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Norbert C. Kaser – ein Stadtportrait von Bruneck und Faksimiles aus dem Brenner Archiv.


Norbert C. Kaser: "mein haßgeliebtes bruneck".
Ein Stadtporträt in Texten und Bildern.
Herausgegeben von Joachim Gatterer.
Haymon-Verlag, Innsbruck 2017.
216 S., 18,60 Euro. E-Book 14, 99 Euro.
ISBN 978-3-7099-7283-0

Annette Steinsiek, Ursula A. Schneider (Hg.):
norbert conrad kaser: auswahl 68/69
.
Mit einem Begleittext von Joachim Gatterer.
Innsbruck 2017. (= Faksimiles aus dem Brenner-Archiv 13.)
18 + 7 S. , 15 Euro.

Norbert C. Kaser umgibt der Nimbus eines Außenseiters der Literatur, der nach seinem frühen Tod in regelmäßigen Abständen neu entdeckt wird, aber nie wirklich in den literarischen Kanon Einzug gehalten hat. Zu Lebzeiten wurden zwar Gedichte Kasers in Lyrikzeitschriften und Anthologien, wurden Chroniken und Rezensionen in Lokalzeitungen abgedruckt, Buch hat er jedoch keines veröffentlicht. Erst posthum wurde er, der in seiner engeren Heimat ob seiner kritischen, ironischen, in ihrer Knappheit tief treffenden Stimme eher als Ärgernis denn als Literat wahrgenommen wurde, einer größeren Öffentlichkeit bekannt, als 1979 und 1981 die ersten beiden, von Hans Haider herausgegebenen Gedichtbände im Hannibal-Verlag erschienen. Rund zehn Jahre später kamen die drei Bände der Gesammelten Werke im Haymon Verlag heraus, davor und danach mehrere Anthologien, einige wenige Übersetzungen in andere Sprachen.

Zum 70. Geburtstag des Autors hat nun wieder der Haymon Verlag ein "Stadtporträt in Texten und Bildern" von Kasers Südtiroler Heimatort Bruneck veröffentlicht. Wie Kasers Jugendfreund Klaus Gasperi in seinem Vorwort schreibt, ging die Idee, "ein Buch über Bruneck zusammenzustellen", für das Kaser die Texte und Gasperi die Fotos machen sollte, auf die Zeit Mitte der siebziger Jahre zurück; damals hatten sie in ihren "Stammlokalen […] angeregt diskutiert, kreativ geblödelt und bewusst das scheinheilige Brunecker Spießbürgertum provoziert" (S. 8). Zusammengestellt und herausgegeben wurde der Band von dem selbst aus Bruneck stammenden Historiker Joachim Gatterer, der zwei Jahre nach Kasers frühem Tod geboren wurde.
Gatterer hat in dreizehn Kapiteln Gedichte, Prosatexte, Briefauszüge, Zeitungsartikel und Chroniken Kasers thematisch geordnet und mit mehr oder weniger zeitgenössischen Fotografien, Ansichtskarten, Klassenfotos, Notizen, Dokumenten kombiniert. Durch seinen fast archäologisch zu nennenden Blick ist es Gatterer gelungen, ein historisches Stadtporträt von Bruneck zu schaffen, das zugleich auch ein Aufriss von Kasers Leben ist.
Als uneheliches Kind 1947 geboren, von Krankheiten heimgesucht, zweimal aus bis heute ungeklärten Gründen an der Matura gescheitert, trat Kaser mit 21 Jahren ins Kapuzinerkloster seiner Geburtstadt ein, acht Monate später wieder aus. Im August 1969 nahm er an der Studientagung der Südtiroler Hochschülerschaft teil, auf der er seine aufsehenerregende "Brixner Rede" gegen die Südtiroler Literatur hielt, in der es unter anderem heißt: "99% unserer Südtiroler Literaten wären am besten nie geboren, meinetwegen können sie noch heute ins heimatliche Gras beißen, um nicht weiteres Unheil anzurichten." Die Rede machte ihn über seinen Geburtsort hinaus bekannt und trug nicht unbedingt zu seiner Beliebtheit unter den Brunecker "kleinhaeuslern" (S. 132) bei.
Im Herbst desselben Jahres begann Kaser ein Kunstgeschichtestudium in Wien, das er jedoch nach vier Semestern wieder aufgab. Er kehrte nach Bruneck zurück, arbeitete als Aushilfslehrer und Karenzvertretung in abgelegenen Dorfschulen, unternahm ein paar Reisen, war zumeist arbeitslos. 1976 erhielt er das Österreichische Staatsstipendium für Literatur, im selben Jahr trat er mit einem vehementen Schreiben aus der katholischen Kirche aus ("da ich ein religiöser mensch bin / trete ich aus der katholischen kirche aus", S. 87) und in die Kommunistische Partei Italiens ein. Er litt unter zunehmender Alkoholsucht und den daraus resultierenden gesundheitlichen Beschwerden, nahm Gelegenheitsarbeiten an, schrieb Chroniken und Glossen in Lokalzeitungen, war aber dennoch zumeist geldlos. 1977 ein Kuraufenthalt in der DDR, dem erneut Arbeitslosigkeit ohne festen Wohnsitz folgte, schließlich Ende Juli 1978, drei Wochen vor seinem Tod, Kasers letztes, vielleicht beeindruckendstes Gedicht, in dem er seine aus Krankheit und Trunksucht erstandene Lebensunfähigkeit in knappe Metaphern zwingt: "ich krieg ein kind / ein kind krieg ich / mit rebenrotem kopf / mit biergelben fueßen / mit traminer goldenen haendchen / & glaesernem leib / wie klarer schnaps".
Die von Gatterer klug komponierten Texte zeichnen Kasers Leben in Selbstzeugnissen unverstellt und meist unkommentiert nach, so etwa seine widersprüchliche Stellung in und zu Bruneck, wie es nicht nur bereits im Buchtitel, sondern auch in einem Brief vom 28. Juni 1978 zum Ausdruck kommt: "dissidenten kann ich sowieso nicht leiden aber ich bin tiroler dissident geworden & bleibe mit mut zorn & ekel meinem tal treu" (S. 28). Zugleich wird aber Kasers Leben reflektiert und aus dem rein Privatem herausgehoben. Im Wissen darum, dass Kasers individuelles Außenseiterdasein ein "statistischer Ausreißer" (S. 205) in der Erfolgsgeschichte der Stadt Bruneck ist, stellt Gatterer neben dem Individuellen auch das Soziale dar, sucht im gesellschaftlichen Widerspiel zwischen Person und Stadt einen Prototyp von Außenseiter zu porträtieren, der Kaser in seiner Eigenheit zur Verkörperung einer weltweit existenten Spezies von Außenseitern mac
ht. So hebt er nicht nur das Lokale ins Allgemeine, er macht auch den eminent politischen, stets sozialkritischen Hintergrund der Texte Kasers deutlich, indem er sie in direkten Bezug zur Lebensrealität des Autors setzt.
In lose chronologisch angeordneten Kapiteln schweift Gatterer gemeinsam mit Kaser durch Bruneck und öffnet die Stadt auch für Ortsunkundige. Die von Krankheiten gezeichnete Kindheit im Haus des Stiefvaters, Pförtner in einer Tuchfabrik, das komplexe Verhältnis zur Familie oder das in Kleinstädten omnipräsente Thema Kirche und Gott, meisterhaft ironisch abgehandelt in dem Aufsatz "erstkommunion oder die gewaltsame begegnung mit gott". Thema ist aber auch das langsame Verschwinden der Orte und Zeichen der Kindheit, wie es etwa in der Figur des Brunecker Turmwächters zum Ausdruck kommt. Die Stadt beschloss, diesen romantischen Posten ab dem Jahr 1973 zu streichen, was Kaser zu einem "brief an die buerger von bruneck" (S. 51) veranlasste, in dem er einen "funken privatinitiative" einforderte, um den Posten zu bewahren: "wir haben ihm die naechtliche stadt geschenkt & er soll sie behalten", hat er doch bestätigt, "daß sein beruf nicht nur ein brauch ist sondern eine ernste arbeit".

