Josef Winkler: Laß dich heimgeigen, Vater, oder Den Tod ins Herz mir schreibe.

Roman.
Berlin: Suhrkamp 2018.
200 Seiten; gebunden; 22,70 Euro.
ISBN: 978-3-518-427965-5.

Autor

Leseprobe

Das groteske Kärnten

In seinen wahrhaftigen Briefen an den toten Vater – beginnend mit den Worten: "Lieber Tate! Böser Tate! Warum hast du es wohl verschwiegen" (S. 9) –, die dieses erheiternde wie erschütternde Buch zusammenfassen, behandelt Josef Winkler ein einziges Grundthema: Warum hat er, der Vater, warum haben die Onkel, Tanten, Anverwandten, warum hat der Pfarrer, warum haben alle anderen im Dorf, die es wussten, nie darüber gesprochen? Darüber, dass der Kärntner NS-Massenmörder Odilo Globocnik 1945 in unmittelbarer Nähe von Winklers Kärntner Heimatdorf Kamering von den Briten gefangen genommen wurde, dass er sich im Nachbarort Paternion durch Zerbeißen einer Zyankali-Kapsel selbst tötete und dass man seinen Leichnam auf dem Sautrattenfeld verscharrte. Dort, wo die Familie Winkler vulgo Enz und wo andere Bauern des Dorfes später und wohl bis heute einen Gemeinde-Acker bestellt haben, liegt das vergiftete Skelett des Judenmassenmörders (ständig wiederholtes Zitat: "Zwei Millionen ham'ma erledigt"), den sie "Globus" nannten.

Mit den aus dem vergifteten Boden geernteten vergifteten Kartoffeln ernährten die Kameringer sich und ihrer Kinder, mit dem vergifteten Viehfutter aus den Sautratten vergifteten sie ihre Rinder und Schweine und mit dem verkauften vergifteten Roggen und Weizen die ganze Kärntner Bevölkerung weit und breit. Die vom Globocnikskelett vergiftete Erde wird in einer typischen Winkler-Litanei beschworen, mehr als das: Sie ist als immer wiederkehrendes Leitmotiv wie in eine riesige Symphonie eingewoben, in einen durchkomponierten Großtext, der alles zusammenfasst, was Winkler bislang geschrieben hat, das Beste ist, was er bisher hervorgebracht hat, und der über das bereits Geschriebene noch hinausreicht; er schlägt in seinem Kärntner Heimat- und Herkunftsbuch eine neue Seite auf. Aber Sautratten gibt es überall, wo Landwirtschaft betrieben wird, nicht nur in Kärnten.

Nicht nur uns Kärntner, sondern wohl alle LeserInnen bringt der neue Winkler zum Schmunzeln und vielleicht sogar zum Lachen durch die Art, mit der selbst die trostloseste Niedertracht beschrieben wird. Etwa, dass die Hakenkreuzfahne aus den Fotos im Familienalbum gekratzt ist; wer kennt das nicht? Wer in meiner Generation kennt die Niedertracht nicht aus eigener, manchmal leidvoller Erfahrung? Zwischen der brutalen körperlichen Mißhandlung von Kindern durch ihre Eltern und der absurden Verlogenheit im Sprechen und im Schweigen über den Krieg, über die eigene Kriegsbeteiligung in den Nachkriegsfamilien spannt Winklers Meisterwerk einen Verbindungsbogen. Das hat schon Ingeborg Bachmann getan und als Fortsetzung des Faschismus im Alltag bezeichnet. Dass das Lesen Lust bereitet, hat mit der Sprache zu tun, mit der schonungslos satirischen Sprachdarstellung, der Montage der Sätze, mit denen sich die Niedertracht und Verlogenheit untermauert.

Die große künstlerische Leistung besteht in der Dokumentation dieses Volksmunds. Winkler hat dem Volk aufs Maul geschaut wie einst Luther. Doch in seiner Praxis dreht sich die Weisheit um, dass der Volksmund die Wahrheit spricht. Sie bringt statt dessen das Groteske hervor, das Gestörte, das die windigen Wendungen atmen. "Lass dich heimgeigen" ist so eine witzige Formulierung, die in den Titel des Buches gewandert ist. Oder wie die Kinder die Folgen der Züchtigung mit einer schreiend komischen Metapher belachen: "'Er hat blaue Würste am Arsch! Er hat blaue Würste am Arsch!' Enz! Beim Arsch brennt's" (S. 113) Das Buch ist voll von solchen Zitaten aus dem Volks- und Kindermund, welche die Gewalt, den Tod, den Krieg verharmlosen, die Verstrickung darin lösen sollen. Seite auf Seite begegnen wir beim Lesen den Stehsätzen, sie sind uns aus der eigenen Erinnerung sattsam bekannt, die Wiederbegegnung tut gut, sie befreit die Leser, nicht nur den Autor.

