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Reinhard P. Gruber: Die Vorgänge bei der Betrachtung.

Gesammelte Prosa. 1979-1986.
(Werke. 6).
Graz, Wien: Droschl, 2001.
182 S., geb., öS 262.-, DM 38.-.
ISBN 3-85420-583-X.

Link zur Leseprobe

Was wäre Reinhard P. Gruber ohne die Steiermark und die Steiermark ohne ihn? Gruber und die Steiermark bedingen einander. Er liebt sie, nimmt sie aufs Korn, parodiert ihre Bewohner und Bräuche. Nachzulesen sind die Facetten dieser Beziehung im 6. Band der bei Droschl herausgegebenen Werkausgabe R. P. Grubers: "Die Vorgänge bei der Betrachtung" heißt der Band, der Prosa von 1979 - 1986 sammelt. Das Verdienst des Buches liegt darin, verstreut publizierte Texte wieder zugänglich gemacht zu haben, die einen (im Vergleich zur frühen Prosa des 5. Bandes der Werkausgabe) reifen und sicheren Autor zeigen. Aber nicht nur die Steirer und ihre Eigenheiten pflegt der Autor in seinen Erzählungen aufs Korn zu nehmen, auch die Wiener, die Sportler, die Literatur- und Kunstszene bekommen ihr Fett ab:

Gruber, der Spötter, teilt die "Visagen bei den Vernissagen" ein in: Galeriemuffel, Augengeile, Berufsschauer, Rumschnüffler, Brötchengeier, Bildspazierer, Kettenraucher, Schenkelkratzer, Nasenbohrer und Eckensteher. Gruber, der Strenge, gibt Benützungsvorschriften für Wien. Erstens für Burgtheater und Staatsoper (Die Besucher werden gebeten, sich vornehmlich einer gehobenen Ausdrucksweise zu bedienen. Spucken, lautstarkes Rülpsen und Furzen zählen nicht dazu.), zweitens für das Wiener Parlament (Die tätliche Auseinandersetzung sollte nicht ins Parlament kommen; die Sitzordnung im Nationalrat ist daher sinnvollerweise so festzulegen, daß einander widersprechende Volksvertreter nicht in Reichweite sitzen.), drittens für Wiener Tageszeitungen (Gekauft- und Gelesenwerden gelten als Hauptzweck der Produktion von Zeitungen; ersteres mehr.), viertens für Wiener Straßenbahnen (In Wien sind ausschließlich rotgestrichene Straßenbahnfahrzeuge zu benützen. Sollte dieser Bestimmung zuwidergehandelt werden und allen Warnungen zum Trotz etwa ein grüngestrichenes Straßenbahnfahrzeug bestiegen werden, so muß damit gerechnet werden, daß man sich in Graz befindet.), fünftens für die Wiener Prostituierten (Die Arbeit der Prostituierten beginnt also in der Öffentlichkeit, endet aber im Arbeitszimmer. Eine Umkehrung dieses Verfahrens ist nicht statthaft.), sechstens für die Wiener Kapuzinergruft (Nicht die in der Gruft befindlichen Toten, sondern nur deren Behältnisse dürfen besichtigt werden. Den Aufschriften an den Außenwänden der Blechtonnen ist Glaube zu schenken: Der Name gilt fürs Bein.) und siebtens für den Wiener Zentralfriedhof (Der Umzug eines verstorbenen lebenden Wieners in seine neue Behausung am Zentralfriedhof sollte von diesem in möglichst feierlicher Form begangen werden, damit seiner Freude über die Verbilligung des Mietzinses sowie der Beziehung einer menschenfreundlichen Wohnung im Grünen ungehindert Ausdruck verliehen werden kann.).

Gruber, der Gläubige, erstellt einen olympischen Dekalog (Du sollst an einen Sport glauben!), Gruber, der Besorgte, einen Olympia-Knigge für Teilnehmer. Gruber, der Prophet, kündet von der Versteirerung der Welt: Noch ist es so, daß Wien nichts von der Steiermark weiß, das weiß jeder Steirer. Aber das bleibt nicht so. Ein Anfang ist gemacht. Die Botschaft von der Steiermark beginnt sich auszubreiten. Der Schilcher wird eines Tages die Welt überfluten, der Steirerkäse wird das Erdenreich bedecken. Einmal, das wissen die Steirer [...] wird die Steiermark nicht mehr ein Neuntel von Österreich sein, sondern, im Gegenteil, umgekehrt, Österreich wird für den Steirer nur mehr ein Achterl sein! Na, Prost Mahlzeit!
Wer gern einmal lacht und etwas für die Satire übrig hat, wird seine Freude mit diesem wunderbar verschrobenen Buch haben. Garantiert.

 

Peter Landerl
3. Dezember 2001

Originalbeitrag

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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