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Martin Prinz: Die unsichtbaren Seiten.

Roman.
Berlin: Insel Verlag, 2018.
221 Seiten, geb., Euro 22,70.
ISBN 978-3-458-17740-1
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Autor

Leseprobe

Lilienfeld, Traisen, Markl – in diesen Ortschaften in einem Tal südlich von St. Pölten hat der Ich-Erzähler in den 1970er und 1980er Jahren seine Kindheit und Jugend verbracht, und hierher kommt der Schriftsteller ein paar Jahrzehnte später wieder zurück, um sich zu erinnern: an den Großvater, der Lilienfeld 30 Jahre lang als Bürgermeister prägte, an die Familie, die Schule, Ängste, Sehnsüchte, Träume und an das nächtelange Lesen unter der Bettdecke. Martin Prinz, selbst 1973 in Lilienfeld geboren, schildert in seinem jüngsten Roman "Die unsichtbaren Seiten" eine Geschichte, die auch seine eigene sein könnte – sowie, mit leichten Abwandlungen, die Geschichte so vieler anderer aus unserer Generation.

Zwischen Kriegsende und seiner Geburt liegt weniger Zeit als zwischen der Kindheit und dem Heute, wird sich der Erzähler bewusst, als er sich auf Spurensuche nach Familiengeschichte und Ereignissen begibt, die er nur vage aus spärlichen Bemerkungen seiner Großeltern kennt. Wie war das damals mit der Übergabe des Hofes, mit dem russischen Urgroßvater und mit dem Mann, der dann dem unehelichen Kind einen Namen gab und kurz darauf alles verspielte? Und wie war das in den 40er Jahren? Die Rede ist oft von der Armut, gerne als Kontrast dazu, wie gut es die Kinder und Enkel nun hätten.

Der Enkel nennt sich selbst – aus der Distanz der Erinnerung ironisch – König von Lilienfeld, sitzt in der Volksschule auf der Eselsbank und erhält im Gymnasium den Spitznamen "der kleine Prinz". Der wichtige Mann im Ort ist der Großvater. Das Familienbewusstsein ist aufgespalten zwischen bäuerlicher und bürgerlicher Tradition, zwischen Traisen und Lilienfeld, Politik ist selbstverständliches Thema am Mittagstisch. Das Kind reimt sich allerhand zusammen aus diesen Selbstverständlichkeiten der Erwachsenen. Zur Sozialisierung gehört auch das Zeitunglesen, schon lange bevor das Weltwissen reicht, um zu verstehen, was da steht.

Lesen ist gleichermaßen Tor zur Wirklichkeit wie Rückzugsort in die Phantasie. Der "König von Lilienfeld" verschlingt früh alles Lesbare, ist später süchtig nach den Nachrichten rund um den Fall des Eisernen Vorhangs wie als Kind nach den Abenteuern im Wilden Kurdistan. Jede Woche schleppt er Bücher zurück in die Bibliothek und neue nach Hause. Er verschlingt die Bücher wie die Kilometer beim Laufen, ausdauernd und unmäßig. Beides ist zuweilen Training, zuweilen Davon-Laufen, Sozialisation kann Anpassung sein – oder das Verfeinern von Strategien um sich nicht anpassen zu müssen. Nicht zu sehr jedenfalls.

Martin Prinz knüpft ein Netz aus Erinnerungen, springt zwischen Damals und Heute und lässt dabei auch Lücken sichtbar werden, das Nicht(mehr)wissen und Niegewussthaben, die Vagheiten in den Familienerzählungen. Ein Netz hat nicht nur viele Verbindungsfäden, sondern auch viel Luft dazwischen. Wie dem Großvater im Alter die Gegenwart abhanden kommt, in der Demenz verschwindet, die ihm schlechte Nachrichten jeden Tag aufs Neue vor Augen führt, verschwimmen eigene Erinnerungen mit den Erzählungen anderer, verblassen oder treten unberechenbar hervor. Es wird kein sattes Ölgemälde aus solchen Erinnerungen und keine Chronologie aus diesen kollektiven Familiengeschichten, die geteilt werden wie vererbte Gesten, Blicke und Haltungen, von den Generationen davor irgendwann weitergegeben an die Generationen danach – ein 'Buch der Erinnerung' voller unsichtbarer Seiten.

Sabine Dengscherz, 20. Mai 2018

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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