Zahlreiche unter dem Titel "Brunecker Chronik" vereinte Texte zeigen Kaser als Menschen, der am gesellschaftlichen Leben der Stadt teilnimmt, sich für Minderheiten und ungeschützte Fußgänger, gegen architektonische Neuerungen und gefährliche Autostraßen einsetzt. In Hochform kommt Kaser als Chronist des Brunecker Kulturlebens, wenn er pointierte Kritiken von Ausstellungseröffnungen verfasst oder eine Besprechung mit dem Satz beendet: "Sind die Bilder auch recht eckig, die Preise sind sehr rund, so um einen halben Monatsgehalt herum, aber eine Überlegung sind sie wert." (S. 178) Kaserers Texte vereinen Stadtporträt und Selbstporträt in oft brillant formulierten Skizzen, wie man sie in großen Zeitungen eher selten findet.

Wie bereits angedeutet, ist zu Kasers Lebzeiten kein Buch von ihm erschienen. Sehr wohl aber hat der Autor ab 1967 mindestens acht selbstfabrizierte, einfach geheftete Gedichtbände angefertigt, in denen er seine maschinengeschriebenen Texte versammelte und an Freunde und Bekannte verteilte. Wie viele er wirklich hergestellt hat, ist ungewiss, da möglicherweise nicht von all seinen Bänden Kopien erhalten geblieben sind. Als Nummer 13 der Reihe "Faksimiles aus dem Brenner-Archiv" ist nun mit auswahl 68/69 einer jener kleinen Bände schön ediert erschienen, herausgegeben von Annette Steinsiek und Ursula A. Schneider und von Joachim Gatterer mit einer instruktiven Einleitung versehen. Das Faksimile zeigt den lyrischen Handwerker Norbert C. Kaser, wie er noch an der "Ausgabe letzter Hand" Verbesserungen anbringt und ganze Texte streicht. Genauso wie Kasers Stadtporträt von Bruneck ein Kleinod, das man lesen sollte.

Georg Pichler
3. April 2018

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