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Verena Stauffer: Orchis.

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Roman.
Wien: Kremayr & Scheriau, 2018.
254 Seiten; gebunden; 22,90 Euro.
ISBN: 9-783218-011044.

Autorin

Leseprobe

Die Leser dieses sehr anziehend gestalteten Buchs, was Typographie und Umschlag betrifft, begeben sich mitten ins 19. Jahrhundert und auf exotische Schauplätze tief im Inneren Madagaskars und Chinas. Trotzdem glauben sie sich weit davon entfernt, einen historischen Roman zu lesen oder eine gewöhnliche Reisebeschreibung, weil sie nie die Daten, Zahlen und Fakten einer realen Topographie oder historischen Chronologie vermittelt bekommen. Auch zwei große Schiffsreisen werden in einer durchaus verwunderlichen Weise geschildert, fast so, als befinde sich Anselm, der junge Held, nicht auf dem Schiff, sondern als wäre das Schiff in ihm.
Vom Klappentext sind wir informiert, dass aus Anselms Schulter eine Orchidee wächst, wir freuen uns schon auf die botanische Erweiterung des Botaniker-Körpers, und wenn wir die angekündigte Stelle im Buchtext (s. Leseprobe) aufgeschlagen haben, wo das Herauswachsen beschrieben ist, bemerken wir schnell, wie die Erzählung drei Ebenen der sprachlichen Repräsentation kunstvoll miteinander verschränkt: Die imaginäre Ebene des bloß Vorgestellten, als sprachliche Manipulation, als reines Spiel. Das Wachsen der Pflanze in Anselms Leib, die Vorstellung davon, wie das wäre, wenn so etwas geschieht; und es geschieht wirklich, auf der symbolischen Ebene, es bedeutet etwas Bestimmtes in dieser Geschichte; und es geschieht zugleich auf der realenEbene, in der "tatsächlichen" Wirklichkeit des Erfundenen: Anselm wendet den Blick "der tatsächlichen Blüte auf seiner Schulter zu". So wie die Transsubstantiation in Realpräsenz im katholischen Dogma: Dies ist mein Leib, esset davon.
Christoph Ransmayr hat das vorgemacht, er hat solch magische Mischwelten geschaffen. Verena Stauffer wieder hat dies nicht bloß nachgemacht, sie folgt ihrer eigenen Poetik, obwohl man an manchen Stellen merkt, sie ist noch Schülerin, vor allem bei der Gestaltung von Dialogen, bei der Beschreibung ist sie schon Meisterin. Wir halten es bei der Lektüre für möglich, dass Anselm sich bloß einbildet, die Orchidee wachse aus seiner Schulter, obwohl wir durch die Kunst der Beschreibung auch spüren, wie sie wirklich in ihm wächst. Offensichtlich ist Anselm krank, psychisch krank, die Reiseerzählung ist also auch eine Art Krankengeschichte, und die Geschichte einer wundersamen Heilung. Anselm wird gegen seinen Willen in einer Klinik interniert, mit Hilfe seiner Eltern kommt er wieder frei und kann eine Universitätslaufbahn als Botaniker beginnen.
In der Art, wie die Diskurse der Zeit in der Psychiatrie, in der Biologie und der Politik in die Handlung eingewoben sind, deutet sich an, dass die Erzählung nicht so naiv unhistorisch ist, wie sie sich gibt. Die Psychiater, die Lehren Darwins und die Revolution werden von Anselm zutiefst als Bedrohung empfunden, alle seine Bestrebungen können als Abwehr gedeutet werden. Der Roman erzählt die Geschichte der Befreiung aus einer Bedrohungslage, in die wir alle geraten können, wenn wir uns mit einem Gegenstand so intensiv beschäftigen, wie Anselm es mit Pflanzen, mit Blumen tut. Und er erzählt in seinem letzten Teil von einer Heilung, durch eine therapeutische Reise nach Utopia.
Der Held verkennt ständig die Realität, es handelt sich um eine wissenschafts- und sozialhistorische Verkennung, aber offenbar auch um eine Freudsche. Mehr als einmal wird Anselms Wahrnehmung der Blüten in Worten auf eine Weise nachvollzogen, als würden sie Geschlechtsorgane beschreiben, so auch in der Schattenriss-Szene (s. Leseprobe), in der das Blütenhaupt aussieht "wie eine kniende nackte Frau, mit wellengebrochenem Haar und Brüsten aus Watte und dann wie ein Phallus, samt gewölbten Hoden in Wolkenform." (S. 69/70) Anselm ist unschuldig, er hat noch nie eine Frau geliebt, er versagt sich sexuelle Erfüllung, er begehrt homoerotisch – auf Madagaskar, ödipal – die mütterliche Freundin am Schiff, und geschwisterlich – das kranke Mädchen in der Anstalt.
Von Anselms Verstörtheit und Realitätsverkennung wird mit Empathie berichtet, oder sogar mit einer Art von Verliebtheit der Erzählerin in diesen wunderlichen Kauz mit seiner schnarrenden Stimme. So gehen die Romantiker mit der Wirklichkeit um, hier geschieht das in doppelter Weise. Das erzählerische Verfahren ist das der Romantik, und zugleich besteht das Thema der Erzählung selbst darin, die romantische Reaktion auf den Einbruch des Realismus, der Revolution in die Gesellschaft und die Wissenschaften um die Mitte des 19. Jahrhunderts darzustellen.
Geschrieben in einer die Eindrücke der Sinne, Farben, Formen, Stimmen, Geräusche, Gerüche benennenden Sprache, kommt die Erzählung ohne das raum-zeitliche Gerüst des realistischen Erzählens aus. Es wird Leser geben, wahrscheinlich eher Männer, die diesen Duktus des ständigen In-Sich-Verzaubertseins schwer aushalten, und Leserinnen, die das Kreisen dieser Sprache um einen verzauberten Leib mit Genuss verfolgen. Ich wollte das Buch ein paar Mal schon weglegen, doch seine Schlingen der Hintergründigkeit haben es mich nicht tun lassen. Ich wollte herausfinden, wie es ausgeht. Dieser Anselm ist ja ein zweiter Heinrich von Ofterdingen. Ob er seine Blaue Blume findet, wollte ich wissen; bestimmt findet er sie, aber wie?

Walter Fanta
18. April 2018

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder

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