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Caroline Cvancara: Horak hasste es, sich zu ärgern.

Leseprobe:

Alles in allem war es ein ganz normaler und gewöhnlicher, wenn
auch ungewöhnlich heißer Frühabend im August, bis man eine
Stimme laut rufen hörte: »Ist da endlich Ruhe!«
Erwin Horak lehnte weit aus dem Fenster seiner Wohnung im
zweiten Stock der Pfeilgasse 28. Die Zornesröte brannte in seinem
Gesicht. Sein Rufen fand kein Gehör, blieb aber trotzdem nicht
ohne Effekt, denn wenigstens die Tauben fühlten sich gestört, er-
hoben sich flatternd vom Sims und flogen erbost an Erwin Horaks
Fenster vorbei, um sich ein Haus weiter niederzulassen. In diesem
Moment drehte die junge Frau im Haus gegenüber die Stereoanlage
lauter, entbrannte ein heftiger Streit zwischen dem jungen Paar im
letzten Stock und öffnete sich die Haustüre des Hauses. Ein Mann
mit seinem Hund trat ins Freie. Der Hund, Moritz, hob seine Nase
in die Abendluft, als ob er den Streit nicht nur hören, sondern sogar
wittern könnte.
Erwin Horak beobachtete das Szenario, abgelenkt von der ur­-
sprünglichen Ursache seiner Entrüstung, und schüttelte den Kopf.
»Dass die nie Ruhe geben können«, murmelte er vor sich hin
und schloss das Fenster entschieden, zog mit einem kräftigen Ruck
das Rollo herab und zog sich somit effektiv von seiner Außenwelt
zurück.
»Es wird Zeit, dass ich mir eine Wohnung in einer ruhigeren
Gegend suche«, sagte er mehr zu sich, aber auch zu dem Kaktus im
Eck, der zustimmend schwieg. »Diese Gegend wird immer verrückter,
das hält kein Mensch aus.«
Aber, was Horak noch mehr beschäftigte, war, warum all die
Menschen in seiner Nachbarschaft es darauf abgesehen zu haben
schienen, ihr Leben vor seine Nase zu tragen, wo ihn das alles doch
herzlich wenig interessierte. Ständig waren ihre Zimmer hell er­-
leuchtet, sodass man ihnen quasi bis zum Bauchnabel sehen konn­-
te, was wahrlich nicht der beste Anblick war und außerdem einen
Einblick in ihre Privatsphäre darstellte, den Horak gar nicht suchte.
Er konnte es nicht vermeiden, hin und wieder musste er das Fenster
öffnen, um zu lüften, hin und wieder streifte sein Blick das Fenster,
und dann sah er alles, einfach alles.
Jetzt saß Erwin Horak in seinem Ledersessel und hatte eine Zi-­
garre seitlich zwischen die Zähne geklemmt, las Zeitung und ver­-
suchte seinen Ärger zu verdrängen. Er murmelte Unverständliches
vor sich hin und stieß Rauchwolken aus, nicht vor Ärger, nein, von
seiner Zigarre. Er wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Blatt
zu, denn er war es überdrüssig, sich Gedanken um die Nachbar­
schaft zu machen. Genau da drangen wieder die Geräusche der
Straße zu ihm durch und auch die Musik der jungen Frau gegen­
über konnte er auf einmal deutlich hören. Horak fuhr auf und war
drauf und dran, noch einmal hinunter zu schreien. Aber, ach, die
waren die Energie gar nicht wert, und er drehte stattdessen seine
Stereoanlage auf, blätterte durch seine Schallplatten, dann empfand
er Woody Hermans Thundering Herd als just die rechte Platte, um
diesen schrecklichen Krach, das Gekreische der Kinder, das Gehupe
der Autos, das Dröhnen der Motorräder, das Stampfen der neumo-­
dischen Musik und das nervtötende Gequatsche der Vorbeigehen­
den ein für alle Mal aus seinem Wohnzimmer zu verbannen.
Und Horak hasste sich im selben Moment, dafür, dass er nicht
schon vor Jahren aus der Stadt gezogen war, oder sich einen ver­-
nünftigen Job gesucht hatte, der es ihm ermöglicht hätte, zu dieser
frühen Abendstunde in irgendeinem Büro ohne jeden Menschen
zu sitzen.

(S. 11-13)

© 2018 Verlag Wortreich, Wien

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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