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Robert Seethaler: Das Feld.

Roman.
Hanser Berlin, 2018.
240 S., geb., € 22,70 [A].
ISBN 978-3-446-26038-2.

Autor

Leseprobe

Der alte Mann, der dem Paulstädter Friedhof fast täglich einen Besuch abstattet, "malte sich aus, wie es wäre, wenn jede der Stimmen noch einmal Gelegenheit bekäme, gehört zu werden". Ausgehend von dieser romantischen Reverie entfaltet der Autor eine geschickt inszenierte Fiktion, bestehend aus einigen Dutzend Figuren, die jenseits des Grabes auf die Höhen und Tiefen ihrer versunkenen Existenzen zurückblicken und dabei Klarheit gewinnen über ihr vergebliches Verlangen und Scheitern, die rätselhaften Wechselfälle ihrer irdischen Tage.

Erinnerungen aus der Kindheit werden wachgerufen, die erste Liebe, die erste Enttäuschung und immer wieder Krankheit und Einsamkeit bestimmen diese episodenhaften Biografien, die als eigenständige Mikroerzählungen für sich bestehen könnten. In Das Feld gehören sie einem kleinstädtischen Beziehungsgefüge an, in dem die Lebenden und die Toten aufeinander bezogen sind und es anscheinend bis in alle Ewigkeit bleiben.

Stand in Seethalers letztem Roman Ein ganzes Leben die Figur des Andreas Egger im Zentrum der Handlung, so kommen hier die Bewohner von Paulstadt zu Wort und stimmen ein in die sich weit auffächernde erzählerische Polyphonie. Wir erfahren vom braven Gemüsehändler Navid al-Bakri, von Pfarrer Hoberg, der eines Tages seine Kirche in Brand steckt, vom korrupten Bürgermeister, dem Landwirt Karl Jonas, der, vom Geld verlockt, das ererbte Land verkauft, von Heide Friedland, die zahllose Affären gehabt, aber nur einmal geliebt hat, oder von Annelie Lorbeer, zu deren 105. Geburtstag "niemand mehr gekommen" ist. Von diesen und anderen gewöhnlichen Menschen, die auf dem Bilderbogen des Daseins vorbeidefilieren, wissen diese romanesken Charakterstudien auf unterhaltsame, doch stets ernste Weise zu berichten.

Die großen Katastrophen wie Krieg, Vertreibung und Flucht liegen weit zurück und trüben die provinzielle Ordnung des Paulstädter Mikrokosmos nicht. Verbrechen werden nicht begangen, Bösartigkeit und Niedertracht scheinen in eine andere Welt verbannt. Doch der Schein der Behaglichkeit, den Das Feld vordergründig verbreitet, trügt, zumal uns jedes Porträt beharrlich mit der großen metaphysischen Frage des Todes konfrontiert, die zu verdrängen uns der Verfasser nicht gestattet. Wir müssen uns mit ihr auseinandersetzen, müssen die Hand am Sterbebett aushalten, uns dem quälenden Gedanken ans Altern und Krankwerden lesend stellen. In diesem Punkt zeigt sich Seethaler unnachgiebig und bietet als einzigen Kompromiss den späten Gestus der Versöhnlichkeit, der den leisen Monologen der Toten innewohnt. Ja, manchmal waren sie glücklich, hatten echte und tiefe Empfindungen, die freilich nicht über ihre an Enttäuschungen und Rückschlägen tatsächlich so reiche conditio humana hinwegtäuschen können.

Über den Figuren liegt der Schleier schmerzlich süßer Melancholie, weil ihre Sehnsüchte selten erfüllt und ihr Daseinshunger nur für Augenblicke gestillt werden. Letztlich erweist sich die Einsamkeit als die große Verbündete dieser in ihre Einzelschicksale verstrickten Charaktere, die wie Fremde durchs Dasein taumeln. Und wenn Connie ihre Gefühle Fred verständlich zu machen sucht, dann deuten solche ins Leere gehenden Worte die allen Romanfiguren innewohnende Unfähigkeit, sich verständlich zu machen, exemplarisch an: "Starr lächelnd blicke ich in die Ferne und sage: Hier am Meer wird mir immer bewusst, wie sehr ich die Freiheit brauche. Die Unendlichkeit mit all ihren Möglichkeiten von Nähe und Distanz. Fred sagt: Aha. Ich sage: Es ist wirklich das Paradies. Fred sagt: Ja, aber nach dem Gewitter stinkt es ein bisschen […]."

Angelegt wie eine weit ausholende Parabel auf Leben und Tod, die in ihrer zeitlosen Ernsthaftigkeit weder digitalen Tand noch Bildschirm-Glamour duldet, führt uns Das Feld die Absurdität unseres Seins drastisch vor Augen. Insofern erstaunt es nicht, dass die Verstorbenen ihrem Erdendasein nicht nachtrauern und wie Sophie Breyer das Thema mit dem lapidaren Ausruf "Idioten" abhandeln. Witz und Komik, aber auch das befreiende Ja zur eigenen Existenz scheinen eben erst im Jenseits möglich.

Seethalers jüngstes Buch ist traurig und tragisch zugleich und schöpft meisterhaft aus dem tiefen Fundus der Erfahrung. Es ist das Werk eines philosophischen Seelenkenners, der jenseits von Pathos und Verzweiflung bedächtig ein schillerndes Kaleidoskop menschlicher Leidenschaften entwirft und als Plädoyer für die dunklen Töne des Diesseits auch Tröstliches für uns bereithält: "Die Traurigkeit ist das Einzige, was geblieben ist. Aber vielleicht ist das nicht das Schlechteste." Wer Derartiges schreibt, macht uns schwerer und leichter zugleich.

Walter Wagner, 2. Juli 2018

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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