Als Winkler-Erfahrene begegnen uns in diesem Buch vertraute Konfigurationen und Gestalten. Der "Tate" ist als der Ackermann aus Kärnten mit seinem Sohn, dem Leibeigenen, ebenso ein alter Bekannter, von dem wir als Leser schon einmal Abschied genommen haben, in Roppongi, wie wir auch der "Mame" schon begegnet sind, in dem ersten Roman Menschenkind bereits, und über die kreuzförmige Anordnung des Dorfes Kamering aus Der Ackermann aus Kärnten schon seit langem bestens Bescheid wissen. Das wilde Kärnten feiert in Laß dich heimgeigen seine (wievielte?) Auferstehung, doch es ist noch um einen Grad wilder geworden, vergifteter, nun, da wir erfahren haben, dass die Wildheit mit dem Gift im Boden der Sautratten zusammenhängt, mit dem Gift in der Kärntner Erde vom Skelett des Massenmörders. Das Wichtige von damals kehrt nun wieder, auch das "Leich gehen!" (S. 152), die vielen, vielen Toten und die kargen Rituale der Bestattungen, wir kehren zurück zu "den jugendlichen Selbstmördern, zu Jakob, der sich gemeinsam mit seinem Freund Robert mit einem drei Meter langen Kalbstrick im Kopf des kreuzförmig gebauten Dorfes, im Heustadel des Pfarrhofs, erhängt hatte." (S. 140)

Es ist unnötig zu sagen, dass diese Wiederholung nicht unnötig ist. Es handelt sich um eine Wiederholung in der Dimension von Peter Handkes Wiederholung, um eine imaginäre Rückkehr in das Dorf der Kindheit, eine Reise, die jeder von uns nötig hat. "Ich bin dabei, meine Kindheit, die sich zwischen zuckenden, blutigen Hahnenköpfen, trottenden Pferden, tänzelnden Kalbstricken bewegte, zu ermorden." (S. 141) Der ich-erzählende Autor berichtet, dass er schon einmal ins Dorf zurückgekehrt war, mehr als einmal kommt er auf diese Rückkehr zurück, "auf den Sautratten, auf denen wir in der Kindheit über dem dahinmodernden Skelett des Judenmassenmörders Globus – Zwei Millionen ham'ma erledigt! – das Getreide für das tägliche Brot geerntet haben, schwang ich die dann zwei Jahrzehnte später wieder mit dir, mein Tate, die Schröckenfuxsense […]" (ich muss diese Stelle in extenso zitieren, weil sie so schön ist, so schaurig schön, so ergreifend, so wahrhaftig) "nachdem ich über mich und über dich mehrere Bücher geschrieben, danach meine Sprache verloren, mich zurückkatapultiert hatte in die Sprachlosigkeit meiner Kindheit und als Elendshäufchen verzweifelt zu dir auf deinen inzwischen verlotterten Bauernhof zurückgekehrt war, wo ich Stoff für die Heimkehr des verlorenen Sohnes sammeln wollte, ins von grausamen Schicksalschlägen geprägte, kreuzförmig gebaute Dorf Kamering, in dem wir beide aufgewachsen sind […]". (S. 82)

Anlässlich dieser Rückkehr begegnet der Erzähler auch dem Vater des Selbstmörders Jakob wieder. "Schämst du dich nicht, über die Dorfstraße zu gehen?" (S. 141) fragt ihn dieser. In den Geschichten Josef Winklers ist nie etwas erfunden. Blättert man in seinen alten Büchern, bemerkt man, dass dieselben echten Erlebnisse und wahren Begebnisse in an Sprachbildern überreicher poetischer Intensität gestaltet sind, während der Stil der Wiederholung sich stark ins realistisch Beschreibende, zum Dokumentarischen hin verwandelt hat. Sie sind dadurch noch glaubwürdiger geworden, glaube ich, und erreichen noch mehr Leser, die jetzt noch eher erkennen können, dass diese Geschichten auch sie angehen.

Hier ist bitte nichts übertrieben! Und es ist von brennender Aktualität! Zu Unrecht hat man Josef Winkler in Berufung auf Thomas Bernhard kürzlich einen Übertreibungskünstler genannt, das ist nichts anderes als ein Versuch der Verniedlichung dessen, was in Kärnten geschehen ist und geschieht, durch Medienleute. Josef Winkler hat in seiner Festrede anlässlich einer Jubiläumsfeier in Klagenfurt geäußert, man müsste die Urne mit der Asche Jörg Haiders in eine bewachte Gefängniszelle geben, um dessen Wiederauferstehung wie ein Phönix aus der Asche zu verhindern. Dafür wird er von der Kärntner FPÖ nun vor Gericht belangt: wegen Verhetzung. Es besteht ein enger Zusammenhang zwischen Winklers öffentlicher Rede und dem Buch mit dem Globocnik-Skelett-Sautratten-Motiv. Die Gefahr besteht, dass wir mit Formulierungen wie Übertreibungskünstler die Literatur unter einen ästhetischen Glassturz stellen und ihre politische Aussagekraft nicht ernst nehmen. Die vergiftete Erde in Winklers Lass dich heimgeigen… ist als großartige Metapher für die geistige Vergiftung in Nachkriegskärnten zu lesen, durch konsequentes Verschweigen der Nazi-Verbrechen, ja durch fortgesetzte Kriegs- und Heldenverehrung in Öffentlichkeit und Politik. Jörg Haider hat nicht nur dieser Unkultur des Verleugnens der Verbrechen Vorschub geleistet (zum Beispiel durch seine Ulrichsbergreden), sondern er hat Kärnten durch Demagogie und ökonomischen Ausverkauf mit Korruptionsaspekten ruiniert. Josef Winkler nimmt sich im Buch wie in der Rede seines Heimatlands Kärnten in liebender Weise an, indem er gegen das Vergessen schreibt und spricht, gegen die Vergiftung der Kärntner Erde durch Verschweigen der Verbrechen, damals wie jetzt, man kann das nicht trennen! Auch die Angeklagten Ankläger von der FPÖ Kärnten fragen Josef Winkler: "Schämst du dich nicht, über die Dorfstraße zu gehen?" Und was antwortet ihnen Josef Winkler?

Walter Fanta
8. Mai 2018
(Tag der Befreiung)