Ferdinand Schmalz: leibstücke

Leseprobe:

es gibt einfach grenzen. / auch wenn die leute sich, die wollen sich heute produzieren, drüber hinaus. der persönliche produktionszwang, der kennt heut keine grenzen mehr. die leute kennen keine grenzen mehr. es gibt in diesem raum ein paar einfache regeln, klare grenzen, zu deren einhaltung ich hier angestellt. den anstand, der einer institution, wie diesem museum hier, gebührt, einzufordern bin ich berufen als wärter, museumswärter oder besser wächter. weil man vor allem wach ja bleiben muss für all die kleinen überschreitungen. die allerkleinsten verletzungen der regeln müssen mit der allergrößten härte auch geahndet werden. / haben sie ihr handy abgedreht? das telefonieren ist striktens untersagt hier in den ausstellungsräumlichkeiten. da kenn ich kein pardon. wenn ich ein handy läuten hör, dann ist es aus, dann ist man draußen. dann war es das für heut. dann hat man eine grenzverletzung hier begangen, die einen weitren aufenthalt in dem museum unmöglich macht. dann wird man abgeschoben, ausgesondert, die aufenthaltserlaubnis ist leider auf weiteres entzogen dann. da muss ich leider dann die konsequenzen ziehen. wo kommen wir denn hin, wenn jeder sich hier aufführen kann, wie es ihm oder ihr jetzt passt. zu hause soll ein jeder oder jede tun und lassen doch, was ihm oder ihr so passt. das ist dann ihr intimraum, da können sie sich kultivieren, was sie an unkultur so kultivieren wollen.

(S. 241)

© 2017 S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main