schwer nachvollziehbar.

Einige kleinere Schwächen und Auslassungen fallen weniger ins Gewicht, wären aber bei einem weiteren Korrekturgang schnell zu finden gewesen: Zwischen Bosniern (der Staatsangehörigkeit) und Bosniaken (der ethnischen Zuordnung) wird nicht unterschieden; die Anspielung auf das Horst-Wessel-Lied in Uwe Dicks Marslanzen wird nicht in die Analyse mit einbezogen (allerdings erscheint sie mir zentral zu sein); einige wichtige Quelle (u.a. Handkeonline) wurden nicht wahrgenommen; die exzessive Verwendung von Kursivsetzungen als Mittel der Hervorhebung stört den Lesefluss doch beträchtlich; das Buch Peter Handke und der Krieg ist nicht bei innsbruck university press, sondern im Studia Universitätsverlag erschienen (und einer der beiden Herausgeberinnen heißt auch nicht Prikl, sondern Pirkl); bei Handkes Winterlicher Reise war »S.« nicht »sein« Reisebegleiter (S. 135), sondern seine damalige Frau Sophie Semin etc.
Mit Erbsenzählerei soll diese Rezension jedoch nicht enden. Darum sei am Ende ein großer Dank ausgesprochen für diese wertvolle, detailreiche und ausführliche Zusammenstellung, die so viele unterschiedliche (aber zusammengehörige) Fäden zu einem dicken und tragfähigen Seil flechtet.

Martin Sexl
4. April 2018



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