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Josef Winkler: Laß dich heimgeigen, Vater, oder Den Tod ins Herz mir schreibe.

Leseprobe

 

Aus Italien kommend, sage ich dir stichwortartig, mein Tate, mein großer Schweiger und Kriegsberichterstatter, hatte sich Odilo Globocnik, der sich bei den Engländern mit gefälschtem Ausweis als Kaufmann aus Klagenfurt namens "König" ausgegeben und behauptet hatte, vor den Partisanen aus Italien geflohen zu sein, mit seinen Komplizen hoch über dem Weißensee in der Mösslacher Almhütte versteckt, von der aus man auf den höchstgelegenen und von idyllischer Bergwelt eingerahmten Badesee Österreichs, den Weißensee, hinunterschauen konnte, wo wir Kinder im Winter auf dem Spiegeleis Schlittschuh liefen und die berühmte Todesspirale vom Olympiasiegerpaar Ludmilla Beloussowa und Oleg Rotopopow nachsimulierten – "das russische Eiskunstlaufehepaar hat keine Nerven!" hat es damals geheißen, in der stark nach Druckerschwärze riechenden Kärntner "Volkszeitung" – und unter den schneidigen Kufen im durchsichtigen Spiegeleis am Grunde des Sees die Skelette und die Totenköpfe von abgestürzten Hirschen sahen und wo, über diesem Weißensee, wiederum Jahrzehnte später, Szenen für den James-Bond-Film "Der Hauch des Todes" mit Timothy Dalton gedreht wurden. In dieser Mösslacher Almhütte wurden Odilo Globocnik und seine Komplizen, darunter der SS-Sturmbannführer Ernst Lerch, seine rechte Hand, wie es hieß, und sein "Judenbeauftragter", gefangengenommen und in unsere Heimatgemeinde Paternion gebracht, wo mein Großvater, der Eicholzeropa, längst nicht mehr Bürgermeister war. Als die Gefangenen über den Hof des Schlosses Paternion marschierten, stellte ihm ein englischer Offizier eine Falle und rief einfach seinen Namen: "Odilo Globocnik!" Globocnik drehte überrascht seinen Kopf, ein anderer, Deutsch sprechender Leutnant rief: "Sie haben sich verraten, Globocnik, Sie haben den Kopf bewegt!" Globocnik, der schon seit dem Morgengrauen die Zyankalikapsel im Mund hatte, schob die Phiole zwischen die Zähne und biß zu. Der Pfarrer von Paternion lehnte es ab, den Judenmassenmörder auf dem katholischen Ortsfriedhof zu beerdigen. Ein englischer Regimentsadjutant befahl, den Leichnam irgendwo außerhalb geweihter Erde zu begraben. Zwei ungarische Soldaten, die in englischer Kriegsgefangenschaft waren, schaufelten auf den Sautratten, auf denen Kriegsmaterial, Panzer, Jeeps und Lastfahrzeuge geparkt waren, ein Loch. Ein paar Männer öffneten die Bordwand eines Lastwagens, hoben die Leiche von der Ladenfläche und legten sie auf dem Sautrattenfeld ins Erdloch, das mit Rasenziegeln abgedeckt wurde. Ein mit englischen Soldaten besetztes Raupenfahrzeug ebnete das frische Grab ein, rutschte mit den Panzerketten mehrmals hin und her und drückte und würgte die Leiche noch tiefer in die Erde hinein.

(S. 98-99)

Das sag ich dir also, mein Vater, stichwortartig, was nämlich du mir hättest sagen und erzählen können, denn du mußt es gewußt haben, wie all die anderen es gewußt, aber nie davon gesprochen haben, ein halbes Jahrhundert nicht, jedenfalls nicht in unserer Anwesenheit, daß nämlich der Judenmassenmörder Odilo Globocnik einen Kilometer von unserem Kirchturm entfernt auf den Sautratten verscharrt und nie mehr ausgegraben wurde, dass sein Skelett in den Sautratten vermodert ist, auf denen wir als Kinder gearbeitet und Fangen und Fußball gespielt haben, niemals hast du davon erzählt, obwohl du keine Kriegsgeschichte ausgelassen hast in deinen Erzählungen. Auch der Franz Reinthaler, der unser Religionslehrer und genau zu jener Zeit Pfarrer in Kamering war, muß es gewußt haben, denn ich kann mir nicht vorstellen, daß ihn der Pfarrer der drei Kilometer weit entfernten Kirche in Paternion, den er oft im Pfarrhof in Kamering traf und der sich geweigert hatte, den Leichnam von Globocnik auf dem Friedhof zu begraben, nicht davon erzählte. Zehn Jahre nach dem Krieg, nach einem Gemeinderatsbeschluß in Paternion, wollte ein unverbesserlicher Hitlerverehrer die Knochen des Judenmassenmörders ausbuddeln und einer christlichen Bestattung zuführen, er wühlte da und dort in der Erde der Sautratten, fand aber die genaue Stelle im weitläufigen, zwei Hektar großen Feld nicht mehr. Einige Kriegsgeschichten habe ich von dir, mein Tate, im Laufe der Zeit zehnmal, zwanzigmal, vielleicht in dem halben Jahrhundert, in dem ich dich erlebt habe, noch öfter gehört. Erst kürzlich hat mir ein entfernter Verwandter von dir, der inzwischen auch schon fast das neunzigste Lebensjahr erreicht hat, den du oft getroffen und mit dem du deine Kriegsgeschichten ausgetauscht hast, erzählt, daß er als sechzehnjähriger Lausbub, wie er sich nannte, im richtigen Augenblick unweit der Stelle stand, wo Globocnik in die Zyankalikapsel biß und auf der Stelle tot umfiel und von wo er, dieser schaulustige Sechzehnjährige, mit seinen Spielkameraden von den Engländern verscheucht wurde. Hast du es absichtlich verschwiegen, ob du uns verschonen und nicht sagen wolltest, dass wir über einem Skelett in den Sautratten den Roggen für das tägliche Schwarzbrot und den Weizen für das tägliche Weißbrot ernten, aus Angst, daß uns makabre Fantasien bis in die Träume hinein verfolgen oder wir das falsche Brot essen könnten? Und welches Brot wäre das richtige gewesen? Oder hast du dich vielleicht gar geschämt, aber wofür eigentlich, frage ich mich, da du doch öfter, als verbitterter und vereinsamter Bauer, der noch keinen Nachfolger in Sicht hatte, gesagt hast: "Mauthausen haben sie zu früh zugesperrt!" Und: Hitler hätte doppelt so viele Juden umbringen sollen!" Der aus Klagenfurt stammende Sturmbannführer Ernst Lerch, Globocniks rechte Massenmörderhand, und "Judenreferent", wie er genannt wurde, der über Odilo Globocnik sagte, daß er "ein fröhlicher und geselliger Typ, ein großartiger Mensch" war, wurde zwar im Jahre 1960 verhaftet und vom Landgericht Wiesbaden zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt und 1971 in seiner Heimatstadt Klagenfurt erneut wegen der Teilnahme an der Ermordung von 1,8 Millionen Juden in Ostpolen und 50.000 Roma in Polen angeklagt, aber der Prozeß wurde nach zwei Verhandlungstagen auf Antrag der Staatsanwaltschaft Klagenfurt auf unbestimmte Zeit vertagt und nie mehr aufgenommen. Ernst Lerch starb im Jahre 1997 als ehrenwerter Mann, wie es hieß, und Tanzcafébesitzer im Alter von 83 Jahren.

