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Philipp Hager: wolkenjagd.

Leseproebe:

Mundus ex igne factus est, sagten die römischen Legionäre: Die Welt ist aus Flammen gemacht. Nicht umsonst hat dieser Satz zweitausend Jahre überdauert. Seine Buchstaben sind wie die Zacken eines Schlüsselbartes, der eine bestimmte Art schwer zugänglicher Welten aufschließen kann. Es ist nahezu unmöglich, heute noch zu ermessen, was es bedeutet hat, unter dem Adler zu marschieren. Aber will man einen Versuch wagen, kann dieser Satz Zutritt verschaffen. Er passt ebenso in diese Jahre meines Lebens. Auch meine Welt war aus Flammen gemacht. Ich lebte zwischen Blitz und Donner. Den Einschlägen so nahe, dass die Elektrizität durch mich hindurchfloss und blaue Funken zwischen meinen Blutkörperchen tanzten. Ich hielt das Fieber in mir wach wie eine Bruttemperatur, um etwas heranzuziehen, von dem ich nicht wusste, was es war; dessen Schnabelspitze ich aber spürte, wenn es sich hinter meinem Rippenbogen drehte, dessen Flügel sich weich gegen mein Herz drückten.
Noch heute ist mir ein Rätsel, wo seine Ursprünge liegen, wie es in mir entstanden ist. Ich weiß nur, dass es eng mit meinem Mut verknüpft war. Nicht mit dem großen Mut. Aber mit dem kleinen: einen Fremden ansprechen, ein unbekanntes Viertel erforschen, in einer Strandbude gekochten Seeigel bestellen, die Wartezeit bis zum Anschlusszug im Morgengrauen in einer zwielichtigen Bahnhofskneipe überbrücken … Der kleine Mut ist alles, was man braucht. Das ist zumindest meine Meinung. Um den großen braucht man sich nicht zu kümmern. Der kommt von allein. Er folgt dem kleinen Mut wie ein Wal einem Fischschwarm. Der größte Mut: der zu sich selbst.
Ein paar Wochen nach dem Treffen mit Diego spazierte ich die nächtliche Schönbrunnerstraße entlang. Das weiße Licht der Laternen mischte sich mit dem Glühen der Schaufenster, diesem seltsamen Bernsteinschimmern, das man untertags vergeblich suchen würde und das jetzt die Straßen beherrschte. Es strömte heraus wie goldener Sand, sammelte sich zu kleinen Wirbeln, wischte in träge glänzenden Bahnen über den Asphalt. Ein so dichtes Licht, dass man es fast schmecken zu können glaubte, harzig, quarzig, wie ein vollmundiger Weißwein. Dann war da noch die Farbe des Himmels. Man glaubte, man sah ihn nicht, so dunkel spannte er sich über die Häuser. Aber wenn man genau hinschaute, sah man ihn doch, überhaucht von mildem Glanz.
(S. 114 ff)

© 2018, Braumüller Verlag, Wien.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



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