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Eva Lugbauer: Und am Ende stehlen wir Zitronen.

Leseprobe:

An diesem Abend war die Sonne schon hinter den Bergen verschwunden. Nichts glitzerte mehr. Nichts funkelte. Der See lag dunkel vor mir. Eingekesselt von Bergen, dachte ich, ja, es ist ein eingekesselter See. Und allein war ich hatte einen Rucksack neben sich abgestellt.
nd ich dachte, wieso muss hier jetzt eine Frau sitzen? Das ist meine Bank! Auf dieser Bank sitze immer nur ich. Allein. Aber was sollte ich tun? Eben. Darum, vorüberschleichen, grüß Gott sagen, eine andere Bank suchen.
»Diese Sommerabende«, sagte die Frau zu mir, mit einer Geste zum Himmel. Ich wollte Ruhe in meinem Kopf und um meinen Kopf und erwiderte also nichts als ein Lächeln und Nicken, wollte weiter um den See schleichen.
»Diese Sommerabende«, sagte die Frau noch einmal.
Nun gut, Frau Isa, dachte ich. Musst du wohl höflich sein. Musst du wohl stehen bleiben. Musst du wohl etwas erwidern. Was könnte man sagen? Man könnte sagen, wie wunderbar die langen Sommerabende seien, weil so lange im Hellen sitzen und der Sonnenschein und überhaupt.
»Diese Sommerabende sind nicht auszuhalten«, sagte die Frau. »Dieses Licht, diese Sonne. Und vor allem: diese gute Laune. Durch die Luft, durch den Radio, durch den Fernseher, durch die Zeitung, überall wird die gute Laune versprüht. Überall wird einem weisgemacht, ein fabelhafter Sommer steht vor der Tür, der genützt werden muss«, sagte die Frau, und dass sie diese gute Laune nicht mehr ertrage, keinen Tag länger.
Genau meine Meinung, dachte ich und sah die Frau genauer an. Weißes Haar, schulterlang, lockig, ein Tuch darin. Sonnenbrillen auf der Nase. Ein langer Ohrring baumelte unter dem Haar hervor, nur auf einer Seite, asymmetrisch. Sie trug eine geblümte Bluse, sehr geblümte Bluse, sehr bunt geblümte Bluse, die bis an die Knie reichte. Leggins. Und: goldene Turnschuhe. Schick, dachte ich. Nur der Rucksack passte nicht zum Outfit. Warum der Rucksack? Eine Wanderin? Wanderer gab es im Sommer viele in Unterfichten. Aber in diesem Outfit? Ganz und gar nicht typisch Wanderin. Ganz und gar nicht typisch Unterfichtenerin. Sympathisch. Frau mit Stil. Könnte ich auch so werden? In dreißig Jahren? Nein, dachte ich dann. Denn: Bunter Vogel. Würden die Unterfichtener die Frau beschreiben, würden sie bunter Vogel sagen. Und bunter Vogel war ich keiner. Ich war die nette Isa Erlinger. Die freundliche Kindergartentante. Die liebe Freundin vom Berger Martin. Die süße Maus, vielleicht. Vielleicht sagten sie das, wenn sie über mich sprachen. Süße Maus. Wahrscheinlich aber mit einem Unterton: ganz geheuer ist sie uns nicht, die zugereiste süße Maus aus Oberfichten, redet nicht viel, aber immerhin, muckt nicht auf und ist lieb zu den Kindern. Und gute Brüste hat sie ach, hätten sie gesagt. Außerdem wahrscheinlich: Die gehört einmal ordentlich – und dann die Geste mit den Hüften. Auf diese Weise kam ich vielleicht in den Gesprächen der Unterfichtener vor. Bunter Vogel hätte keiner zu mir gesagt.
Die Frau auf der Bank steckte sich eine Zigarette an. »Wollen Sie auch eine?«, sagte sie in meine Richtung.
Zigaretten! Das war eine Idee! Ich hatte seit Jahren keine Zigarette mehr geraucht, aber an diesem Abend hielt ich eine Zigarette für eine überaus gute Idee. Ich setzte mich also auf die Bank und rauchte mit der Frau. Eine Zigarette, dachte ich mir, und dann gehe ich nach Hause. Aber Zigaretten lassen Eis schmelzen. Sprich: Nichts mehr mit Reden über nervige Sommerlaune. Nichts mehr mit harmlos. Eingemachte Themen jetzt. Tote Tochter, sagte die Frau. Unfall. Und Sterbetag, der zehnte. Heikle Geschichte, dachte ich. Konnte ich mich auch nicht einfach aus dem Staub machen nach der ersten Zigarette. Blieb ich also sitzen. Zweite Zigarette. Und hörte zu. Noch mehr Eis schmolz. Da sei ein Geliebter gewesen, früher, schon lange her, sagte die Frau, ein Geliebter, der nicht zu ihrer gemeinsamen Tochter gestanden hatte. Außerdem: später ein gewalttätiger Mann, dazwischen Geldmangel, irgendwann ein abgetriebenes Kind, irgendwann Diagnose Brustkrebs, irgendwann aufgeschnittene Pulsadern. Das ist ein Leben, dachte ich. Diese Frau hatte wenigstens einen Grund für ihre schlechte Laune. Ich hingegen. Warum saß ich betrübt auf dieser Bank? Weil in meinem Leben nichts passierte. Ein Polterabend mit Peniskekesen, das ja. Aber sonst. Nichts. Wegen nichts saß ich betrübt hier.
Wir rauchten noch eine Zigarette. Die Frau schwieg. Was gab es über mich zu sagen?
»Frisch wird es langsam«, sagte ich. Quasi Überleitung: harmloses Gesprächsthema. »Wissen Sie, Sie erinnern mich an meine Tochter«, sagte die Frau.
Überleitung missglückt. Wieso erzählte sie mir das alles? Es war genug jetzt. Nicht mich da reinziehen lassen. Nach Hause, sonst nichts mehr.
»Und wo geht es für Sie heute noch hin?«, sagte ich mit einem Blick auf den Rucksack neben der Frau. »Ach, ich mache eine längere Reise«, sagte sie. »Dann gute Reise«, sagte ich. »Und gute Nacht.«

(S 16 ff)

© 2018 Verlag Wortreich, Wien.



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