(S. 100-102)

Als ich dir einmal auf dem Titelblatt einer Illustrierten den lebensgroß abgebildeten Schädel von Hitler gezeigt habe – selbstverständlich, um dich zum Erzählen zu reizen, ich brauchte Stoff, Schreibstoff für meine Heimkehr des verlorenen Sohnes, koste es dir oder mir das Leben, denn ich mußte den Tod auskosten, wenn schon nicht mit Taten, so mit Worten –, hast du gelacht und hast zärtlich gerufen: "Der Adolf!" Hättest du mich einmal so zärtlich gerufen, aber wie oft habe ich nur den strengen Ruf gehört: "Sepp!" Ansonsten, muß ich sagen, hast du uns immerhin das ganze Jahr über mehr oder weniger verschont mit deinen Kriegsgeschichten, Kriegstreibereien und auch Hetzereien, denn du hattest keine aufmerksamen Zuhörer, deine verstummte Frau nicht, die an ihren drei gefallenen Brüdern zu kauen hatte, die Kinder nicht, die sich höchstens über deine Gebärden und Gesten lustig machten, wenn du dich wieder einmal auf den Boden gelegt und demonstriert hast, wie haarscharf die Kugel an deinem Kopf vorbei gegangen ist. Die Magd, die eine alte, runzlige und eine jugendliche Gesichtshälfte hatte, war taubstumm, und der versoffene und Dreierzigaretten rauchende Knecht hatte ebenfalls kein Interesse an deinen Ausführungen. Nur wenn der Onkel Hermann und der Onkel Franz zu Besuch kamen, dann ging es wieder los mit den Kriegsgeschichten und Hetzereien, zweimal, dreimal im Jahr. Ab und zu habe ich von dir gehört, daß die Schwulen geschnitten gehören, daß diesen Wichsern, wie du es nanntest, der Schwanz abgeschnitten werden solle und man die Schwerverbrecher, für die nicht mehr der Staat aufzukommen habe, auf dem elektrischen Stuhl zappeln lassen solle, die billigste Methode, wie du den staatlichen Mord genannt hast. Hätte sie nur eingeschlagen, die Kugel, die haarscharf an deinem Kopf vorbeigeflogen ist, dann wäre mir viel erspart geblieben, habe ich als Kind oft gedacht. Andererseits konnte ich mir auch nicht vorstellen, nicht auf der Welt zu sein und nicht genau diesen Vater und genau diese Mutter und ebenfalls genau diese Großeltern zu haben, mit allen ihren Geschichten, mütterlicher- und väterlicherseits. Die verstummte Mame mokierte sich besonders zu Ostern und Allerheiligen, wenn sich wieder das Trio der Kriegsveteranen in der Bauernküche traf und im Dampf des kochenden Szegediner Gulaschs oder der in Schweinefett brutzelnden Wiener Schnitzel ihre Kriegserlebnisse nicht als Grauen, sondern nostalgisch, als immer wiederkehrendes Abenteuer aufleben ließ, weil der Krieg das einzige Erlebnis ihres Lebens war. "Diese Kriegsgeschichten! Immer diese Kriegsgeschichten! Im Krieg ist es denen wohl zu gut gegangen. Sonst würden sie nicht dauernd davon erzählen!" Ja, ich kann auch sagen, dass dich der Krieg, deine Kriegserlebnisse, bei deiner immer selben, langweiligen Arbeit im Stall und beim immer selben Trott in den Wald, aufs Kirchenfeld, auf den Spritzanger und auf die Sautratten zum Skelett des Judenmassenmörders am Leben erhalten haben.

(S. 156-157)


© 2018 Suhrkamp Verlag, Berlin

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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