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Josef Oberhollenzer: Sültzrather.


Leseprobe:

Sültzrather hätte nie in pension gehen wollen
oder: Der anfang hört immer mit einem ende auf.

"Von deinen Kindern lernst du mehr als sie von dir:
Sie lernen eine Welt von dir, die nicht mehr ist;
Du lernst von ihnen eine, die nun wird und gilt."
(Friedrich Rückert, Alt und neue Welt)


1.
Sültzrather hätte nie in pension gehen wollen; wäre er lehrer gewesen. Aber weil er ein dichter war, hatte er dazu, wie er in sein letztes notizbuch schrieb, ein paar monate vor seinem tod, keinen hinreichenden Grund; sein leben sei keine Abfolge von Jahreszeiten. Seit seinem sturz vom baugerüst und also seit dem beginn seiner rollstuhl- und schreiberexistenz sei es nichts als eine aneinanderreihung von tagen und sätzen, dieses leben; aber es folge kein tagsatz daraus, nie, das wertlose geselle sich zum hilflosen, wer auch immer das verstehen mag. – Wäre ich Lehrer gewesen, hätte ich nie in Pension gehen wollen, denn ich hätte nichts mehr lernen können darüber, was einmal kommen wird; wäre ich Vater geworden, hätte ich Kind nach Kind gezeugt, so hätte ich inständig in die künftige Welt geschaut. Aber als dichter lerne er nur, was gewesen sei; nichts als die erinnerung. Auch wenn sich die erinnerung verändere, wenn sie werde und vergehe und sich aufplustere und manches mal und immer schon bald ein anderes sei als das einmal gewesene, bleibe sie doch nichts als vergangenheit und leuchte bloß irrlichternd in die gegenwart herauf. Damit habe er zu leben versucht, von satz zu satz; aber er habe es nie so gelernt, diesen zustand einer chronischen zukunftsanämie oder zukunftsanorexie auszuhalten, daß er damit hätte ruhig einschlafen können wie der eine, der endlich den unterschied zwischen einem term und einer therme verstanden hat. Mir selbst scheint ja, je mehr ich darüber nachdenke, die Liebe zur Mathematik in jenem Frühjahr abhanden gekommen zu sein, schreibt Sültzrather, als ich damals, in einem unbewachten Augenblick eines zerstreuten Hinausschauens, plötzlich von einer Lehrerfrage daraus herausgerissen, von den Eigenschaften einer Therme geredet habe statt von jenen eines Terms. Das lachen der mitschüler hätte ihm wahrscheinlich nichts ausgemacht; aber das überbordende, immer wieder neu anschwellende, das beinahe unstillbare Gelächter des Lehrers habe ihm, so denke er jedes mal mehr, wenn er sich daran erinnere, die liebe zur Mathematik ausgetrieben, mit jedem Anschwellen mehr – bis er selbst von einem lachanfall überfallen worden sei. Dann sei es irgendwie aus gewesen; wie erstarrt habe er danach aller mathematik zugeschaut, habe sie an sich abprallen sehen; und sei doch zwischendurch etwas mathematisches in ihn hinein, habe er es sofort wieder ausgespuckt wie etwas Ekelhaftes, wie etwas Giftiges, wie etwas, das - -. Und auch das Singen ist mir dort gestohlen worden, viel früher schon. – Bin ich darum von der Schule ab und Zimmerer geworden? Denn eigentlich habe er immer lerher werden wollen, bis zu jenem Thermen- oder Termzwischenfall, schreibt Sültzrather, habe ich immer Lehrer werden wollen; daß keinem mehr das singen ausgetrieben wird oder das Lesen oder das Rechnen oder das Denken oder das Schreiben-. Denn welches kind wolle nicht lernen, wenn es in die schule komme? Welches kind wolle nicht weiterlernen, wolle nicht weitertun, wo es aufgehört habe – und nun schreiben und lesen und rechnen lernen, wenn es in die schule komme? Wie es ja schon, wie alle anderen kinder und beileibe nicht ohne große Anstrengungen, das sitzen und das stehen und das gehen und das reden gelernt hat?

(S. 115ff)

© 2018, Folio Verlag, Wien-Bozen

 

 

 

 

 

 

 

 

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