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Corinna Antelmann: Drei Tage drei Nächte.

Roman.
Wien: Septime, 2018.
240 Seiten; gebunden; Euro 22,-.
ISBN 978-3-902711-77-9.

Autorin

Leseprobe

Rückzug in das Schädel-Gefängnis

An dem Freitag, mit dem der Roman "Drei Tage drei Nächte" von Corinna Antelmann beginnt, erweist sich das Leben als mehr als unfreundlich zur Schriftstellerin Lisa, einer Frau Mitte vierzig: Ihr Liebhaber gibt ihr wegen einer Siebzehnjährigen den Laufpass, ihr Ehemann, ein Schauspieler, schlägt ihr eine Beziehungspause vor, und ihr Verleger zeigt sich von ihrem neuen Manuskript wenig begeistert.
Grund genug für die Icherzählerin, sich für die titelgebenden Tage und Nächte bis zum Montag in ihren eigenen Kopf zurückzuziehen. Dort gibt sie sich einem längeren Gedankenspiel hin, in dem sie nicht nur Rechenschaft über ihr eigenes Leben ablegt, sondern auch das Leben im Allgemeinen zu fassen versucht. Dabei dient ihr, wenn sie der inneren Monologe, des Eingesperrtseins in das "Schädel-Gefängnis" überdrüssig wird, ein enger Freund, der Bibliothekar Gerhard, als Gegenüber.
Mit ihm geht sie ins Kaffeehaus und diskutiert alles durch. Er gibt ihr Widerwort, aber trotzdem fühlt sie sich von ihm verstanden. Mit ihm arbeitet sie sich durch einen Berg von philosophischen und psychologischen Fragen, Themen der Gegenwart, aber auch der Geschichte: das Muttersein und den Feminismus, das Patriarchat und die Institution der Ehe, das Zölibat und den Ehebruch, das Fremdsein und die Heimat, Authentizität und Inszenierung, Schreibseminare und Facebook, die Offenbarung des Neuen Testaments und die Philosophie Friedrich Nietzsches sowie den Nationalsozialismus.
"Es stimmt, Gerhard, du weißt, dass es so ist: Das Rettungsboot liegt im Schädel, fest verankert in der Abstraktion." Aber die Abstraktion erweist sich als tückisch, man kann sich in ihr nicht nur einspinnen, sondern auch verheddern. Lisa weiß, dass sie mit den Wörtern nicht zur Welt kommt, trotzdem sind sie "das Einzige, was ich habe", wie sie es einmal formuliert. Dabei wünscht sie sich im Grunde nichts sehnlicher, als sich aus diesem "Unsinnsgewebe", das "die Innenausstattung meines Kopfes verklebt", zu befreien.
Offenbar misstraut die Autorin, die ihre Protagonistin versuchen lässt, die Welt und das Leben mit Argumenten in den Griff zu bekommen, den Wörtern, aus denen diese zusammengesetzt sind, denn beinahe auf jeder Seite finden sich mit einem ebenso idiosynkratischen wie kryptischen Zeichen markierte Begriffe: "wahre Liebe >.<", "Wahrheit >.<", "Schuld >.<", "echt >.<", "real >.<", "richtig >.<" etc. etc.
Dieser impliziten Sprachkritik steht Lisas Neigung zum Pauschalurteil gegenüber: über die Schauspieler, die Österreicher, die Norddeutschen, die Katholiken, die Protestanten – eine Flucht ins Rationalisieren, die oft salopp daherkommt, mit umgangssprachlichen Wendungen nicht spart, jeder Assoziation nachgibt, sich auch schon mal in Kalauern verliert, um sich dann wieder selbstironisch zu distanzieren.
Wie ihre Protagonistin Lisa wurde Corinna Antelmann in Norddeutschland geboren und lebt mit ihrem Mann und ihrer Tochter in der Nähe von Linz. Aber gegen die Versuchung, die beiden kurzzuschließen, legt sie Lisa eine Brandrede gegen die Verwechslung von Autorin und Icherzählerin in den Mund.
Am Ende dieses so sprachmächtigen wie handlungsarmen Romans decouvriert Lisa auch ihren Seelentröster Gerhard, mit dem sie sich schon beinahe schuldig wähnte, so etwas wie Ehebruch begangen zu haben, als "stummen Gesprächspartner", also vermutlich eine Erfindung Lisas. Das lässt wiederum den Verdacht aufkommen, dass auch der "Gelegenheitscoach", dem sich die verhinderte Psychologin und Pastorin Lisa bisweilen anvertraut, nur einen Teil jenes "inneren Gerichtshofs" darstellt, als den Immanuel Kant in seiner "Metaphysik der Sitten" (1797) das Gewissen beschrieben hat.
Man könnte "Drei Tage drei Nächte" aber auch als eine literarische Darstellung der Sprunghaftigkeit des Geistes, der Denkfalle der Verallgemeinerung sowie der "allmählichen Verfertigung der Gedanken beim Schreiben" lesen (in Anlehnung an Heinrich von Kleists Aufsatz "Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden", 1805/06).
Umso überraschender kommt die Entschuldigung der Icherzählerin für die teilweise enervierenden Pauschalisierungen am Ende des Buchs: "Alles, was an Bösem gesagt wird oder an Gutem, entspringt allein der Einseitigkeit unseres Denkens, das überwunden werden kann, wenn wir nur bereit wären, die Grenze zu durchschreiten." Dazu verhilft Lisa schlussendlich ein Konzertbesuch mit ihrem Schauspieler-Mann, wie sie ihn konsequent nennt, wo die Musik das vermag, woran zweihundertsechsunddreißig Seiten Monolog scheiterten. "Ich habe meine Glaubenssätze begraben, um sie hinter mir zu lassen, und da liegen sie nun, während ich dem Grab entstiegen bin." Eine veritable Erlösung.

Kirstin Breitenfellner,
29. Mai 2018

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

 

 

 

 

 

 

 

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