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Felix Mitterer: Mein Lebenslauf.

Leseprobe

 

Die Flucht: Auf nach England!

In diesem Sommer reifte der Plan in mir, meine Adoptivmutter und dieses garstige Land überhaupt zu verlassen und auszuwandern. Am 30. August 1965 teilte ich um 8 Uhr morgens den Leuten vom Lebensmittelgeschäft mit, dass ich nun Ferien machen wolle, kassierte mein Geld, ging nach Hause und verfasste einen ellenlangen Brief an meine gerade in einer Pension putzende Mammi, und in diesem Brief warf ich ihr alles vor, was sie mir tatsächlich und angeblich in meinem bisherigen Leben angetan hatte. Nachdem sie inzwischen gestorben ist, kann ich sagen, wie's war, sie schlug mich von klein auf ganz entsetzlich. [...]
Nachdem ich also meiner Mutter dies und anderes in meinem Brief vorgeworfen hatte, packte ich einen riesigen Pappkoffer mit meinen Manuskripten und Kleidungsstücken, ging zu einem Weg, wo ich das Moped eines Nachbarburschen abgestellt wusste, hinterließ ihm einen Zettel, dass er sich das Moped am Bahnhof in Kitzbühel abholen könne, fuhr damit dahin und begann meine Reise. Da ich keine Ausweispapiere hatte, stieg ich in Kufstein aus dem Zug, fuhr mit einem Taxi zum Hechtsee, den ich von einem Schulausflug kannte, und ging von dort zu Fuß über die grüne Grenze nach Kiefersfelden. Natürlich voll der Angst irgendwelche Grenzwächter würden auf mich schießen. In Kiefersfelden machte ich Autostopp und kam so nach Rosenheim. Dort kannte ich Fremdengäste, die bei uns am Bauernhof Urlaub gemacht hatten. Ich suchte sie auf, wurde sehr freundlich empfangen und sagte ihnen, ich wollte bei ihnen den Rest meiner Ferien verbringen. Natürlich war das möglich, sie schöpften keinerlei Verdacht. In der Familie gab es auch eine gleichaltrige Tochter, in die ich mich ein wenig verliebte und mit der ich in den Zirkus ging. Ich fragte die Zirkusleute, ob sie mich mitnehmen könnten, als Stallbursche oder so, aber sie lachten nur und lehnten ab.
Als meine Ferien vorbei waren, verabschiedete ich mich von meinen Gastgebern und machte mich per Autostopp auf den Weg Richtung Norden. Nach England wollte ich, dort ein neues Leben beginnen, Schriftsteller werden. Irgendwann landete ich in Bremen, ein holländischen Paar nahm mich mit nach Holland, bei Dunkelheit fuhren wir über die Grenze, es regnete, niemand fragte nach einem Ausweis. In einer Kleinstadt wurde ich abgesetzt, übernachtetet, weil es regnete, in einer Pension, und erhielt Weißbrot mit Butter und bunten Schokobröseln zum Frühstück, natürlich auch einen Kakao. In Amsterdam dann sprach mich ein freundlicher älterer Herr an und wollte mich bei sich übernachten lassen, aber ich ging lieber ins Raucherkino, das die ganze Nacht offen hatte.

(S. 41-44)

© 2018 Haymon Verlag, Innsbruck

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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