Ferdinand Schmalz: leibstücke

Herausgegeben von Friederike Emmerling und Stefanie von Lieven.
Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch, 2017. 288 S., brosch., Euro 12,40.
ISBN: 978-3-596-29933-1.

Autor

Leseprobe

Der Schriftsteller Christian Futscher – alles Andere als ein Romancier! – behauptet bei seinen Lesungen gelegentlich, dass die Verlagshäuser Erzählungen als "Kassengift" bezeichnen. Paradoxe Intervention: Futschers jüngste Veröffentlichung ist ein Gedichtband ("Grüße an alle", Verlag Berger 2018). "Es gibt nur ein Genre, bei dessen Anblick sich einem Verleger das Gefieder noch heftiger sträubt als bei Lyrik", konstatiert Kurt Bracharz im Vorwort zu seinem veröffentlichten Mailverkehr mit Paul Renner, "und das ist der Briefwechsel."
Nun: Auch Dramen in Buchform dürfen als kaum bestsellerverdächtig gelten. Da trifft es sich gut, wenn sich ein Band Theatertexte bewerben lässt mit einem runden Aufkleber, der besagt: "Ingeborg Bachmann Preisträger 2017".

Beim nur noch wenige Tage "aktuellen" Preisträger handelt es sich um einen Autor, der sich wie sein Vorgänger aus dem Jahr 1995 unter nicht bürgerlicher Signatur einen Namen machte: Damals Franz Stefan Griebl, schon als Franzobel, heute Matthias Schweiger, als Schreiber Ferdinand Schmalz.
Und die erste selbständige Veröffentlichung dieses Ferdinand Schmalz möge in der Lage sein, ihr "Backlist"-Dasein nicht unbeachtet zu führen …! Mögen die "leibstücke" weiterhin gekauft und gelesen werden, auch dann, wenn der nächste Buchtitel ein frisches Preis-Pickerl aus Klagenfurt vorweisen kann, denn: Schmalz' Stücke sind nicht nur inszenierens- und sehenswert. Sie sind auch ein Stück bravouröser österreichischer Gegenwartsliteratur; sie sind faszinierende Lektüre.

Der Umstand, dass das Schreiben des Ferdinand Schmalz wenige Monate vor dem Ingeborg-Bachmann-Preis mit dem "Förderpreis Komische Literatur" beim "Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor" ausgezeichnet wurde, darf ruhig auch als "Pickerl" gelten.
Ohne zu werten sei erwähnt, dass der so genannte "Siegertext" aus Klagenfurt, "mein lieblingstier heißt winter" – unvergesslich allein schon durch das leitmotivische "rehragout"! –, im Taschenbuch nicht abgedruckt ist. Das, obwohl zwei jeweils als "monolog" bezeichnete Prosastücke des Autors ("am apparat" und "schlammland gewalt", einmal die Ansprache eines Museumsaufsehers an AusstellungsbesucherInnen, einmal die Quasireportage eines in einen Erdrutsch Involvierten) durchaus vergleichbar sind mit dem Palaver jenes Gefrierkostzustellers, dem Jury und Publikum seine Geschichte gern abgekauft haben.

Die Buchpublikation "leibstücke" – nicht nur bei den Titeln, sondern im gesamten Textkorpus ist konsequente Kleinschreibung der Fall – enthält die Dramentexte "am beispiel der butter" und "dosenfleisch", die drei Auftragsarbeiten "am apparat" (für das Schauspielhaus Graz), "der herzerlfresser" (für das Schauspielhaus Leipzig) und "der thermale widerstand" (für das Schauspielhaus Zürich) sowie das zum Zeitpunkt der Drucklegung noch unaufgeführte "schlammland gewalt", uraufgeführt am 22.12.2017 in der "Box" (Deutsches Theater Berlin). Das erst 2018 aufgeführte "jedermann (stirbt)", verfasst auf Einladung des Burgtheaters, fehlt naturgemäß.

Nicht im Inhaltsverzeichnis aufgeführt sind vier unpaginierte Seiten, die angehängt sind an das Nachwort von Peter Waterhouse – in dieser vehementen Würdigung des jungen Schriftstellers wird der Gepriesene grundsätzlich unter den Initialen seines Künstlernamens benannt, was zu prätentiösen Wendungen à la "F. S.ens Personen" führt – und den formalisierten Nachweis der Druck- und Aufführungsrechte. "nachsatz:", "nachnachsatz:", "nachnachnachsatz:", "nachnachnachnachsatz:" – angehängt wie eine Lok.

Kraftvoll führt dieses Triebfahrzeug von Kürzesttexten in den Schmalz'schen Kosmos: "nahezu überall in der deutschsprachigen theaterlandschaft / wird der nachbesetzung der theaterkantinen / zu wenig aufmerksamkeit gewidmet", postuliert der Autor, der im Interview mit einem Wirtschaftsmagazin auf die Frage, wofür er sein Geld "gerne" ausgebe, antwortete: "Bücher und Essen." Die zweite Miniatur wirft die Jamben-Pumpe an und lässt, en passant einen Witz mit verfressener Motte erzählend, anklingen, was Schmalz' Bühnentexte so ausgesprochen groovy und gleichermaßen paraklassisch macht. Nächste Meldung auf der "To Do"-Liste für den Theaterbetrieb: "der stillen komplizenschaft / zwischen dem intendantenschreibtisch / und der nebelmaschine / muss nachgegangen werden." Zuletzt zwei Zeilen, je zwei Wörter: "im zweifelsfall / fliegen lernen."

