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Dietmar Gnedt: Balkanfieber.

Leseprobe:

Forstner nahm den vollen Becher und leerte ihn in einem Zug. Dann öffnete er seine Jacke und zog aus der Innentasche ein Bündel hervor. Er warf es auf den Tisch. Lazar sah Briefe, erkannte seine Schrift. "Das hat nichts zu bedeuten."
So schnell, wie man es ihm in seinem Zustand nicht zugetraut hätte, packte Forstner Lazar am Hemdsärmel, zog ihn an sich heran: "Maddalena hat mir alles erzählt. Sie hat die meisten dieser Briefe weggeworfen. Die da hat sie in ihrem Schreibtisch vergessen. Sie will mit dir nichts mehr zu tun haben. Und was ich will, das solltest du schnell begreifen, oder ich lasse dir keine ruhige Minute mehr…"
Mehr und mehr irreal empfand Lazar die Situation. Forstner fantasierte in seiner Eifersucht von etwas, das nicht existierte. Er war davon überzeugt, Maddalena sei nach wie vor seine Geliebte. Es gab keine weiteren Briefe. Nur die aus den Jahren 1995/96. Und die lagen hier vor ihm.
"Hör zu!", sagte Lazar. "Die Briefe habe ich vor drei, vier Jahren geschrieben. Es war dumm von mir. Und ich entschuldige mich dafür. Maddalena hat sich nie darauf eingelassen. Sie hat dich zu keinem Zeitpunkt betrogen."
"Sie will mich verlassen! Und das tut sie nicht wegen ein paar schwülstiger Briefe aus der Vergangenheit! Ich werde dir sagen, was passiert ist. Du hast sie verführt, als ich in dieser verfluchten Stadt Botschafter war. Und du Ratte hast ausgenützt, dass Maddalena allein war. Du hast sie von dir abhängig gemacht. Ich habe es geahnt, aber nicht wahrhaben wollen. Maddalena ist zu leichtgläubig, zu gut. Du hast sie dir gefügig gemacht. Du hast alles zerstört, was mir wichtig ist. Deine Geilheit ist dir mehr wert als das Glück einer Familie."
Eine ganze Weile ging das so, seine Beschimpfungen wurden immer niederträchtiger und ausfälliger. Und währenddessen schenkte er sich den Becher immer wieder voll und soff ihn aus. Lazar erinnert sich, was er dachte: – Das sind die armen Schweine, die uns Bomben schicken. – In diesem Moment heulten die Sirenen auf. Wer es je gehört hat, vergisst es sein Leben lang nicht.
Forstner ließ sich durch den markdurchdringenden Ton nicht ablenken: "Da kommt die Strafe für Kriegsverbrecher und ihre Gefolgschaft." Er konnte sich inzwischen kaum mehr auf den Beinen halten. "Wir dulden keinen Genozid, keine Konzentrationslager, keine serbischen Massaker. Und ich, ich werde es nicht zulassen, dass du noch einmal in die Nähe meiner Frau kommst."
Lazar wollte weg, diesen Verrückten loswerden. Was hatte er mit ihm zu schaffen? Doch der kam schwankend auf ihn zu und packte ihn mit der übermenschlichen Kraft eines Betrunkenen: "Entweder bist du von Stunde an tot für sie oder du kommst hier nicht lebend weg." Lazar wollte sich befreien, schaffte es bis auf die Straße. Forstner bekam ihn am Hals zu fassen, packte zu mit Händen wie Schraubstöcke, schnürte ihm die Luft ab. Lazar fand das Messer in der Jackentasche. Das Messer, das er seit Kriegsbeginn immer mit sich trug, ohne zu wissen, was er damit anfangen wollte. Jovan hatte sich seinen Spott daraus gemacht: "Lazar und ein Messer! Pass auf, dass es dir nicht in der Hosentasche aufspringt und deine Männlichkeit beleidigt. Niemand wird sich fürchten vor dir, weil du ein Messer mit dir herumträgst. Weißt du überhaupt, wie man die Klinge herausschnappen lässt?" Jetzt schnappte die Klinge heraus. Er stach zu, bevor ihm schwarz vor den Augen wurde. Das hat er getan?
Er liegt in seinem Bett, und wie immer, wenn er sich an diese Szene erinnert, sieht er einen Mann, der zusticht und der nichts mit ihm zu tun hat. Irreal. Beide fallen. Pfeifen und Surren am Himmel, Lichter ferner Einschläge. Lazar rappelt sich auf, schleppt sich weg, schneller, schneller. Als er zurücksieht, weil das Pfeifen bedrohlich nahe kommt, sieht er im Blitz des Einschlags am Generalstabsgebäude den Körper des Mannes genau darunterliegen. Die Druckwelle schmeißt Lazar nach hinten. Er lässt den Körper Forstners trotzdem nicht aus den Augen. So lange, bis in Sekundenbruchteilen Staub und Schutt herabstürzen, wie es ihm scheint, herab auf den am Boden hockenden Mann, der Christoph Forstner ist. Dann sieht Lazar nichts mehr. Er humpelt aus der Staubwolke.
Irgendwie kam er in die Husinski rudara, Julijana stürzte ihm entgegen: "Die Mutter!" Und dann gab es keine Zeit und keinen Raum mehr, um über Forstners Schicksal nachzudenken. Slavicas Herz hatte während des Sirenengeheuls aufgehört zu schlagen …
Lazar erwacht mit Schrecken aus den Erinnerungen, sein Puls rast.
Man brachte Slavica mit dem Auto des Nachbarn in die Klinik. Ihr Kopf lag auf seinem Schoß. Er versuchte sie wiederzubeleben, blies ihr seinen Atem in die Lungen. Es half nichts. In der Klinik stellte man Slavicas Tod fest.
Lazar muss weinen, wenn er daran denkt.
Er hört die Geräusche draußen auf der Straße. Jemand singt irgendwo.
Kann es sein, dass Forstner diese Nacht überlebte?

(S. 122-124)

© 2018 Verlag Anton Pustet, Salzburg.

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