Dietmar Gnedt: Balkanfieber.

Roman.
Salzburg: Verlag Anton Pustet 2018.
272 Seiten; fest gebunden; Euro 24,00.
ISBN 978-3-7025-0888-3.

Autor

Leseprobe

Im siebten Roman Dietmar Gnedts, dessen Handlung sich auf Österreich, Italien und Serbien verteilt, spielt Krieg eine nicht unwesentliche Rolle. Während im Hintergrund Jugoslawien zerfällt und in einer Vielzahl an Schrecklichkeiten versinkt, deren Ausmaß Begriffe wie "systematische Vergewaltigung, Konzentrationslager, Folter, Genozid" zu verdeutlichen versuchen, entfaltet sich in wechselnden Perspektiven und Rückblenden in die Vergangenheit die recht turbulente Lebensgeschichte von Christoph Forstner, Lazar Petrovic und Maddalena Todesco.
Die beiden Männer führen Krieg "wegen der Liebe", weil sie glauben, dass ihnen der jeweils andere die Frau gestohlen hat. Die inzwischen gealterten "Schafböcke" dürsten nach "einer infantilen, narzisstischen Rache", weshalb das Geschehen auf eine alles entscheidende Konfrontation, einen dramatischen Showdown zuläuft; als wäre der Mensch, in dessen Natur es angeblich liegt, einem anderen das wegzunehmen, was man selbst nicht hat, aber gerne hätte, "zur Gewalt verurteilt".
Wie schon aus dem Kriegsgeschehen ersichtlich, wo (angestachelt durch nationalistische Verhetzung) zwischen allen Konfliktparteien Unbegreifliches passiert und "dämonische Verführer" ihr Unwesen treiben, können Menschen ihrer Vernunft und Toleranz sehr schnell verlustig gehen. Und dann ist ein Vergeben und Verzeihen kaum noch möglich, weil jede Faser des Denkens nach nichts als Vergeltung verlangt. – Eine Entwicklung, der Dietmar Gnedt auf sehr eindringliche Weise nachspürt, sie auf eine zwischenmenschliche Ebene hebt und um sie herum ein beeindruckendes Romangebilde entwirft, dessen Spannung bis zum Ende nicht nachlässt. Der zeitliche Bogen der Handlung spannt sich von den 1970er Jahren bis in die jüngste Vergangenheit.