Nicht nur textlich ist das Taschenbuch "leibstücke" bis hin zur hinteren Umschlagseite ("THEATER / ODER WIE ICH ES NENNE: / SAUNA FÜRS GEHIRN") dezidiert liebevoll gestaltet, wie sonst weniger bei den Major-Labels der Verlagsszene als bei Kleineditionen mit Mitsprachemöglichkeit für die AutorInnen üblich oder zumindest möglich. Das dürfte das Verdienst der Herausgeberinnen Friederike Emmerling und Stefanie von Lieven sein, die sich für "Deutsche zeitgenössische Dramatik" bei S. Fischer Theater engagieren und dabei auch AutorInnen wie Marlene Streeruwitz, Ewald Palmetshofer oder Kathrin Röggla verlegen.

Schon das Titelblatt unterläuft gängige Vertriebsästhetik: Zu sehen ist ein Ausschnitt aus einer Fotoarbeit von Leon Höllhumer. Das Bildmotiv entstammt einer Serie, in welcher der wie Ferdinand Schmalz im Graz der 1980er-Jahre geborene Künstler seinen unorthodox gebauten Landsmann in überraschenden Posen zeigt und ihn in bizarre Inszenierungen einbaut. "visit at the hospital 2013" heißt die Aufnahme, die einen Menschen im offen klaffenden Morgenmantel zeigt: In der grindigweiß verbundenen rechten Hand des Schnurrbartträgers befindet sich ein stift- oder spritzenförmiges Objekt, das er an seinen nackten, behaarten, rot und schwarz bemalten Oberkörper hält, während die eingegipste Linke undefinierbar im Schritt ruht.

In der Kritik zu Aufführungen von Schmalz-Stücken, die im Molkereiwerk spielen und am Beckenrand des Kurbads, "hinter der tanke" und "im hobbykeller" , "in der bahnhofsreste" und "am nächtlich verlassenen gewerbepark", fallen mit schöner Regelmäßigkeit und durchaus nachvollziehbar die Namen Horváth und Schwab. Das hat auch mit dem Personal zu tun, das sich aus dem verformten Korpus "Volksstück" rekrutiert – an Ferdinand Schmalz' dramatischen Verwicklungen hat "der fernfahrer" genau so Anteil wie "fußpflegeirene, 34". Mehr als ironisch (bereits im Rollenverzeichnis, erst recht aber nach Lektüre oder Theaterbesuch) wirkt die Bezeichnung "exekutivbediensteter" für den brutalen "hans" aus "am beispiel der butter".

Immer wieder sind Schmalz' Figuren, namentlich ihre Körper und ihre Seelen, Gewalt ausgesetzt. Doppeldeutig formuliert der Dramatiker die Taktung seiner Stücke jeweils nach der Aufzählung der Rollen:

pausen:
/           ein schlag
//         zwei schlag
///       drei  schlag

 

Bloß in der "wiener roh(fleisch)fassung" [sic!] von "der herzerlfresser" stehen die Schrägstriche nicht für "schlag", sondern für "herzschlag". Der durchschlagende Erfolg der bisherigen Inszenierungen spricht für RegisseurInnen und Darstellende, wohl stärker aber noch für die Wucht der Texte jenes Autors, dessen persönliche Theatersozialisation nicht im Publikum, sondern auf der Bühne begonnen haben soll: Als Leiche in "King Lear".

Für die stille oder halblaute Lektüre der Stücke von Ferdinand Schmalz – zusätzlich zur oder auch unabhängig von der Wahrnehmung ihrer jeweiligen Umsetzungen – sprechen nicht zuletzt die Unter- oder Zwischentitel, mit denen der Autor eine jede seiner pro Stück ein bis zwei Dutzend Szenen versieht: Überschriften wie "du schlägst nicht allein", "kein land in gischt" oder "untotes potential" zünden sofort. Andere wie "von grenzenloser unverdelltheit" oder "vom körperlosen sprung zum satz" geben ihren Wirkstoff zeitversetzt ab. "und schimmert dünn am horizont ein butterfilm" – sollte im mehrfach ausgezeichneten Dramatiker und Prosapreisgewinner Schmalz gar auch ein Dichter schlummern?

Auf der Bühne sind diese im Buch prominenten, fetten Zeilen, wenngleich "ans kuriöse publikum" adressiert, allenfalls als Inspiration für die Regie präsent. Schon sie allein jedoch zeugen von einem klugen, witzigen, so formbewussten wie verspielten, so reflektierten wie lustvollen Urheber verquer-körperlicher Schrift, welche es wert ist, die Romane der Saison für einmal beiseite zu legen.

Petra Nachbaur
05. Juli 2018

Originalbeitrag
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