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Tanja Paar: Die Unversehrten.

Roman.
Innsbruck: Haymon, 2018.
160 S.; geb.; Euro 17,90.
ISBN 978-3-7099-3416-6.

Autorin

Leseprobe

Schon beim Lesen des Titels ist man versucht daran zu denken, dass einem hier Protagonisten entgegen leben werden, die besonders versehrt sind. In der Tat schafft bereits das Präludium die Ahnung einer Tragödie, weil hier von einem ertrinkenden Kleinkind erzählt wird. Das nimmt diesem konzise konzipierten Text etwas von der Schockstarre, in die er dann doch zielstrebig führt. Am Ende nochmals gelesen, wandelt sich das Präludium zum beunruhigenden Epilog.
Beginnen tut diese Geschichte als gewöhnliche ménage à trois mit dem Helden Martin zwischen den Frauen Violenta (Vio) und Klara.
Der Text verliert kaum eine Zeile, um Szenen detailliert auszugestalten oder gar Befindlichkeiten mehr Raum zu geben, das Drama spult sich rasant in ökonomisch gestalteten Miniaturen ab. Der große Begriff Drama erfährt in Tanja Paars Debütroman eine eingehende Würdigung, denn die fokussierte und episch grundierte Handlung sowie die besondere Wertschätzung des knappen Dialogs beschleunigen den fatalistischen Sog. Bei Henry James findet sich der erhellende Gedanke: "Aus dem Charakter folgt zwangsläufig das Ereignis. Das Ereignis kennzeichnet den Charakter."
Es sind antike Charaktere, die den Protagonisten Vio, Klara und Martin eingeschrieben sind. Die beiden Frauen sind als Erinnyen Getriebene (eine als Megaira, die andere als Tisiphone), dazwischen steht Martin als phlegmatischer Naivling, der von den Dramen, die ihn vereinnahmen, viel zu wenig mitzubekommen scheint und nicht anerkennen kann, dass seine Handlungen tragische Konsequenzen zeitigen. Er meint, er müsse sich zwischen zwei Frauen nicht entscheiden. Dabei ist dieser Martin ein vorbildlicher Vater wie man ihn sich nur wünschen kann, verständnisvoll, engagiert und empathisch. Das Schmerzliche an diesem Buch ist auch, dass selbst ein moderner Mann den zeitlos allmächtigen Tragödien hilflos ausgeliefert ist.

Das gleichzeitig offene und doch aufklärende Ende zeigt ferner, dass der Zorn nicht nur auf die Erwachsenen beschränkt bleibt. Um es im Jargon der Drehbuchautoren zu sagen, ist das ein Cliffhanger, der Spekulationen über eine Fortsetzung nährt. Es ist Christina, das gemeinsame Kind von Martin und Klara, das zu einem Bauernopfer der gekränkten, weil verlassenen Klara wird. Christina übernimmt die Rolle der Großen, die Schuld wird tradiert. In dieser Hinsicht funktioniert der Text stark wie jene Vorbilder der griechischen Mythologie, mit welchen er meist stillschweigend, manchmal klar benannt korrespondiert.
Es kommt in dieser Dramaturgie nicht darauf an, ob eine Beziehung erlahmt oder eine Veränderung gut täte; wenn der Platz an der Seite des Mannes von einer anderen besetzt wird, gilt es zu rasen. Wie austauschbar Partner wirklich sein können, zeigt die Wiederholung, nicht etwa eine motivische Wiederholung, sondern eine wortidente Wiedergabe dessen, was als Alltag bezichtigt wird. Auf Seite 45 ist dieser Alltag für Martin Klara und auf Seite 103 eben Violenta. Es ist unbedeutend, mit wem zusammen gelebt wird, denn die psychosozialen Mechanismen stellen sich unausweichlich ein. In beiden Fällen ist der Körper der Gradmesser für das Maß an Nähe, das erwünscht ist und irgendwann unerträglich scheint.
In der Erzählung "Alles" von Ingeborg Bachmann ist ebenso von Kindesverlust die Rede: in dieser schmalen Geschichte wird viel Erzählkraft für die Leere zwischen den Eltern verwendet. Das Kind, um das es hier geht, heißt "Fipps". Dies ist die Kurzform von "Philipp". Philipp heißt das Kind von Vio und Martin. Als verbildeter Interpret neigt man leicht zu galoppierender intertextueller Assoziation.
Die Leere jedenfalls wird in "Die Unversehrten" nur en passant anschaulich, weil hier Eifersucht und Rache eine willkommene Betäubung leisten.

Tanja Paar hat eine klassische Geschichte geschrieben und sie mit modernen Lebenswirklichkeiten wie Patchwork-Familien verwoben. Eindringlich und anschaulich treibt die Autorin das Geschehen voran. Vielleicht bleibt deshalb ein wenig an stilistischer Raffinesse am Weg des Erzählens liegen. Dadurch hätten die Protagonisten mehr Individualität erhalten, so bleiben sie Figuren in einem Spiel, das nicht zu gewinnen ist. Ja, nicht einmal die Psychotherapie bringt es zustande, die Regeln dieses Spiels abzuändern. Zwar tauchen die seriösen Befunde der stets Contenance wahrenden Therapeuten zwischen den Szenen auf wie Ankerbojen, aber der Orkan lässt sich davon nicht beeindrucken. Es ist packend dieses Spiel mitzuspielen. Angehende Mütter sollten das Buch vielleicht noch vor der Babypause lesen.

Alexander Peer
11. April 2018

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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