Maddalena, die einer angesehenen venezianischen Familie entstammt, studiert Germanistik. Im Zug nach Wien lernt sie 1974 den Serben Lazar Petrovic kennen, der für sie weniger als "Liebhaber", denn als "einer zum Liebhaben" in Frage kommt. Die beiden korrespondieren miteinander, sehen sich wieder; und irgendwann gesteht ihr Lazar, sie zu lieben, ohne jedoch anzüglich zu werden. Denn "eine Frau ins Bett zu bringen, gehört nicht zu den Künsten, die er beherrscht". Dennoch muss Maddalena 1981 feststellen, dass sich Lazar mit Slavica, die ein Kind von ihm erwartet, verlobt hat. Sie selbst ist da schon mit Christoph Forstner zusammen, den sie als Dolmetscherin auf einer Tagung Christlicher Studentenverbindungen kennen und lieben gelernt hat. 1982 folgt die Heirat, danach kommen zwei Söhne auf die Welt.
1987 wird Christoph "persönlicher Sekretär" des Außenministers, sechs Jahre später Botschafter in Belgrad. Die kriegerischen Konflikte auf dem Boden des ehemaligen Jugoslawien gehen nicht spurlos an ihm vorbei. Sie führen zum "Untergang seiner Visionen" und zur "Zerstörung seiner Gestaltungsmöglichkeiten". Christoph beginnt zu trinken. 1994 entschließt sich Maddalena, ihn zu verlassen. Wenig später taucht sie im Publikum eines Konzertes von Lazar auf. Da ist er gerade einmal vier Jahre verheiratet und Tochter Julijana dreizehn.
So erleben die Botschafterfrau und der arbeitslose Musiker zwanzig Jahre nach ihrem Kennenlernen drei Tage und Nächte der leidenschaftlichen Liebe. Danach läuft Maddalena davon, um ihre Ehe zu retten. Sie erwirkt beim Außenminister die Suspendierung ihres Mannes, der vom Botschafterposten abgezogen und Regierungsbeauftragter für Südosteuropa wird. Aber auch das bleibt er nicht lange, denn das Machtgefüge seiner Partei steckt im Wandel. Er rutscht 1995 in die zweite Reihe ab. Vier Jahre später findet er die Briefe seines Kontrahenten in einer Schatulle in Maddalenas Schreibtisch und stellt ihn während eines Bombardements zur Rede.
Nicht nur stirbt Lazars Ehefrau in dieser Nacht, Lazar glaubt auch, dass Christoph "vom Schutt der NATO-Bomben erschlagen" worden ist. Der kommt jedoch mit dem Leben davon und schafft es auch noch, sich von seiner Alkoholsucht zu befreien.
Für Lazars schwangere Tochter Juljana sind die Luftangriffe auf die chemische Fabrik in Pancevo, durch die ein ganzer "Cocktail von Substanzen der höchsten Giftklassen" freigesetzt worden ist, folgenschwerer. Ihr Sohn Milan erkrankt später an Leukämie. Die "teuren Behandlungen in einer Privatklinik" erweisen sich als nahezu unerschwinglich. Christoph Forstner, inzwischen für die NGO-Organisation "Direct Assistance" tätig, erfährt von dem Schicksal. Ihm aber geht es einzig darum, Lazar Petrovic, der Maddalena angeblich "verführt" hat, "nicht ungeschoren davonkommen zu lassen". Inspiriert von dessen Briefen an sie redet er sich ein, Lazar hätte Maddalena "benutzt wie ein Spielzeug und dann auf die Müllhalde geworfen".
Maddalena, die seit 2001 von Christoph geschieden ist, kann dazu keine Stellung mehr beziehen. Sie stirbt 2014 an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Allerdings hinterlässt sie beiden Männern einen in ein Notizbuch geschriebenen "Brief ohne Ende". Während sie denselben verfasst, wird ihr klar, dass sie beide geliebt hat. "Jeden zu seiner Zeit, in seiner Art".
Gleichzeitig ahnt sie, dass es ihren zwei zerbrochenen Lieben sehr schwer fallen wird, "zur Versöhnung" zu finden.

Die beiden Männer begeben sich auf eine weite Gedankenreise zurück in die Vergangenheit und zu sich selbst; eine Reise, die dazu da wäre, "um alte Wunden zu schließen". Sie bildet den roten Faden dieser von Dietmar Gnedt gekonnt in Szene gesetzten Liebesgeschichte vor dem Hintergrund des zerbrechenden Jugoslawien, wo auch heute noch ein großer Teil der Bevölkerung in Armut lebt.
Christoph Forstner unternimmt die Reise ja auch in der Erzählrealität des Romans; und zwar fährt er mit dem Zug über Budapest nach Belgrad, um Maddalenas letzten Willen umzusetzen und Lazar das Kuvert mit dem an ihn adressierten Notizbuch persönlich zu übergeben. Währenddessen denkt er ständig: "Ich bringe ihn um".
Der Roman als Ganzes denkt hingegen in eine ganz andere Richtung: Er betreibt politische Aufklärung und will Brücken bauen. Und er führt empathisch vor Augen, dass Gewalt schlecht als Lösung taugt. Eindeutig besser ist es, alles mit den Augen der Liebe zu sehen. Denn: "Was man nicht mit Liebe betrachtet, hat man nicht erkannt".
Eine Botschaft, der man nichts entgegenzusetzen vermag.

Andreas Tiefenbacher
22. Mai 2018

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